Graphik mit Sprechblasen, in denen steht: "Stell Dich nicht so an", "Ein I*dianer kennt keinen Schmerz", "Wer nicht hören will muss fühlen", Hast Dich bloß erschreckt!", "Gut gemacht!

 

Ist es möglich, einen solchen Artikel zu schreiben, ohne dass sich Eltern angegriffen fühlen? Ich weiß es nicht… Wir wachsen leider nicht auf in einer Kultur der Weichheit und Fehlerfreundlichkeit, sondern in einer, in der wir alle so tun müssen, als hätten wir alles im Griff, und wenn uns jemand kritisiert, dann entwertet uns das schlicht in unserem Menschsein. Gerade im Elternkontext finde ich das besonders tragisch. Ich erlebe es so, dass Eltern auf Hinweise wie in diesem Artikel primär entweder mit Empörung und Abwehr oder mit Schuld, Scham und Selbstverurteilung reagieren. Wie schön wäre es, wenn wir so sozialisiert wären, dass es okay ist, wenn wir Lernende sind und für immer bleiben! Wenn Hinweise wie hier im Artikel nicht als Kritik oder sogar Angriff betrachten könnten, sondern als Lernangebot, das wir annehmen oder ablehnen können. Und letztlich geht es in diesem Artikel genau darum: dass wir für unsere Kinder eine Wachstumskultur schaffen, in der es um genau das geht: Weichheit. Eine Kultur, in der wir unseren Kindern gegenüber weich sind, und eine Kultur, in der unsere Kinder mit ihrer Weichheit verbunden bleiben können. Letztlich geht es nämlich bei dieser Auflistung eigentlich nicht so sehr um die Wörter, die wir benutzen, sondern um unsere Haltung, um unsere Energie dahinter. Es geht um unserer Erwartungshaltung, um die Muster, mit denen wir selbst aufgewachsen sind und die sich in unserem Umgang mit unseren Kindern widerspiegeln. 

Übrigens: Viele dieser Sätze habe ich selbst schon meinem Kind gesagt, und es war ein Prozess zu erkennen, welche Message ich ihm da tatsächlich mitgebe, mir diese Sätze abzugewöhnen und herauszufinden, was ich stattdessen sage. Und einige wenige dieser Sätze rutschen mir immer noch ab und zu raus… Wir sind und bleiben alle Lernende und Übende. 🙂 

„Sei brav!“

Okay, was würde unser Kind wohl machen, wenn wir ihm diesen Satz nicht sagen – das Haus anzünden? Die Weltherrschaft an sich reißen und eine Kinderdiktatur errichten? Oder – Gott behüte!! – UNGEHORSAM SEIN? Denn eigentlich geht es ja beim Bravsein genau darum: gehorsam und artig sein.

Ich bin weder ein Fan von Gehorsam und auch nicht vom Artigsein. Ich habe meinem Kind sogar explizit gesagt: „Wenn Erwachsene wollen, dass Du etwas tust, dann tu es nur, wenn Du es auch sinnvoll findest.“ Und es hat bisher keine Häuser angezündet. Bedauerlicherweise auch nicht die Weltherrschaft an sich gerissen.

Und wenn wir uns mal bewusst machen, was dieser Satz eigentlich bedeutet, dann müssen wir uns klar machen: Er ist ein Misstrauensvorschuss. Wir machen unserem Kind damit klar, dass wir ihm zutrauen, dass es sich nicht wünschenswert verhält, und wir fordern prophylaktisch von ihm, dies nicht zu tun. Und mal unter uns Betschwestern: Wenn unsere Kinder Unfug vorhaben sollten, würden sie sich von diesem Satz nicht abhalten lassen. Ist es nicht viel netter, vertrauensvoller und schöner zu sagen: „Viel Spaß! Bis später!“

„Dazu bist du noch zu klein“

Kleinsein kann richtig schön sein und Kleinsein kann richtig doof sein. Die meisten Kinder wachsen in einer Umgebung auf, in der Kleinsein vielleicht ein bisschen oder auch ein bisschen mehr damit zu tun hat, dass sie so richtig schön geborgen und gehalten und umsorgt sind, aber vor allem damit, dass sie überall auf Grenzen stoßen. Und dieser Satz schmiert es ihnen so richtig schön aufs Brot. Ich finde ihn so defizitorientiert. Wenn ich wirklich etwas sagen muss (und seien wir ehrlich: Eigentlich labern wir unsere Kinder sowieso viel zu hart zu und es täte uns allen gut, so oft wie möglich nichts zu sagen, und einfach nur mit unseren Kindern mitzuschwingen) sage ich lieber sowas wie: „Oh, das klappt noch nicht, wa?“ oder, wenn das Alter denn wirklich thematisiert werden soll: „Als ich so alt war wie Du konnte ich das auch noch nicht“ – das solidarisiert, normalisiert und gibt Perspektive auf das spätere Können. Und wenn mein Kind aufgrund seiner noch begrenzten Skills scheitert und frustriert ist und selbst sagt: „Das kann ich nicht!“ dann sage ich liebevoll: „Noch nicht.“

„Dann gehe ich ohne Dich!“

Als ich noch sehr klein war, haben meine Eltern mal so getan, als wollten sie meine Schwester auf einem Rastplatz zurücklassen – sie sind tatsächlich ein paar Meter gefahren, während sie noch auf dem Bürgersteig stand, schreiend, panisch. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wofür sie bestraft werden sollte, vielleicht haben wir uns auf der Rückbank zu viel gestritten, vielleicht hat sie meine Eltern genervt – wahrscheinlich ging es einfach darum, dass sie sich auf irgendeine Weise nicht so verhalten hat, wie meine Eltern es wollten.

Ich finde nicht, dass es einen wesentlichen Unterschied macht, ob wir unserem Kind auf einem Rastplatz sagen, dass wir es zurücklassen, oder in einer Fußgängerzone, in einem Geschäft, auf dem Spielplatz oder sonstwo so tun als wäre es uns jetzt egal ob das Kind jetzt mitkommt. Ich weiß nicht, wie ein Kind sich bedingungslos sicher fühlen soll bei Eltern, die die Drohung aussprechen, ihr Kind zurückzulassen. Von den Eltern verlassen zu werden, ist die ultimative Strafe – härter geht es einfach nicht. Das Kind hat keine andere Wahl, es muss sich dem fügen, was seine Eltern wollen. Lasst uns diese Worte niemals, niemals, niemals in den Mund nehmen. 

„Schäm dich!“

Ein Kind zu beschämen, ist eine der machtvollsten Bestrafungen, die uns zur Verfügung stehen, denn indem wir Scham auslösen beim Kind, können wir es klein machen, wir können machen, dass es sich mit sich selbst so richtig falsch fühlt. Dafür müssen wir es nicht mal auffordern, dass es sich schämen soll, wir können es auch durch die Blume sagen. Zum Beispiel mit den nächsten Sätzen:

„Du bist doch kein Baby!“

Wenn wir so etwas zu unserem Kind sagen, machen wir klar: „Ich habe eine bestimmte Vorstellung davon, wie Du Dich verhalten sollst“ und wir machen ihm unmissverständlich klar, dass es diese Vorstellung enttäuscht hat. Das ist doch beides scheiße. Dieser Satz ist oft auch ein Hinweis darauf, dass wir von unseren Kindern ein bisschen zu viel verlangen. Ich stelle selbst bei meinem neunjährigen Sohn immer wieder fest, dass er echt noch ein Kind ist und sein Können begrenzt ist – im Gegensatz zu meinen Erwartungen an ihn… Lasst uns auf dem Schirm haben, dass alles was unsere Kinder fühlen und brauchen, richtig und angebracht ist. 

„Du bist doch kein Mädchen!“

Und hier ist kommt noch eine weitere Dimension dazu, die Gender-Dimension: Wir beschämen unsere Söhne dafür, dass sie sich für unsere Vorstellung nicht männlich genug verhalten haben. Wenn das passiert, weil unser Sohn den Wahnwitz besessen hat, eine Haarklammer benutzt oder sich die Nägel lackieren möchte, ist das schlimm genug. Noch schlimmer ist es, wenn wir es ihnen sagen, wenn sie zum Beispiel emotional sind, wenn sie weinen. Neulich erst hörte ich eine Mutter sagen: „Du heulst rum wie ein Mädchen!“ – und da beschämt man nicht nur seinen Sohn dafür, dass es ihm offensichtlich einfach schlecht geht, sondern auch noch das gesamte weibliche Geschlecht; DIE sind nämlich die Heulsusen, aber Jungen doch nicht! Ein ganz schön heftiger Rundumschlag, oder?

„Du bist heute aber wieder zickig!“

Ist Euch das mal aufgefallen? Frauen oder Mädchen sind immer dann „zickig“ wenn sie: sich durchsetzen wollen, schlechte Laune haben, sich beschweren, streiten, anecken, meinungs- und willensstark sind, unangepasst oder ungehorsam sind. Ich habe ja gerade mit meinem fabelhaften Mann gebrainstormt was ihm zum Wort „Zicke“ einfällt, und er sagte: „Ja zum Beispiel im Streit, wenn die Frau nicht nachgeben will. Oder widerspenstig ist. Oder eigensinnig.“ Ja! Genau! Im Grunde verwenden wir diesen Begriff, wenn Mädchen oder Frauen nicht die warmherzigen, nachgiebigen, entspannten Wesen sind, die ihrem Umfeld das Leben möglichst einfach machen. Wenn ein Mädchen oder eine Frau sicher gehen will, niemals als Zicke bezeichnet zu werden, muss sie im Grunde den Mund halten, und immer schön das machen, was andere von ihr erwarten. „zickig“ ist ein Silencer, ein Stummmacher – speziell für Mädchen.

„Nicht weinen!“

Als ich mit meinem Sohn wenige Wochen nach der Geburt bei der Hüft-Sonographie war, wartete eine andere Mutter mit ihrem Baby auch auf ihren Termin. Dem Baby ging es gerade nicht so gut, jedenfalls weinte es immer wieder, und die Mutter sagte ständig zu ihm: „Sh, sh, nicht weinen! Nein, nicht weinen!“ Und ich frage mich, ob sie wirklich das bewirken möchte, was sie damit bewirkt: dem Baby mitteilen, dass die einzige Sprache, die ihm zur Verfügung steht, falsch ist. Auch bei älteren Kindern, die bereits sprechen können, finde ich das Untersagen oder Falschmachen von Weinen tragisch: Kinder sind grundsätzlich in der unterlegenen Position – wenn wir nicht wollen, dass sie Kekse kriegen oder auf den Spielplatz gehen, dann kriegen sie auch keine Kekse und auf den Spielplatz gehen sie auch nicht. UND ZUSÄTZLICH zu ihrer begrenzten Selbstbestimmungsbefugnis steht ihnen auch nur eine sehr begrenzte Argumentationsfähigkeit zur Verfügung. Wenn mein großes oder kleines Kind weint, dann verstehe ich das als genau das: als Sprache. Es ist die einzige Möglichkeit mir mitzuteilen, dass es ihm gerade schlecht, geht, ihm gerade etwas außerordentlich wichtig ist oder es mit etwas wirklich nicht einverstanden ist. „Nicht weinen“ bedeutet im Grunde: „Halt den Mund (nerv mich nicht)!“.

„Hast dich bloß erschreckt!“

Wie oft ich diesen Satz höre, wenn ein Elternteil das gerade hingefallene Kind „trösten“ möchte! Das möchte ich zu meinen Kindern aus verschiedenen Gründen nicht sagen: Erstens verharmlost das „bloß“ ein wirklich unangenehmes Gefühl, nämlich das Erschrecken. Wenn sich ein Kind erschreckt hat, ist das eine Erschütterung für das System und schlimm genug und es braucht ehrliche empathische Zuwendung, um sich wieder geborgen und sicher zu fühlen. Zweitens quatscht man da dem Kind in die eigene Wahrnehmung rein, indem man ihm sagt, was es gerade erlebt haben oder wie es ihm gerade gehen soll. Vielleicht hat es sich erschreckt, vielleicht hat es sich zusätzlich wehgetan, das sollte das Kind frei herausfinden und empfinden können, ohne dass wir eine Behauptung aufstellen über das, was es gerade erlebt hat.

„Alles ist gut!“

Dieser Satz bläst ins gleiche Horn. Wenn wir als Eltern unserem weinenden Kind sagen, dass alles gut sei, während das Kind durch das Weinen sehr deutlich macht, dass für ihn überhaupt nicht alles gut ist, markieren wir die Realität seiner Wahrnehmung als falsch. Wenn unsere Kinder weinen, lasst uns ihre Gefühle ernst nehmen, lasst ihnen selbst auch den Raum, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen und ernst zu nehmen.

„Und jetzt reicht ihr euch die Hand und vertragt euch.“ 

Muss ich dazu irgendwas sagen? Nee, oder?

„Wie oft soll ich es dir denn noch sagen?“

„Wenn Du es Deinem Kind schon 1000 Mal gesagt hast, und Dein Kind hat es immer noch nicht gelernt, ist nicht das Kind der langsame Lerner“ (Walter Barbe)

Ich selbst bin eine sehr, sehr langsame Lernerin. Aber immer mal wieder, wenn ich mich SCHON WIEDER über DIE GLEICHEN SACHEN bei meinem Kind ärgern „MUSS“, dann fällt es mir auf: Irgendwas kann an meiner Strategie nicht stimmen. Das sind dann immer die Stellen, an denen sich ein intensiver Blick aufs Gesamtsystem lohnt. Vielleicht sind meine Erwartungen an das, was mein Kind leisten soll, nicht seinem Alter/seinen Kompetenzen angemessen? Vielleicht spreche ich nicht so, wie mein Kind es wirklich hören/verstehen kann? Vielleicht braucht mein Kind an dieser Stelle noch Unterstützung? Gerade der letzte Satz ist ein wichtiges Mantra, das einen Satz wie „Warum kannst Du das immer noch nicht?!“ liebevoll und gerecht ersetzen kann: „Da braucht es noch Unterstützung.“ 

„Mach Deine Kleidung nicht schmutzig“

Wir alle mögen es, wenn unsere Kinder nicht aussehen, als würde sich niemand um sie kümmern, klar. Aber wenn ein Kind so angezogen wird, dass es sich nicht schmutzig machen darf – dann ist es schlicht nicht kindgerecht angezogen. Genauso wie es im Winter eine der Wetterbedingung unangemessene Kleiderwahl wäre, mit einem T-Shirt rauszugehen, sind Klamotten, die nicht schmutzig werden dürfen während der Kindheit eine der Lebensbedingungen unangemessene Kleiderwahl. Selbst auf einer Familienfeier oder ähnliches muss ein Kind auf dem Boden rumrutschen oder kleckern dürfen, alles andere ist schlicht nicht artgerecht. Wozu gibt es Waschmaschinen und Fleckenmittel?

„Das ist aber ein schönes Kleid!“

Kinder lieben Lob – sie lieben Lob wie sie Zucker und Fernsehen und lange aufbleiben lieben. Das heißt noch lange nicht, dass diese Dinge gut für sie sind. Natürlich freuen sich Mädchen, wenn wir ihnen sagen, wie hübsch ihr Kleid ist – Anerkennung fühlt sich gut an. Gleichzeitig geben wir ihnen eine toxische Message mit: „Kleines Mädchen, wie Du aussiehst, ist ein wichtiges Kriterium für Anerkennung!“ Das haben schon junge Mädchen verinnerlicht, und wenn wieder eins der Nachbarskinder zu mir kommt und mir stolz zeigt, dass es ein neues Kleid hat, spiele ich das Komplimente-Spiel nicht mit, aber ich freue mich ehrlich mit ihm gemeinsam und sage so etwas wie: „Oh, Du freust Dich sehr, oder? Ja, das sehe ich!“ Im Grunde geht es nämlich Kindern vor allem darum: gesehen werden. Und das ist Kindern so existenziell wichtig, dass sie, wenn sie schon nicht um ihrer selbst Willen gesehen werden, sich auch darauf einrichten, für ihre schönen Kleidchen gesehen zu werden.

„Gut gemacht!“

Ich finde, wenn man seinem Kind „Gut gemacht!“ sagt, kann man ihm auch gleich noch ein Leckerli geben. Findet Ihr nicht auch, dass Loben und Belohnungen irgendwie eine dressierende Qualität haben? Wenn ein Kind eine Rutsche runter rutscht oder ein Bild malt, braucht es nicht mein Lob – es braucht Verbindung! Es braucht Eltern, die mit ihm mitschwingen und sich mit ihnen freuen! „Mama, guck mal, ich rutsche!“ – „Oh ja, Du rutschst, ich sehe Dich, mein Herz!“
Manchmal geht’s auch nicht um Gesehenwerden, sondern mehr um Anerkennung und Wertschätzung, und auch das geht, ohne ein Leckerli: „Mama, ich habe die Blumen gegossen!“ oder „Ich habe mich ganz alleine angezogen!“ – da reicht es, wenn wir uns aufrichtig freuen und bedanken, wir können aber auch noch beschreiben, inwiefern das jetzt eine Unterstützung oder Bereicherung war: „Ah, jetzt haben wir noch Zeit, ein Buch anzugucken!“. Oder wir freuen uns aufrichtig mit unserem Kind über etwas, das es geschafft hat: „Wow, Du hast es geschafft!“; wenn es passt, können wir noch die Mühe anerkennen: „Das war so viel Arbeit/Du hast so viel Zeit reingesteckt/Du hast es so lange versucht, bis es geklappt hat!“ Ich glaube, dass Kinder ihre ganze Lebensfülle dann genießen können, wenn sie den Raum haben, ihrer eigenen, inneren Motivation, ihrer Freude zu folgen, statt dem validierenden Lob von außen hinterherzuhecheln.

„Sei vorsichtig!“

Natürlich gibt es viele Situationen, die für ein Kind riskant sein können – aber eigentlich nicht so viele wie der inflationäre Gebrauch dieses Satzes vermuten lassen könnte. Wenn mein Sohn zum Beispiel irgendwo raufklettert, stelle ich mich lieber entspannt daneben, damit ich ihn gegebenenfalls auffangen kann falls er runterfällt, und verzichte darauf, ihn mit meiner Sorge zu verunsichern. Auf diese Weise lernt er auf höchst natürliche und sichere Weise, seine eigenen Grenzen und Fähigkeiten kennen – und vielleicht lerne ich dabei ja auch, dass mein Kind schon viel mehr kann, als ich ihm zutraue.

„Ich hab‘s Dir gesagt, du wolltest ja nicht hören!“ / „Wer nicht hören will, muss fühlen“

Niemand mag Klugscheißer*innen. Wenn Du nicht willst, dass Dir jemand einen solchen Satz sagt, dann beiß Dir auch auf die Zunge, wenn er sich aus Deinem Mund rausdrängen will. Einfach. nicht. sagen. Dein Kind ist wahrscheinlich gerade sowieso frustriert und enttäuscht, dass, was auch immer es vorhatte, nicht so geklappt hat, wie es sich das vorgestellt hatte. Es braucht Dich jetzt als sicheren Hafen, in dem es Deinen urteilsfreien Zuspruch und Geborgenheit tanken und Dich uneingeschränkt als Hort des Vertrauens und Sicherheit erleben kann.

„Komm, ich helfe Dir!“

Aaargh, dieser Satz rutscht mir immer noch viel zu häufig raus, dabei will ich die Unternehmen und Handlungen meiner Kinder gar nicht kapern. Viel lieber will ich (wenn überhaupt notwendig) sagen: „Wenn Du Unterstützung haben möchtest, sag Bescheid!“

„Ein I*dianer kennt keinen Schmerz“

Ach je, wo fängt man hier an? Tut das echt Not, mit „I*dianer“ ein Wort zu benutzen, das so viel Schmerz und Unrecht repräsentiert? Und tut das Not, Kindern gegenüber ein Stereotyp der Erstbewohner*innen Nordamerikas zu reproduzieren? Und hat man denn überhaupt auf dem Schirm, was man da überhaupt sagt? Natürlich kennen die Erstbewohner*innen Nordamerikas Schmerz, genau wie jeder andere Mensch auf diesem Planeten. Richtig ist allerdings, dass es Methoden gibt, die Menschen von früh auf beibringen, Schmerzen zu ignorieren, sie nicht ernst zu nehmen, sich nicht zu beklagen. Und eine dieser Methoden ist dieser Spruch. Im Grunde bringen wir unseren Kindern bei, die Zähne zusammenzubeißen, hart gegen sich selbst zu sein, auf ein wichtiges Signal ihres Körpers (wie Schmerz es ja nun mal ist) nicht zu achten. Und auf den eigenen Körper zu achten, ist eine Grundvoraussetzung für Selbstfürsorge, für einen achtsamen Umgang mit den eigenen Ressourcen. Ein guter Kontakt zum eigenen Körper, zum eigenen Befinden, ist eine der wichtigsten Kompetenzen, die wir unserem Kind beibringen können.

„Stell dich nicht so an!“

Ich glaube, wir haben meistens nicht auf dem Schirm, wie wahnsinnig gemein dieser Satz ist. Ich kann mich noch gut erinnern, wann ich den Satz zuletzt gehört habe: Ich war im Club auf der Tanzfläche, mein Ex-Freund tanzte mich eng an, aber ich wollte gar nicht mit ihm eng tanzen, und er sagte: „Stell dich nicht so an!“ – er wollte sich mit seinem Willen durchsetzen, und mir weismachen, meine Unwilligkeit sei albern und gehöre korrigiert. Dieser Satz vernichtet alles, worum es dem Menschen geht, an den der Satz gerichtet ist. Wenn unser Kind sich schlecht fühlt und wir ihm sagen, es soll sich nicht so anstellen, negieren wir seine Gefühle und fordern es auf, es uns gleich zu tun. Wenn es etwas nicht machen will, was wir von ihm wollen, negieren wir seine Selbstbestimmung, seinen eigenen Willen. „Stell dich nicht so an!“ ist das Gegenteil von Respekt, von Augenhöhe, von Gleichwürdigkeit. Wer gehorcht und sich nicht mehr anstellt, muss auf seine Würde, seine Integrität, auf seine Autonomie verzichten. Lasst uns mal alle bitte tüchtig anstellen! Immer!

„Jetzt ist aber auch gut!“

Oft ist es so, dass wir Verständnis dafür haben, wenn unser Kind weint oder wütend ist – für eine Weile. Wenn wir also guten Willens waren und unser Kind sich nach einer Weile immer noch nicht beruhigt hat, werden wir langsam ungeduldig und wir vergessen unseren Vorsatz, unserem Kind nicht in seine Gefühle reinzuquatschen. Wir haben Verständnis für die Gefühle unseres Kindes, aber eben nur so lange, wie wir selbst es für angemessen halten. Und wenn wir ehrlich sind, können wir uns das Theater dann doch ganz sparen, und ihm sofort in die Gefühlsparade fahren, oder? Das Problem bei dem ganzen ist, dass wir uns um Verständnis bemühen, wenn unser Kind weint oder wütend ist. Was wir aber nicht haben, ist Empathie für das Kind – und eigentlich kommt es genau darauf an. Denn oft ist der Gefühlsausbruch von Kindern verstandesgemäß schlicht nicht nachzuvollziehen, es ist einfach so, dass kindliche Gefühlsausbrüche oft nicht logisch sind, für erwachsene Maßstäbe keinen Sinn machen – das nimmt ihnen jedoch nicht die Gültigkeit. Und wo das Verständnis aufhört, braucht es Empathie. Dazu gehört zum Beispiel ein bedingungsloser Respekt vor der Gefühlswelt des Kindes, in dem es fühlen darf, was es will und so lange es will – und wir es darin begleiten, so lange es eben unserer Begleitung bedarf.

„Nimm die Ellbogen vom Tisch!“, „Sitz gerade!“ 

Also, wenn ich nicht schon Eltern diesen Satz zu ihren jungen Kindern hätte sagen hören, würde ich nicht auf die Idee kommen, dass man sowas überhaupt noch macht – aber es scheint einigen Menschen tatsächlich noch ein wichtiger Wert zu sein: „Manieren“ bei Tisch. Ich verstehe wirklich nicht, was dahinter steckt und was die Substanz dieses Werts sein soll. Inwiefern bereichern Tischmanieren bitte das Leben von irgendwem?! Ist denn die Nahrungsaufnahme im Kreise der Familie ein formeller Akt, der entsprechend steif und möglichst ungemütlich vonstatten gehen soll? Was ich daran so tragisch finde, ist, dass Kinder damit erleben, dass sie in ihrem Zuhause nicht entspannt und frei sein dürfen. Stell Dir das mal vor! Stell Dir mal vor, Du müsstest Dich in Deinem Zuhause so verhalten, wie es von Dir im (konservativen) Büro erwartet wird: Du dürftest nicht den oberen Knopf Deiner Hose aufmachen, die Schuhe mit Absatz bzw. die Krawatte nicht ablegen, laut lachen wäre ebenfalls verpönt. Wäre es nicht viel schöner, wenn sich unsere Kinder in ihrem Zuhause einfach nur wohl fühlen und locker sein dürfen? Wäre es nicht viel schöner, wenn wir Eltern nicht die strengen Chef*innen wären, sondern einfach Vertraute und Verbündete, deren wichtigster Wert ist, dass es uns miteinander einfach gut geht? Leute, ich weiß ja nicht, wie es Euch geht – aber ich will für meine Familie, dass wir bei Tisch vor allem miteinander im Kontakt sind, dass wir zusammen sitzen, lecker essen und uns als Familie genießen!

„Ich sage es Dir zum letzten Mal!“

Wollen wir unseren Kindern wirklich drohen?
Ich glaube, dass es einen Grund hat, wenn Kinder nicht „hören“ – entweder sind die Kinder gerade beschäftigt und wir stören sie bei etwas, das ihnen wichtig ist; oder sie haben gecheckt, dass das, was wir von ihnen wollen eher mit unseren eigenen Interessen zu tun hat als mit ihren Interessen; oder das, was wir von ihnen wollen verletzt ihre Integrität; oder sie sind eigentlich gerade über etwas angepisst und haben keine Lust zu kooperieren; oder in letzter Zeit hatten sie zu wenig Raum für Autonomie und brauchen es, sich behaupten zu können um ihre Würde zu behalten, oder oder oder. Es hat lauter berechtigte Gründe, weshalb ein Kind nicht „hört“. Wenn wir sagen: „Ich sage es Dir zum letzten Mal“ ist das zum einen eine Lüge, und zum anderen schlicht eine Drohung. 

 

Aber, liebe Leute, wie gesagt: Unterm Strich geht es vor allem um unsere Haltung und die Art der Energie, mit der wir präsent sind. Wenn unser Kind nicht vom Spielplatz gehen möchte und wir setzen uns durch (was ja völlig ok ist), tragen wir einen Vorwurf in uns, weil das Kind nicht kooperiert und „ständig so einen Ärger macht“? Oder übernehmen wir die Verantwortung für unsere Entscheidung jetzt nach Hause zu gehen, und bleiben liebevoll und empathisch verbunden mit dem (berechtigten) Frust und der Enttäuschung unseres Kindes darüber? Das ist nämlich, worauf es wirklich ankommt. Und darauf, dass wir es merken, wenn wir rausfliegen aus der liebevollen und empathischen Verbindung (was auch völlig menschlich und normal ist), damit wir wieder zurückgehen können. 

Ich biete übrigens in Berlin Seminare für Eltern an, in denen es genau darum geht: Zu merken, was uns dazu bringt, dass wir aus der mitfühlenden Verbindung mit unseren Kinder fliegen; zu üben, wie wir ein familiäres Miteinander der Gleichwürdigkeit und Empathie schaffen, in der wir unsere elterliche Führung ausüben können, ohne die Integrität unserer Kinder zu verletzen, und in der sich unsere Kinder bedingungslos sicher und geborgen fühlen können. Mehr dazu erfährst Du unter www.empathische-elternschaft.de – und wenn Du Dich für den Newsletter einträgst, erfährst Du, wenn das Online-Angebot für Menschen außerhalb Berlins steht. 🙂

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