Bitte fassen Sie mein Kind nicht an. Danke.

Neulich auf einer kleinen Geburtstagsfeier: Wir sitzen in einer gemütlichen Runde; alle sind erwachsen außer meinem Sohn. Der ist vier. Und hat es sich in einem Sitzsack gemütlich gemacht und spielt mit dem Handy. Ein weiterer Gast kommt herein, ich kenne sie nicht, sie sieht nett aus, wir begrüßen einander und stellen uns vor, sie begrüßt alle anderen. Und kitzelt dann meinen Sohn durch. Einfach so, aus dem Nichts. Zur Vorstellung und Begrüßung sozusagen. Die beiden waren einander noch nie zuvor begegnet. Und ich kann mich nur wundern, warum sie denkt, irgendein Kind fände es okay, von einem wildfremden Menschen angefasst zu werden.

Ich weiß, dass sie keine bösen Intentionen hatte. Ich schätze, hätte ich in dem Moment oder danach die richtigen Worte gefunden, um das anzusprechen, hätte sie verstanden, worum es mir geht, denn vermutlich hat sie sich einfach noch nie Gedanken darüber gemacht, wie das für ein Kind ist, von einem Erwachsenen in Bezug auf seinen persönlichen, körperlichen Raum derart bevormundet zu werden. Denn genau das passiert, wenn so etwas passiert. Und leider passiert das ständig.

In dem Moment, in dem ein Erwachsener ein fremdes Kind anfasst, ohne vorher mit dem Kind auf verbale oder non-verbale Weise abzuklären, ob das okay ist, setzt sich der Erwachsene darüber hinweg, was das Kind wollen oder nicht wollen könnte.

Es ist erstaunlich, dass es dafür kein Bewusstsein gibt, denn unter Erwachsenen selbst herrscht völliger Konsens: Es ist völlig indiskutabel, einem fremden Erwachsenen, ob Mann oder Frau, einfach in die Wange zu kneifen, über den Kopf zu streicheln oder, wie in diesem Fall, zu kitzeln. Das musst Du Dir jetzt einfach mal vorstellen: Du sitzt in einem Café und schreibst gerade eine SMS oder auf einer Parkbank und liest Zeitung oder Du unterhältst Dich gerade mit einem Freund und plötzlich taucht ein Mensch auf, den Du noch nie gesehen hast und kitzelt Dich durch! Wie würdest Du Dich fühlen? Ich weiß, wie ich mich fühlen würde – aber ich glaube, wenn ich von Dingen wie distanzloser Übergriffigkeit oder Grenzüberschreitung oder der Verletzung meiner körperlichen Selbstbestimmung spreche, dann lenkt es von dem Wesentlichen ab: Ich würde das schlicht nicht wollen. Und mein Gegenüber hat sich darüber hinweggesetzt oder sich im besten Fall keine Gedanken darüber gemacht, wie das für mich ist – auch das ist das Gegenteil von Respekt oder Feinfühligkeit.

Und ich weiß, dass mein Kind das nicht will. Mein Kind will nicht von fremden Menschen angefasst werden und immer wieder setzen sich fremde Menschen genau darüber hinweg und zwängen sich ihm körperlich auf.
Das klingt drastisch, aber es ist, was es ist: Es ist keine Misshandlung, es ist kein Missbrauch, es ist kein Weltuntergang, aber es ist ein darüber-hinweg-setzen, was das Gegenüber will. Und das erlauben wir uns nur bei Kindern. Es ist nicht weniger als das: In dem Moment, in dem wir ein Kind anfassen, ohne zuvor sein Einverständnis einzuholen, gestehen wir ihm kein Mitspracherecht zu wenn es darum geht, was wir mit seinem Körper machen. Und ich frage mich: Warum erlauben wir uns das?

Was ich besonders bezeichnend fand, war, dass dieser Mensch, der meinen Sohn zur Begrüßung durchkitzelte, sich den Rest des Abends nicht für ihn interessierte. Wie typisch das ist! Erwachsene finden Babys oder Kinder süß, wollen es kurz auf den Arm nehmen, die Speckärmchen befühlen, die Bäckchen streicheln, angelacht werden und dann wollen sie aber auch in wieder in Ruhe gelassen werden. Aber so sollte das nicht laufen. Wenn man etwas von dem Kind möchte – seine Aufmerksamkeit, seine körperliche Zuwendung – dann muss man sie sich erarbeiten, genau wie das unter Erwachsenen läuft. Man muss eine Beziehung herstellen, sei sie noch so oberflächlich, und gucken, ob das Kind dazu Lust hat. 

Nun ist mein Kind eins von der schüchternen Sorte. Mein Sohn will nicht nur nicht von Fremden angefasst werden – er ist oft sogar davon überfordert, wenn unbekannte Erwachsene ihn ansprechen. Das geht sogar so weit, dass wir uns auf Bänken oder in der U-Bahn immer so platzieren müssen, dass es keine Möglichkeit gibt, dass sich eine fremde Person neben ihn setzen könnte. Insgesamt ist er kein ängstlicher oder zurückhaltender Mensch, aber mit Fremden hat er’s einfach nicht so. Das bedeutet aber nicht, dass man als fremder Mensch nicht eine Beziehung zu ihm aufbauen kann. Zuletzt habe ich das auf beeindruckende Weise bei der Mutter meines Freundes erlebt. Vor einigen Wochen besuchte sie uns zum ersten Mal und sie war sehr gespannt auf ihren ersten Einsatz als „Bonus-Oma“, wie sie sich selbst nennt (frei nach dem Buch „Aus Stiefeltern werden Bonuseltern“ von Jesper Juul). Ich machte ihr keine großen Hoffnungen und dachte, das kurze Wochenende gebe sicherlich nicht genug Zeit her, um mit meinem Sohn eng zu werden. Aber sie machte meinem Sohn ein Angebot, das aus genau der richtigen Mischung von Geduld, aufrichtigem Interesse, Zurückhaltung und Einfühlen in die Welt eines Vierjährigen bestand, so dass mein Kind einfach nicht widerstehen konnte. Und ihre Art, mit ihm umzugehen, kam völlig ohne Bestechung, etwa durch Geschenke oder Süßigkeiten, aus, einfach weil sie sich wirklich für mein Kind interessierte. Und mein Kind merkte das. Sie hat nichts von ihm gefordert, sie wollte einfach nur, dass sie sich kennen lernen – und hat das Tempo, das mein Kind brauchte, respektiert. Das hat gewirkt.
Das fand ich auch deshalb erstaunlich, weil es normalerweise Männer sind, die das besser können. Die sind oft weniger aufdringlich, dafür mehr gelassen als Frauen; die drehen nicht gleich durch, wenn sie Speckbäckchen sehen. Die finden Lego cool, ferngesteuerte Autos sowieso und fangen einfach an damit zu spielen und kommen so in einen sehr entspannten Kontakt mit dem Kind. Funktioniert auch super.

Nun ist es nicht so, dass ich nicht weiß, wie das ist, etwas von einem Kind zu wollen. Ich gehöre ja tatsächlich auch zu der Fraktion, die gleich durchdreht, wenn sie Speckbäckchen sieht. Ich kann das immer gar nicht aushalten, wenn ich ein süßes Kind oder ein süßes Baby sehe, ich will das eigentlich immer am liebsten gleich aufessen. Metaphorisch jetzt. Irgendwie rasch einverleiben oder wenigstens eine kleine körperliche Verbindung erstellen, fühlen wie weich und wundervoll das Kind ist. Neulich erst waren wir kurz bei einem Bekannten meines Freundes und wollten etwas abholen. Er hat einen Sohn der etwas jünger ist als mein Kind. Mein Kind war beim Kindsvater und wie immer, wenn er nicht bei mir ist, vermisste ich es aktivst und schrecklichst. Was mich noch anfälliger dafür macht, andere Kinder aufessen zu wollen. Quasi als Ersatzhandlung dafür, mein eigenes Kind abzuknutschen. Und das Kind des Bekannten war dann prompt auch noch eins der ziemlich süßen Sorte. Und ich LIEBE Kinder einfach. Und ich hätte so gerne irgendetwas gemacht oder gesagt, irgendeine Verbindung hergestellt zu diesem Kind, das sich, von ähnlicher Schüchternheit geprägt wie mein eigenes, längst in den Schoß seines Vaters verkrochen hatte um besser geschützt ignorieren zu können, dass fremde Leute in die Wohnung eingedrungen waren und mir war klar: Ich kann da gar nix machen. Es bringt nix, das Kind zu begrüßen – selbst ein fröhliches „Hallo!“ würde nix bringen. Kinder ticken da anders – diese Formeln, wie Erwachsene sie zur Begrüßung verwenden haben für sie keine Substanz. Das bringt ihnen den Menschen, der sie ausspricht, nicht näher.
Ich weiß, dass ich früher schon auch aus Höflichkeit Kinder extra begrüßt habe. Bis ich halt irgendwann kapiert habe: Das bringt halt einfach nix, das verunsichert die nur. Kinder brauchen keine Höflichkeit. Sie brauchen Interesse und Zeit und dann entscheiden sie, ob sie Bock haben oder nicht. Und das steht ihnen zu.

Ich will, dass mein Kind selbst entscheiden kann, was andere im Alltag mit seinem Körper machen dürfen und was er mit seinem Körper macht. Ich will nicht, dass er von außen dazu gezwungen wird, sich für die körperlichen oder emotionalen Bedürfnisse anderer zur Verfügung zu stellen – ich will das im Großen nicht und ich will das schon im Kleinen nicht, einfach überhaupt nicht. Deshalb habe ich ihn auch nie dazu aufgefordert, seine Großeltern oder andere Verwandte zu küssen, habe nie versucht ihn zu überreden, zu seiner Ur-Großmutter auf den Schoß zu klettern, obwohl sie sich das so wünscht. Von wem er sich anfassen lässt, zu wem er eine körperliche Verbindung herstellt muss er selbst bestimmen. Und ich möchte bitte, dass Du ihm diesen Raum lässt. Er selbst kann das nämlich noch nicht für sich einfordern. Danke & no hard feelings.

1 Kommentar
  1. ich bin zufällig auf diesen artikel gestossen; meiner meinung nach hat eher der verfasser ein problem als das kind – bzw wurde diese ablehnung dann auf das kond übertragen?
    mein gott es sind doch kinder, die man zum lachen bringen möchte und meint es lieb und nett… typisch deutsche denke.. die deutschen sind super distanziert und dort wird jedes zu nahe kommen als übergriff gewertet; ich freue mich, wenn meinem kind offen gezeigt wird, dass man ihn sieht und mag bzw mit ihm spass machen möchte. mein sohn ist allen offen gegenüber und freut sich wie ein honigkuchenpferd..
    von wem er sich anfassen lässt… wie sich das schon anhört.. wie ein objekt.. viele haben bei kindern den beschützerinstinkt, oder finden sie niedlich und wollen sie drücken.. es heisst doch nur, dass sie in dem sozialn gefüge eingebunden sind 🙂 der verfasser sollte sich mal locker machen. eine berlinerin

Schreibe einen Kommentar

Zur Werkzeugleiste springen