Die Qual der Partnerwahl

©-mr.nico-Fotolia.com

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Als ich vor vielen Jahren vegan wurde, befand ich mich in einer Beziehung mit einem Fleischesser. Wir beide mochten einander sehr, sehr gern und sein Fleischkonsum stellte unser Verhältnis nicht in Frage. Ich war jung und dachte nicht viel an die Zukunft – aber ich wusste damals schon, dass mein nächster Freund wenigstens Vegetarier sein muss. Das erzählte ich taktloserweise auch meinem damaligen Love Interest, woraufhin er süßerweise schleunigst beschloss, auch kein Fleisch mehr zu essen. Geholfen hat’s langfristig nix. Wir sind schon lange kein Paar mehr und als ich ihn irgendwann an Weihnachten wiedertraf, hatte er einen Döner in der Hand. Und zwar keinen vegetarischen. So kann’s gehen.
Mit dieser Einstellung, Fleischesser in meiner Partnererwägung nicht mit einzubeziehen, ernte ich seither zuverlässig Unverständnis. Und auf dieses Unverständnis reagiere ich meinerseits mit Unverständnis.
In der Regel ist mein Gegenüber bei einem solchen Gespräch relativ empört und findet eine solche Kriterienauswahl intolerant. Das finde ich erstaunlich. Denn parallel mache ich, seit ich als Frau im potentiell heiratsfähigen Alter wahrgenommen werde, regelmäßig die Erfahrung, dass ich, auf einen aktuellen Partner oder den Kindsvater angesprochen, mehr rhetorisch gefragt werde, ob er ein Landsmann sei. Und zwar nicht ein Landsmann des (kaukasischen) Fragestellers, sondern ein Landsmann aus welchen Land ich auch immer kommen mag. Indien ist bei mir ein äußerst beliebter (und ebenso unrichtiger) Vorschlag.

Ich mache also seit Jahren die konsequente Erfahrung, dass davon ausgegangen wird, dass jemand wie ich mit einer dunklen Hautfarbe und einem nicht-deutschen Namen eine bestimmte kulturelle Sozialisation hat und deshalb bei der Partnersuche auch eher nicht unter deutschen Männern die Augen aufhält. Warum? Weil die meisten Menschen – genau wie ich – eben nicht der Meinung sind, dass Gegensätze sich anziehen, sondern dass man nach seinesgleichen sucht. In diesem Fall empfinde ich, dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass ich meinesgleichen unter „meinen Landsmännern“ finde. Ich bin in der Familie schon immer, ja, sagen wir, aus der Reihe getanzt und ich vermute, selbst wenn ich einem Sinneswandel erliegen und doch mit jemandem aus „meinem“ Kulturkreis anbändeln wollte, würde der für eine derartige Verbindung wohl eher zweifelhafte Grad meiner Ehrbarkeit dieses Vorhaben wohl schneller erledigen, als ich „Wie wär’s mit uns beiden, Süßer?“ sagen könnte.
Aus meiner (sehr, sehr großen) Familie haben sich aber viele anders entschieden als ich. Obwohl sie hier aufgewachsen sind, haben sie jemanden mit dem gleichen Herkunftsland gesucht und gefunden oder befinden sich sozusagen noch im Prozess. Ich kann das gut nachvollziehen. Das hat viel zu tun mit Dingen wie Vertrautheit, mit Verständnis, Übereinkunft. Das impliziert nicht notwendigerweise ein  Urteil über Nicht-Landsmänner oder -frauen. Es ist einfach das Ergebnis einer Suche nach Gemeinsamkeiten.
Es kommt eben darauf an, was einem im Leben wichtig ist und womit man sich identifiziert. Ich persönlich habe mich mit meiner Herkunftskultur nie sehr viel beschäftigt; meine Lebenswirklichkeit fand woanders statt. Mir sind andere Dinge wichtig. Primär geht es dabei um Werte und Einstellungen. Könnte ich mit mich in einen Fleischesser verlieben? Auf keinen Fall. Könnte ich auf einen Fleischesser scharf sein? Auf jeden Fall. Aber genau an dem Punkt würde die Anziehung eben zuverlässig aufhören – und zwar nicht, weil ich finde, dass Fleischesser schlechtere Menschen sind, sondern weil ich mir an dieser bestimmten Stelle jemanden an meiner Seite wünsche, der die Welt sieht wie ich; jemanden, der die Basics meiner Werte teilt und in dessen Weltbild ich mich zu Hause fühle. Das bedeutet, dass ich als explizit wertorientierter Mensch mit einem Fleischesser zu viele politisch-ethische Differenzen hätte. Und das würde nicht gutgehen. Und das würde es übrigens auch mit einem CDU-Wähler. Oder mit jemandem, der etwas gegen Homosexuelle hat. Aber danach fragt ja niemand.
Übrigens bräuchte man sich eigentlich gar nicht so viel Sorgen machen. Wenn sich ein Fleischesser und ein Pflanzenesser kennen und lieben lernen, wird der Fleischesser meistens früher oder später seine Ernährungsgewohnheiten ändern. Mit Missionierung hat das in der Regel nicht viel zu tun. Eher damit, dass man sich seinen Partner schließlich nicht willkürlich aussucht. Schließlich hat Liebe auch viel zu tun mit Respekt und Achtung vor dem, was der andere tut und denkt. Es ist anscheinend schwer, sich diesem Thema zu entziehen und die ja mehr als offensichtlichen Gründe für Vegetarismus/Veganismus zu ignorieren, wenn dem geliebten Partner diese Lebensweise so wichtig ist. Ich schätze, für einen Fleischesser drängt es sich irgendwann von selbst auf, diese Angelegenheit ernst zu nehmen und sich zu fragen, was es damit auf sich hat und was das möglicherweise für die eigene Lebensweise bedeutet. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es, vor allem mit steigendem Grad in Sachen Bildung und allgemeiner Progressivität, die Entscheidung gegen die ja doch recht archaische Gewohnheit Tiere zu essen, tendenziell lediglich eine Frage der Zeit ist. Man kann Menschen lieben, auch wenn man nicht alles liebt, was sie tun. Aber was, wenn das nicht passiert? Was, wenn sich das Herz anders entscheidet als der Kopf und sich einen Fleischesser gesucht hat, der seine Ernährung aber nicht verändern möchte? Oder was wenn das passiert, was ich ganz oben beschrieb: Ich befinde mich in einer beiderseitig omnivoren und glücklichen Beziehung und plötzlich macht’s Peng! und ich muss aufhören, Tiere und Tierprodukte zu essen aber der Partner zieht und zieht nicht mit? Ja, das ist ein Problem. Aber nur, wenn wir es dazu machen. In ihrem großartigen Vortrag „Understanding the Psychology of Meat for Effective Vegan Advocacy“ thematisiert Melanie Joy (Autorin von „Why We Love Dogs, Eat Pigs and Wear Cows“ ) genau diese Angelegenheit und erklärt, wie wichtig es ist, das Gegenüber nicht auf diese Eigenschaft, das Fleischessen, zu reduzieren. Wie wichtig es ist, zu erkennen, dass auch gute Menschen schlechte Dinge tun, und dass sie das nicht zu schlechten Menschen macht. Es ist okay, einen Fleischesser zu lieben und wir sind nicht verantwortlich dafür, ihn von seinem Fleischkonsum abzubringen – so ihre überaus positive Message. „Give Yourself Permission to Love Meateaters (Even though You Don’t Love What They Do)“ – wenn Du Dich in einer solchen Situation befindest, dass es Dir derartige Schwierigkeiten bereitet, dass ein geliebter Mensch Fleisch isst, dass es Euer Verhältnis manchmal belastet, sei es Dein Partner, Deine Mutter oder ein guter Freund, dann möchte ich Dir ans Herz legen, Dir die gute Stunde für den (englischsprachigen, aber sehr gut verständlichen) Vortrag von Melanie Joy zu nehmen. Denn, und das ist wichtig zu wissen: Die Suche nach dem größten gemeinsamen Nenner kann ja auch zu einem Fleischesser führen. Und das ist dann auch in Ordnung so.
Und jetzt: husch, husch! Computer aus und knutschen gehen! 🙂

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