Hilfe, mein Kind isst Fleisch!

©-JackF-Fotolia.com

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Eltern, die mit Vegetarismus oder Veganismus nichts am Hut haben, können eine Krise bekommen, wenn ihre Kinder beschließen, auf Fleisch und Tierprodukte zu verzichten. Aber für vegetarische und vegane Eltern/Elternteile kann es ebenso eine schwierige Angelegenheit sein, wenn ihre Sprösslinge nicht der elterlichen Ernährungsweise folgen und sehr wohl Fleisch oder Tierprodukte essen wollen. Die Gründe dafür können vielfältig sein:

Kind isst Fleisch/Tierprodukte, weil ein Elternteil Fleisch/Tierprodukte isst.

Kind isst Fleisch/Tierprodukte, weil es nicht ausgeschlossen sein möchte.

Kind isst Fleisch/Tierprodukte, weil es nicht vegetarisch/vegan geboren wurde.

Kind isst Fleisch/Tierprodukte, weil es neugierig ist.

Kind isst Fleisch/Tierprodukte, weil es autonom sein möchte.

Ich finde, das sind alles enorm valide Gründe für ein Kind, Fleisch oder Tierprodukte zu essen!

Wenn es zwischen den Elternteilen keinen vorgelebten Konsens darüber gibt, ob der Verzehr von Tierprodukten und/oder Fleisch nun klar geht oder nicht, ist es viel von einem Kind verlangt, das zu machen, was nur einer der beiden Elternteile für den richtigeren Weg hält.

Wenn ein Kind in der Kita, in der Verwandtschaft oder sonst wo außerhalb der veganen Familienblase dazugehören möchte, ist das das natürlichste auf der Welt.

Wenn ein Kind eine bestimmte Lebensweise gewohnt ist und die Eltern oder ein Elternteil sich für eine neue Lebensweise entscheiden, heißt das noch lange nicht, dass ein Kind plötzlich auch Lust haben muss, sein Leben umzukrempeln.

Wenn ein Kind unbedingtunbedingtunbedingt wissen möchte, wie eine Joghurtwaffel schmeckt, dann muss es probieren, wie eine Joghurtwaffel schmeckt. (Pssst: Vielleicht geht es aber auch gar nicht um die Joghurtwaffel)

Wenn ein Kind über seine Lebensweise selbst bestimmen möchte und sich damit unter Umständen gegen den Willen seiner Eltern stellt, ist das erst mal eine ungeheuer mutige Angelegenheit und verdient Respekt. Echt jetzt. Und auch wenn es für Mama und Papa erst mal nicht leicht zu schlucken ist, können sie sich gegenseitig auf die Schultern klopfen, denn offenbar haben sie eines schon mal richtig gemacht: Es ist ihnen gelungen, ihr Kind nicht zu Gehorsam zu erziehen. Im Ernst: Kinder brauchen den Raum für eigene Entscheidungen, das ist für ihr Selbstverständnis, für ihre Selbstwirksamkeit, für ihre gesamte Entwicklung von enormer Bedeutung. Und: Nur wenn ein Kind den Raum bekommt, sich grundsätzlich gegen eine vegane oder vegetarische Lebensweise zu entscheiden, hat es auch den Raum, sich dafür zu entscheiden, das ist meine feste Überzeugung.

Wie ich das sehe:

  1. Beim Kind bleiben: Es ist wahr: Beim Konsum von Tieren und Tierprodukten geht es um nichts weniger als um Leben und Tod. Aber wir können nicht ignorieren, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es völlig normal ist, Tiere und Tierprodukte zu essen. Die Dramatik dessen, was hinter der Tierindustrie steckt, ist den allermeisten Erwachsenen nicht klar, selbst wenn man es ihnen erzählt – wie soll es dann einem Kind klar sein? Jetzt ist es wichtig, emotional mit dem Kind verbunden zu bleiben und nicht emotionales Kopfkino à la Earthlings zu starten.
  2. Empathisch bleiben: A propos: Für den absolut falschesten Weg halte ich, einem Kind (und da wir hier über Kinder sprechen, ist es gänzlich gleichgültig, wie alt das jeweilige Kind ist), das Tierprodukte essen will, Filme wie Earthlings zu zeigen, um es abzuschrecken, oder ihm mal die Wahrheit bzw. die Realität näher zu bringen. Der Zweck heiligt nicht alle Mittel. Veganismus ist meiner Auffassung nach eine Haltung, die primär mit Empathie zu tun hat – diese Empathie sollte man als vegane Eltern auch seinem Kind gegenüber aufbringen und ihm die Erschütterung und das Entsetzen durch brutale Bilder von gequälten Tieren ersparen. Das kann nicht der Weg sein, vegane Kinder zu erziehen.
  3. Chilläxen. Es ist nicht schön. Aber es ist auch nicht wirklich schlimm: Veganismus macht einen Menschen nicht zu einem besseren Menschen. Folglich macht es einen Menschen (und schon gar nicht Dein Kind) zu einem schlechteren Menschen, wenn es Fleisch oder Tierprodukte isst. Selbst die konsequenteste vegane Lebensweise kann nur eine graduelle Annäherung an ein wirklich moralisches Dasein sein. Ein besserer Mensch zu werden, ist ein lebenslanger, stetiger Prozess und geht so weit über die Art und Weise unseres Konsums hinaus. Was ist mit anderen wichtigen ethischen, sozialen oder zwischenmenschlichen Aspekten des Lebens? Wenn Dein Kind sich gerade nicht für Veganismus interessiert, ist es vielleicht aktuell für Themen wie Gerechtigkeit, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft oder Unvoreingenommenheit viel empfänglicher – wie wäre es mit einem kleinen Fokuswechsel? Es gibt viele Dinge, die sind mindestens genauso wichtig wie Veganismus.
  4. Schuldgefühle sind eine schwere Bürde: Ja, wenn man Tiere isst, sind diese Tiere vorher getötet worden. Das ist nun mal so, es passiert jeden Tag, millionenfach. Das ist schlimm, sehr schlimm, aber es ist so. Dass das so ist, hat aber nichts mit Schuld zu tun, das ist eine viel komplexere Angelegenheit. Und schon gar nicht, so sehr überhaupt gar nicht ist ein Kind, das Fleisch isst, Schuld daran, dass dieses Tier zuvor sterben musste. Und auch Du bist nicht Schuld daran, wenn Dein Kind Fleisch isst. Schuldgefühle machen, dass man sich scheiße fühlt, ungenügend, unwert. Sich schuldig fühlen ist so hart das Gegenteil von sich richtig und gewertschätzt fühlen. Schuldgefühle untergraben Selbstwertgefühl und Selbstsicherheit. Ich weiß, dass Du Dein Kind nicht derart belasten willst. Und Du solltest Dich auch nicht damit belasten. Beim Konsum von Tierprodukten geht es nicht um Schuld.
  5. Mein Kind kann mich nicht enttäuschen. Punkt. Es gibt nichts, was mein Kind tun könnte, das mich von ihm enttäuschen würde. Das habe ich mir fest vorgenommen, ich glaube, das ist einer meiner allerallerwichtigsten Vorsätze in meiner gesamten Mutterschaft. Das nimmt ein wenig Vertrauensvorschuss vorweg – Vertrauensvorschuss in mich selbst, dass es mir schon gelingen wird, mein Kind in ein Leben zu begleiten, das es als irgendwie anständiger und auch glücklicher Mensch lebt. Und Vertrauensvorschuss in mein Kind, dass es auch ihm wichtig ist, ein irgendwie anständiger und auch glücklicher Mensch zu sein. Da wird es vielleicht auch mal Umwege oder Stolperer geben und auf jeden Fall unterschiedliche Vorstellungen von dem, was ein „irgendwie anständiges“ Leben ausmacht. Ich werde mal empört sein, mal besorgt, mal traurig, und mit Sicherheit auch immer mal angepisst, so ist das halt im Zwischenmenschlichen. Genauso werde ich auch stolz sein, erfreut, beeindruckt, glücklich, gerührt. Aber mein Kind wird mich niemals enttäuschen können. Echt voll egal was es tut.

Disclaimer

Oh, klingt das jetzt so, als wäre ich total easy drauf? Mitnichten! Mir ist echt wichtig, dass mein Kind vegan lebt, ich wünsche mir sehr, dass das so bleibt. Und es bleibt hier nicht beim hehren Wunsch – ich gebe mir Mühe, mein Kind vegan zu erziehen. Aber ich sehe, dass zum Big Picture mehr als Veganismus gehört. Ich will ein integres Kind, kein gehorsames. Ich will ein rechtschaffenes Kind, kein prinzipientreues. Ich will, dass in den Beziehungen unserer Familie Menschlichkeit den Ton angibt, nicht Ideologie. Ich will meinem Kind mit Neugier und Interesse begegnen, nicht mit einer Vorstellung davon, wie es sein soll. Mal gucken, wie das so klappt! 😉

3 Kommentare
  1. Hallo tofufamily..! Genau so einen Artikel habe ich gebraucht und heute danach gegoogelt was ist wenn das veggikimd fleisch will. Fast drei Jahre plus Schwangerschaft hat es geklappt und jetz will sie immer öfter Wurst und Fleisch. Und liebt es. Bei uns isst halt der Papa Fleisch und auch der Rest der Familie. Der Artikel hat mir gut geholfen. Mal sehen wie wir es im neuen Kundergarten machen wo es nicht wie im alten vegetarisch für sie gibt. Ich bin mit noch nicht sicher ob ich sie lassen soll was andere essen oder ob ich ihr essen mitgebe für Mittags denn ich denke sie wird es eh beim tischnachbarn probieren…….wir werden sehen

  2. …joa…

    kann mich nur anschließen.
    aber irgendwie musste ich es von einer anderen veganen mutter hören/lesen.

    es fällt mir sehr, sehr >SEHR< schwer, mein kind fleisch essen zu lassen. ich bin seit über 15 jahren vegetariarin/9 jahren veganerin. meine devise: ehrlich zum kind sein, WAS DAS IST, WAS SIE DA GERADE ESSEN.
    nicht sagen "möhre kommt aus dem boden & das fleisch fliegt vom himmel". man muss schon sagen, WAS FLEISCH IST.

    aber selbt danach… hat mein sohn sich entschlossen, ein schweinefleisch-würstchen zu essen. er "will das"..

    mein herz… gebrochen.

    … aber ja .. ich muss akzeptieren, dass er eine EIGENE perönlichkeit ist.

    es tut verdammt weh. … aber hassen kann ich ihn jetzt auch nicht dafür. -_-

  3. …Hallo Zusammen,
    danke Tofu-Family – diese Worte sind wichtig und tröstlich und einfach auch sehr realitätsbezogen.

    Ich bin ziemlich sicher, dass unsere Vorbildfunktion als Vegetarier/ Veganer in unserer Elternschaft bereits per se etwas mit dem Kind macht. „Es bleibt immer etwas hängen“, egal wie sehr sich manches (oft auch erwachsene!) Gegenüber auch sträubt oder im ersten Stepp dagegenhält. Unser Kinder werden von uns geprägt; der Satz des Autors Carl Valentin: „Wir können Kinder nicht erziehen, die machen uns eh alles nach!“ entspricht grundsätzlich auch meinen Erfahrungen. Ich denke, wenn die Basis stimmt, also dass ein Kind einige Jahre die vegan/vegetarische Lebensweise mit(er)lebt, so ist eine tief verwurzelte Prägung entstanden, die immer bleibt. Selbst, wenn in Phasen von eigener Persönlichkeitsbildung, später auch der Pubertät, Ansätze des „anders machen Wollens“ und somit neue Überzeugungen erst einmal Einzug halten, so müssen diese nicht von Dauer sein. Es kann ein wichtiger Nebeneffekt und Prozess des „Individuum -Werdens“ sein, den wir nicht stören dürfen. Kinder gehören uns nicht, wir haben lediglich die Ehre und die Aufgabe, sie ins Leben zu begleiten, alles Gute aus u n s herauszuholen, um das Bestmöglichste aus ihnen hervorlocken zu können. Zwang, Ächtung und Dominanz haben noch nie zu wahren Erfolgen und Überzeugungen geführt. Es kann sogar das Gegenteil hervorrufen, weil sie die (eigentlich gute) Sache mit eben diesen Zwängen und Ächtungen psychologisch verknüpfen und sie damit meiden. Die natürliche Neugier auf das vermeintlich „Verbotene“ können wir nicht so einfach eliminieren, ohne dabei einen Heißhunger darauf zu kreieren.
    Bei uns zu Hause gibt es kein Fleisch – zu vielen Events nehmen wir die Tofu Würste mit und erwecken dabei sogar Neugier bei anderen Kindern – die Frage einer Fünfjährigen:“ Bist Du vegetarisch?“ steht exemplarisch für eine aufgeklärtere Zeit eines neuen Ess-Bewußtseins der heranwachsenden Generation – ein gute Entwicklung, denke ich. Aber ich habe mir abgewöhnt meinem 6jährigen auf anderen Kindergeburtstagen sein Essen vorzuschreiben, ihm sozusagen zuzuraunen, was er Essen darf, während alle anderen Kinder in die Würstchen beißen. Das untergräbt in erheblichem Maße seine Autorität und ich habe mich bei den einigen wenigen Malen dabei sehr unwohl gefühlt. Er v e r s t a n d dies einfach noch nicht und fühlte sich ausgeschlossen und traurig. Ich lebe leider auf keiner einsamen Insel, auf der alles gut und sicher ist, ich entschied mich für das Leben unter Menschen und da ist es oft sehr schwer, Kinder von allem fernzuhalten, ohne ihnen dabei versehentlich auf anderer Ebene noch stärker zu schaden, als Ihnen ursprünglich Gutes tun zu wollen.
    Eine wirkliche Lösung habe ich auch noch nicht, wichtig ist mir, dass ich in Verbindung bleibe mit meinen Kindern und sie mit Liebe begleite – nicht mit ständiger Kontrolle. Diese Liebe führt sicherlich immer zu etwas Gutem und ich bin mir sicher, dass eben dieses Gute „hängen bleibt“, in welcher Form auch immer.

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