Yell-free Challenge 2014 – sein Kind nicht mehr anschreien

yell free year-2Ich habe den Eindruck, Vorsätze fürs neue Jahr sind irgendwie out. Ich muss ja sagen, ich bin ein großer Fan davon. Als ich früher noch regelmäßig Tagebuch führte, habe ich, wenn sich Silvester langsam ankündigte, meine Einträge des zu Neige gehenden Jahres durchgelesen und mir angeschaut, was gut lief, was weniger gut lief und überlegte mir dann, was ich im kommenden Jahr besser machen könnte. Kam immer gut was zusammen. Ich mag das. Mich hat das weitergebracht.

Auch wenn ich, dem Zeitgeist entsprechend, mittlerweile mehr im Internet als in meinem Tagebuch schreibe, habe ich mir für 2014 einiges vorgenommen. Und meinen wichtigsten Vorsatz möchte ich nicht nur mit Euch teilen – ich wünsche mir, dass ganz viele mit mir mitmachen. Und ein bisschen schwer fällt es mir schon, darüber zu schreiben. Voll gelogen, fällt mir super schwer.

Mein Vorsatz fürs nächste Jahr: Ich will mein Kind nicht mehr anschreien.

Dieser Vorsatz impliziert natürlich auch ein Geständnis: Ich habe mein Kind angeschrien. Und das ganz schön oft im letzten Jahr. Und ich fürchte, ich werde es wieder tun.

Ich habe Schreien schon immer als eine Form von Gewalt betrachtet. Das hat mir mein Kind auch früh gespiegelt – wenn ich ihm gegenüber laut wurde, reagierte er, indem er mich haute. Und wenn man sich überlegt, was Schreien bedeutet und bewirkt, dann ist das physischer Gewalt sehr ähnlich – da geht es um Dinge wie Einschüchterung, Verletzung oder Angst auf der einen Seite und Dinge wie Aggression, Dominanz, Unbeherrschtheit auf der anderen. Das will ich alles nicht haben, nicht in meinen Beziehungen zu Erwachsenen und schon gar nicht in der Beziehung zu meinem Kind.

Ich bin meinem Kind gegenüber schon immer lauter geworden, als ich es mir eigentlich wünsche. Ich habe das immer als Problem gesehen. Aber ich kam da irgendwie nicht raus, es passierte einfach immer mal wieder. Aber die letzten Monate gingen gar nicht klar. Vielleicht schreibe ich darüber, was bei uns zu Hause los war, bei Gelegenheit mehr. Was ich heute sagen kann: Es waren schlimme Monate, der Lärm- und Stress-Pegel war auf allen Seiten hoch. Ich war frustriert und unglücklich (zunächst wegen Dingen, die nichts mit meinem Kind zu tun hatten, aber das lässt man ja leider selten dort, wo es hingehört), ratlos und fühlte mich wie eine miserabele Mutter. Mein Kind war unzufrieden, unfröhlich und wollte ständig zu seinem Vater (der von uns getrennt lebt). Was ich heute aber auch sagen kann: Es ist okay. Ich bin sehr traurig darüber wie es war, aber ich schaffe es tatsächlich, mich nicht dafür zu verurteilen und ich glaube, das ist essentiell. Ärger ist natürlich und menschlich und auch Schwachstellen und Fehler sind menschlich. Es waren toughe Monate, aber wir haben uns aus dem Gröbsten herausgearbeitet. Es war mühsam und hat viele Tränen, Schuldgefühle, Einsichten und Kompromisse gefordert, aber wir haben seit einigen Wochen wieder das glückliche und unbeschwerte Leben, das wir vor dieser schweren Zeit hatten.

Was ich aber weiß, ist, dass es in mir drin ist, dieses Schreien. Natürlich weiß ich, woher es kommt und das ist schon hilfreich, aber es ist leider noch nicht die Lösung. Die soll jetzt kommen. Und zwar in Form der Yell-free Challenge 2014.

Was ich und die Challenge aber wollen, ist nicht nur die Abwesenheit von Schreien und Unfrieden, sondern einen neuen und besseren Umgang miteinander. Nun will ich nicht tiefstapeln; ich denke, ich bin eine sehr liebevolle und engagierte Mutter. Derzeit würde ich sogar wieder sagen, ich bin eine extrem okaye Mutter. Und ich habe mein Kind verhältnismäßig lange nicht mehr angeschrien und ich finde, ich darf darauf stolz sein. Aber ich meckere immer noch ganz schön oft und laut. Und ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich so alberne Sachen sage wie: „Wenn Du nicht…, dann…“ – und damit meine ich leider keine logischen Konsequenzen. Nennen wir, was es ist: Ich drohe meinem Kind Strafen an, wenn es nicht das tut, was ich will. Und dann gibt es Situationen, in denen mein Kind etwas macht, das mich stört und ich das zum Ausdruck bringe, aber in der faktischen Umsetzung sage ich nicht, was ich fühle oder möchte, sondern mache Vorwürfe. Dafür muss man noch nicht mal seine Stimme erheben, das ist schon so unglaublich scheiße. Und es gibt diese dunklen Momente, in denen ich wütend werde, weil mein Kind dies oder jenes tut oder nicht tut und ich Dinge zu meinem Kind sage, die ihm die Verantwortung für meine Wut zuschieben (warum mein Kind, egal was es tut, niemals die Verantwortung für meine Wut trägt, werde ich in einem meiner nächsten Texte erklären). Und dann gibt es immer noch Momente, in denen ich einfach platze vor Ärger, weil mein Kind nicht das tut, was ich will.

Nun tut mein Kind zum Glück ziemlich oft nicht das, was ich will. Das macht mir den Alltag aber nicht unbedingt einfacher. Was ich brauche, sind Lösungen für diese Situationen. Und die will ich mir erarbeiten. Es soll darum gehen, wenn nicht eine gleichberechtigte, dann doch eine gleichwürdige Beziehung mit dem Kind zu führen, in der Dinge wie Bestrafung, Herabsetzung, die Forderung nach Gehorsam, Einschüchterung, Schuldzuweisung, Drohungen und all die anderen Schrecklichkeiten keinen Raum haben.

Die Idee zu dieser wunderbaren Challenge kommt vom amerikanischen Blog Positive Parenting – Peace begins at home, ich bin vor etwa einem Monat darüber gestolpert und sie hat mich natürlich sofort angesprochen. Ich wollte sie unbedingt nicht nur „mitmachen“, sondern sie auch in den deutschsprachigen Raum holen. Ich werde mir (mit der freundlichen Genehmigung der Blogbetreiberin) viel Inspiration von Positive Parenting holen, aber auch viel anderweitig lesen und recherchieren. Die Challenge auf TofuFamily.de wird eine (auch eine recht persönliche) prozessorientierte Angelegenheit, ich weiß selbst noch nicht, wo überall hin meine Reise geht – ich bin gespannt und ich will Euch alle einladen, mir dabei zuzugucken. Ich schätze, unter anderem wird es über Autoren wie Alfie Kohn, dem ebenso wunderbaren wie unausweichlichen Jesper Juul und über Konzepte wie Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern gehen. Ich habe mir auch die Bücher der Blogbetreiberin bestellt: „The Newbie’s Guide to Positive Parenting“ und „Positive Parenting in Action“ – ich warte schon gespannt darauf, sie zu lesen und werde hier darüber berichten. Ich werde gucken, was andere Schreiberlinge zu dem Thema zu sagen haben, zum Beispiel Rachel Stafford, deren äußerst empfehlenswerter Artikel „Was Sie wissen sollten, bevor Sie Kinder anschreien“ ich vor einigen Wochen in ihrem wunderbaren Blog „Hands free Mama“ entdeckte und der nun auch in deutscher Übersetzung zu lesen ist.

Ich habe ein bisschen Angst. Und ich schäme mich, weil ich öffentlich etwas zugebe, was ich persönlich wirklich schlimm und traurig finde. Aber vielleicht bin ich gar nicht alleine damit, im Alltag immer wieder an meine Grenzen zu stoßen, nicht weiter zu wissen, bescheuerte Dinge zu sagen oder zu tun, mich immer wieder beim meinem Kind entschuldigen und ihm versichern zu müssen, dass es nicht seine Schuld ist, wenn ich ihn anschreie, sondern allein meine. Und vielleicht bin ich auch nicht alleine damit, das alles profund ändern zu wollen.

Ich jedenfalls gehe sie an: Die Yell-free Challenge 2014. Und 2015 mache ich damit weiter.

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