Hilfe, mein Kind lebt vegan!

© sahua d - Fotolia.com

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Wenn das Kind beschließt, vegetarisch oder vegan zu leben, ist das für die Familie nicht immer leicht – – sie sind sich unsicher, ob das gesund sein kann oder fragen sich, warum der Sprössling schon wieder „quer schießt“. Jetzt ist es wichtig, im Gespräch zu bleiben: Nimm Dir die Zeit, lass Dir erklären, warum Dein Kind kein Fleisch essen möchte und nimm seine Bedenken ernst: Dein Kind hat selbstständig eine moralische und selbstlose Entscheidung getroffen; es schaut (buchstäblich) über den eigenen Tellerrand, hinterfragt gesellschaftliche Normen und zieht daraus Konsequenzen – Du kannst sehr stolz auf Dein Kind sein!
Im Folgenden sind einige der häufigsten Fragen oder Vorurteile bezüglich einer vegetarischen oder veganen Ernährung zusammen getragen – allerdings ersetzt diese Information nicht das ausführliche Gespräch mit Deinem Kind. Und dabei gilt: Mehr Neugier, weniger Empörung! Mit dieser Einstellung bekommst Du die Chance, Dein Kind noch ein wenig besser kennen zu lernen:
Ich bin auch für Tierschutz – aber man muss doch nicht gleich aufhören, Fleisch zu essen.
Dein Kind empfindet das anders. Es gibt viele Menschen, die diesen Standpunkt vertreten und sich für bessere Haltungsbedingungen von den Tieren, die weitläufig als Nutztiere bezeichnet werden, einsetzen. Es gibt jedoch daneben viele Menschen, die sich nicht damit zufrieden geben, Tiere in größeren Käfigen zu sehen, sondern sie sind der Meinung, dass Tiere gar nicht in Käfige gehören. Sprich mit Deinem Kind – wenn Du ihm zuhörst, wird es Dir erklären, warum. Schon so manche Eltern waren nach solchen Gesprächen beeindruckt davon, wie informiert, weitsichtig und selbstständig sich ihr Sohn oder ihre Tochter gezeigt hat.

Was sollen wir denn jetzt kochen? Wir haben keine Lust, jetzt immer extra Essen zu machen!
Die vegetarische und auch die vegane Küche ist äußerst lecker und abwechslungsreich – und vermutlich isst Du auch wesentlich häufiger vegan, als Dir bewusst ist! Du musst nicht extra kochen, wenn Du nicht willst; häufig ist mit kleinen Handgriffen das, was in der deutschen Küche „Beilage“ heißt, vegan und überdies nahrhaft und sättigend. Die Butter beim Gemüse kannst Du leicht durch Pflanzenöl ersetzen, und die Sahne bei den Kartoffeln durch Soja Cuisine. Wenn Ihr gemeinsam feststellt, wie einfach und abwechslungsreich die vegane/vegetarische Küche ist, hast vielleicht auch Du Lust, häufiger mal einen fleischfreien Tag einzulegen – die Gesundheit der ganzen Familie würde davon profitieren, schließlich wirkt sich eine vegane Ernährung positiv auf die Lebenserwartung aus ( Link zur Studie ) und das Risiko für Herzinfarkte ( Link zur Studie ), für Diabetes ( Link zur Studie ) und verschiedene Krebsarten ( Link zur Studie ) wird verringert.

Ich könnte noch verstehen, wenn mein Kind Vegetarier wäre – aber Veganismus ist doch übertrieben!
In Deutschland vegetieren 90-95% aller Nutztiere in Massentierhaltung – ganz gleich ob sie dort für ihr Fleisch, für ihre Milch oder ihre Eier gehalten werden. Vegetarier wollen nicht, dass Tiere sterben, damit ihr Fleisch auf unseren Tellern landet; Veganer wollen nicht, dass Tiere sterben, damit ihre Produkte, wie Milch und Eier auf unseren Tellern landen – da ist eigentlich kein Unterschied. Es geht um das Gleiche: um das Leid der Tiere. Und Dein Kind möchte das nicht unterstützen. Das ist doch eine große Tugend!

Mein Kind wächst ja noch! Ist eine vegetarische/vegane Ernährung nicht ungesund?
Die American Dietic Association (das weltweit größte Institut für Ernährung) und die Dietitians of Canada stellen in einer gemeinsamen Studie fest, dass eine gut geplante vegane oder andere Form von vegetarischer Ernährung für alle Lebensphasen geeignet ist, einschließlich Schwangerschaft, Stillzeit, Säuglingsalter, Kindheit und Pubertät. Du musst Dir wirklich keine Sorgen machen. Du kannst Dein Kind unterstützen ein gesundes Leben zu führen, indem Du als Vorbild selbst ein gesundes Leben führst.

Unser Kind mag kein Gemüse – wie gewährleiste ich trotzdem eine gesunde Ernährung?
Wenn Kinder Fleisch ablehnen aber auch bei Gemüse pingelig sind, raufen sich viele Eltern die Haare. Oft hilft es schon, sich gemeinsam Rezeptbücher anzuschauen, köstliche Ideen zu suchen und diese zusammen zu kochen – Kompromissbereitschaft und Experimentierfreude vorausgesetzt. Es gibt aber harte Fälle, in denen allein der Anblick von Brokkoli und co einen Würgereiz hervorruft. Hier hilft: Geduld und/oder ein Pürierstab! Gemüse kann man zu Saucen, Suppen oder Brotaufstrichen pürieren, man kann ausprobieren, ob das Kind es lieber knackig oder weich mag. Vielleicht mag es Gemüse paniert, überbacken oder roh mit Dip? Auch die Attraktivität von Obst kann man steigern, wenn man es nicht nur im Korb darauf warten lässt, gegessen zu werden: Wie wäre es mit einem Obstsalat zum Nachtisch oder einem leckeren Obst-Spieß als Snack beim Fernsehen? Auch (grüne) Smoothies sind eine hervorrage Option, Gesundes ins Kind zu sneaken.

Ich finde, ab und zu etwas Fleisch muss schon sein. Wenn ich es heimlich unter das Essen mische, wird es sicher nichts merken, oder?
Es wird dem Verhältnis zwischen Dir und Deinem Kind kaum zuträglich sein, wenn Du versuchst, Dein Kind von seinem Vorhaben abzubringen oder es zu demoralisieren – heimlich unter das Essen gemischtes Fleisch kann das Vertrauen zwischen Euch nachhaltig beeinträchtigen.

Seit unser Kind vegan lebt, gibt es jeden Abend bei Tisch Streit.
Wenn man am Esstisch Frieden haben möchte, muss vereinbart werden, dass man die Essgewohnheiten der jeweils Anderen akzeptiert. Wenn sich das vegetarische Kind z.B. ständige Kommentare von der Schwester oder vom Vater anhören oder sich verteidigen muss, ist das genauso wenig konstruktiv, wie moralische Predigten vom veganen Kind. Wenn die Geschwister über dieses Thema ständig in Konflikt geraten, greife ein und verlange, dass man sich gegenseitig respektiert. Das Gleiche gilt für die Verwandtschaft: Wenn Dein Kind bei allen Familienfesten ständigen Diskussionen oder Bemerkungen über seine Essgewohnheiten ausgesetzt ist, wird es diese Feste bald meiden. Aber vor allem Ihr als Eltern sollten nicht versuchen, die Integrität Ihres Kindes zu untergraben, indem Du seine Entscheidung schlecht machst; Dein Kind braucht es, dass Du ihm mit Respekt begegnest. Sprich mit Deiner Familie – auch wenn Du vielleicht die Entscheidung Deines Kindes nicht ganz nachvollziehen kannst, ist es wichtig, dass Du hinter ihm stehst; Dein Kind wird Dir dankbar sein!

Jetzt können wir ja auch gar nicht mehr auswärts essen gehen!
Keine Sorge, heutzutage kann man praktisch überall veganes Essen bekommen! Es gibt verschiedene Webseiten wie www.veganguide.org  oder www.happycow.net, die vegetarier- und veganfreundliche Restaurants (sowohl in Deutschland, als auch weltweit) auflisten, bestimmt ist auch eines in Deiner Nähe. Wenn Du ein Smartphone besitzt, kannst Du Dir auch die Vebu-App auf Dein Handy herunterladen, somit kannst Du unterwegs nachsehen, wo das nächstgelegene passende Restaurant ist.

Was machen wir an Familienfesten oder Feiertagen?
Es ist nicht schwer, Rücksicht auf eine vegane Ernährung zu nehmen – allerdings scheitert es manchmal am guten Willen der Beteiligten. Wenn sich Eure Gastgeber nicht imstande sehen, veganes Essen zuzubereiten, bringt doch selbst leckeren Salat, Auflauf oder Kuchen mit. Wichtig ist, dass Du Dein Kind auch hier moralisch untertützt: Wenn sich der Onkel oder die Großmutter bissige Kommentare nicht verkneifen können, liefere Dein Kind nicht aus, wenn Du merkst, dass es nicht alleine kontern kann. Wenn sich Dein Kind auf solchen Festen unwohl fühlt, wird es irgendwann aufhören, Dich zu begleiten und das wäre doch schade! Vielleicht hast Du ja sogar Lust, Dich mit Deinem Kind solidarisch zu zeigen und auf Familienfesten auch vegan isst? Das wäre ein starkes Signal – sowohl für Dein Kind, als auch für die Verwandtschaft! Übrigens: Auch an Feiertagen wie Weihnachten muss man auf festliche Menüs nicht verzichten; zum Beispiel auf www.veganwelt.de  gibt es Vorschläge für opulente und mehrgängige Festtag-Menüs, bei denen jeder auf seine Kosten kommt.

Bei besonderen Anlässen könnte mein Kind ruhig eine Ausnahme machen und Fleisch essen – das wäre doch ein Kompromiss!
Dein Kind ist Vegetarier oder Veganer, weil es Tiere nicht töten oder ausbeuten möchte. Sicherlich hast auch Du ein Wertesystem; Einstellungen, die Du vertrittst, weil Du vom Unterschied zwischen Richtig und Falsch überzeugt bist. Wahrscheinlich sind Dir Werte wie Gerechtigkeit wichtig, oder dass man nicht stehlen sollte. Bedränge Dein Kind nicht, gegen seine eigenen Werte zu handeln – es untergräbt seine Integrität und zwingt es, gegen sein Gewissen zu handeln.

Ich habe den Eindruck, unser Kind will nur kein Fleisch essen, um gegen uns zu rebellieren.
Viele Eltern nehmen die Entscheidung der Kinder für eine vegetarische oder vegane Ernährung persönlich – aber das müssen sie nicht! Nimm Dein Kind ernst; es hat eine ethische Entscheidung getroffen, die nicht gegen Dich gerichtet ist. Dein Kind möchte nicht, dass Tiere für sein Essen getötet werden und leiden müssen – nicht mehr, nicht weniger. Trotzdem kann das Verhalten Deines Kindes für Dich so wirken, als wollte es sich gegen Dich auflehnen – aber bleib gelassen; das ist eine natürliche Entwicklungsphase die zum Erwachsenwerden dazugehört. Jeder junge Mensch muss sich abgrenzen und seinen eigenen Weg suchen. Hilf Deinem Kind dabei, indem Du ihm Deine Wertschätzung zeigst, denn die braucht es dringend!

Das ist doch bestimmt nur eine Phase!
Vielleicht hast Du Recht – aber viele Kinder und Jugendliche, die wieder anfangen Fleisch zu essen, scheitern gerade an der fehlenden Unterstützung in ihrer Familie. Auch wenn es Dir vielleicht schwer fällt, nimm Dein Kind auch in dieser Sache ernst; Rückschläge sind nicht gut für das Selbstbewusstsein und eine mangelnde Unterstützung könnte Dein Kind Dir übel nehmen. Wenn Du Deinem Kind womöglich auch noch sagst, dass es das sowieso nicht lange durchhält, kann es das Gefühl bekommen, dass Du ihm das nicht zutraust. Du musst mit Deinem Kind nicht einer Meinung sein – stärke ihm trotzdem den Rücken, denn Dein Kind braucht Dich, und zwar nicht, um Veganer, sondern um ein selbstsicherer, integrer Mensch zu werden, der Verantwortung für sich und seine Umwelt übernimmt!

Kann ich meinem Kind das nicht einfach verbieten?
Dein Kind möchte von Dir respektiert werden und es braucht, dass Du ehrliches Interesse an seinen Gedanken zeigst. Eine solch rabiate Methode vermittelt Deinem Kind, dass Du Dich nicht mit ihm auseinandersetzen, sondern entweder Deine Ruhe haben, oder die Individualität Deines Kindes unterdrücken willst. Und das ist sicher nicht, was Du wirklich willst! Zu einer gleichwürdigen Beziehung zwischen Eltern und Kind braucht es den gleichwürdigen Dialog, keinen Gehorsam. Ein solches Verbot würde die Kluft zwischen Dir und Deinem Kind wahrscheinlich nur vergrößern und Deinem Kind das Gefühl geben, unverstanden und alleine zu sein.

Vegane Produkte sind viel teurer als die konventionellen Tierprodukte.
Eine vegane Ernährung ist dann teurer, wenn sie hauptsächlich aus Fertig- und Ersatzprodukten besteht. Wenn man viel selbst und frisch kocht und auch bei den Ersatzprodukten die verschiedenen Anbieter vergleicht, muss man nicht mehr Geld ausgeben als für Fleisch und Käse.
Aber wenn es trotzdem Fertigprodukte oder Brotaufstriche haben will, soll es das gefälligst vom eigenen Taschengeld bezahlen. Taschengeld ist dazu da, um Kindern die Möglichkeit zu geben, einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld zu lernen – es sollte nicht als Erziehungsmittel missbraucht werden. Auch sollten Kinder nicht Grundnahrungsmittel oder andere Notwendigkeiten davon kaufen müssen. Ich bin der Meinung, dass Kinder ihr Taschengeld für Freizeitaktivitäten wie Kino, Café-Besuche, CDs und dergleichen einteilen sollten. Bestehst Du jedoch auf Deiner Forderung, wäre es fair, wenn die Ausgaben für die veganen Nahrungsmittel mit den Ausgaben für Fleisch und Käse verrechnet werden – schließlich konsumiert Dein Kind diese nicht.

Diesen Text habe ich ca. 2011 für Peta2.de geschrieben und er erscheint hier in einer aktualisierten Version.

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