Der vegane Kinderbuchmarkt hat Zuwachs bekommen! Die Autorin Kathleen Biermann-Jung ist selbst Veganerin, und hat mit „Die Abenteuer des Karpfen Kurt“ ein Buch geschrieben, in dem ein Karpfen sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, um nicht auf dem Teller zu landen. Schön zu wissen: Das Buch ist eine Vater-Tochter-Zusammenarbeit: Christian Biermann war Trickfilmzeichner im DEFA-Studio, dem volkseigenen Filmunternehmen der DDR, das später in das Studio Babelsberg überging. Und dass hier ein Profi am Werk ist, sieht man den wunderschönen, handgezeichneten Illustrationen auch an.

Der Plot

Der Karpfen Kurt lebt glücklich mit seiner Familie in einem Teich – doch eines Tages wird aus diesem das Wasser abgelassen und während Kurt sich verstecken kann, werden die meisten Karpfen abgefischt, so auch Kurts Familie. In Kala, der Karpfin, findet er eine neue Freundin und Gefährtin, und zusammen beschließen sie, sich einen Weg aus dem Karpfenteich zu suchen, um in einem großen Gewässer frei und ungefährdet zu leben. In Claus, dem Edelkrebs, finden sie unerwartet einen neuen Freund, der ihnen bei ihrer gefährlichen Flucht hilft, und auch an einem sicheren Ort ein neues Leben anfangen will. Kurz vor der sicheren Ankunft wird es noch mal richtig brenzlig, aber mit Hilfe zwei menschlicher Retter gibt es doch noch ein Happy End für Kurt, Kala und Claus.

Was mir gut gefällt:

Ich bin ein großer Fan von der kleinen Teichschnecke, die sehr selbstbewusst ihr Lebensrecht verteidigt: „Ich habe hier im Gewässer noch wichtige Aufgaben zu erfüllen und großen Bock, weiterzuleben!“, sagt sie, als Kurt sie essen will, und als dieser wissen möchte, was das für Aufgaben seien, führt sie herzerwärmend aus: „Wo meine Gaben liegen, da liegen meine Aufgaben“. Ich mag auch die naturnahen Beschreibungen: die Krähe, die ihr Brot ins Wasser taucht um es zum Essen aufzuweichen oder Carl, der Edelkrebs, der sich zum Häuten zurückziehen muss, und die Beschreibung des Lebens im Teich durch die verschiedenen Jahreszeiten hindurch. Und auch die Szene, in der Kurt seine Familie im Traum noch mal wiedertrifft, und sich diese von ihm verabschiedet, ist ein rührender, aus meiner Sicht kindgerechter Umgang mit dem Thema Tod. Und da es ja nun mal wirklichkeitsgetreu Menschen sind, die dazu führen, dass Kurt sein Zuhause verlassen muss, um an einem neuen Ort in Sicherheit leben zu könne, ist es ein versöhnlicher Abschluss, dass es Menschen sind, die ihnen auf der letzten Etappe das Leben retten. Super ist natürlich, dass man mit seinem Kind – gerade jetzt – das Thema Flucht besprechen kann: Kurts Zuhause ist für ihn bedrohlich geworden, und er macht sich auf eine gefährliche Reise an einen neuen Ort, an dem er in Sicherheit leben kann.

Was mir nicht so gut gefällt:

Wer mir auf Instagram folgt, hat sicherlich schon mitbekommen, dass ich ein scharfes Auge habe, wenn es z.B. in Kinderbüchern um Diskriminierung, Repräsentation, Darstellungen und dergleichen geht. Und leider bin ich auch hier fündig geworden – die Geschlechterverhältnisse in diesem Buch gehen einfach echt nicht klar. Und zwar: Zum einen ist „natürlch“ die Hauptfigur ein Junge, das ist ja leider in den meisten Kinderbüchern immer noch der Fall. Das an sich wäre schon echt nervig, aber auch sonst sind weibliche Figuren vergleichsweise unterrepräsentiert: 16 männlichen Figuren stehen 10 weiblichen Figuren gegenüber, wobei natürlich die männlichen den mit Abstand höchsten Redeanteil haben. Es bleibt jedoch nicht nur beim zahlenmäßigen Ungleichgewicht: Fast alle weiblichen Figuren haben nämlich entweder keinen Namen (sogar Kurts Mutter nicht – sein Großvater und sein Bruder hingegen schon) oder gehören zu einer männlichen Figur, d.h. sie treten erst in Bezug zu einer männlichen Figur auf und sind entweder „die Tochter von“ oder „die Freundin von“ oder „die Mutter von“.

Was ich aber am unangenehmsten finde, ist etwas, das im feministischen Diskurs als male gaze (englisch für männlicher Blick/männliches Starren) bezeichnet wird, und das Phänomen beschreibt, dass der Blick, mit dem auf Personen oder Situationen geguckt wird, ausgerichtet wird auf das ästhetische Empfinden eines heterosexuellen Mannes. In diesem Buch übersetzt sich das so, dass nur weibliche Figuren nach ihrer Attraktivität beschrieben oder bewertet werden: „Kurt gefielen [Kalas] geschwungenen Flossen, die länger und runder waren als seine. Und, an ihren Augen befanden sich Wimpern.“ Oder Grete, die sich folgendermaßen selbst beschreibt: „Vom hübschen Gretchen zur ollen Gräte.“ Grete hat nämlich ein „Piercing“ – ein alter Angelhaken, der seit langer Zeit in ihrem Kiefer steckt und ihr Gesicht verformt hat, und wiederholt sogar später noch mal, dass sie vor dem Zwischenfall mit dem Angelhaken „hübscher“ war. An einer anderen Stelle begegnet Kurt zwei Planeten, die folgendermaßen beschrieben werden: „Einer der beiden hatte wunderschöne blaue Augen mit langen dunklen Wimpern. Dazu einen großen Mund, mit dem er Kurt liebevoll anlächelte. Besser gesagt sie lächelte ihn an. Denn dieser Planet war eindeutig eine Frau. Der andere leuchtete intensiv rot. Er trug ein Schild und eine Lanze bei sich, sein Blick war sehr stolz.“ So eine stereotype Darstellung muss doch echt nicht mehr sein. Ich mag sowas in Kinderbüchern einfach nicht mehr lesen. Ich mag meinen Kindern nicht vorlesen, dass das Aussehen von Weiblichkeit danach bewertet wird, ob es gefällig ist. Es gibt noch einige andere kritischen Stellen, wie z.B. dass Kurt als verwegen und mutig dargestellt wird, während Kala immer wieder verzagt und ängstlich ist, aber was wirklich dem Ganzen die Krone aufsetzt, ist eine Aussage am Schluss: Claus der Edelkrebs wird in die Freiheit entlassen, und Sarah, seine menschliche Retterin sagt dann nämlich schmunzelnd, (Achtung, übel) dass sie ihm „bald einige Edelkrebsweibchen zur Unterhaltung bringen“ müssen. Also wirklich, das ist doch einfach eklig. Sowas kann man nicht mehr schreiben. Muss man es wirklich noch ausführen? Muss ich erklären, dass das hier beschriebene Geschlechterverhältnis, in dem dem „Mann“ (hier in Persona eines Krebses) nicht nur eine sondern sogar mehrere „Frauen“ zugeführt werden, damit dieser seinen Spaß haben kann, gar nicht klar geht? Dass das echt nix mit Augenhöhe oder Gleichwürdigkeit zu tun hat?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass das gar nicht beabsichtigt ist. Ich habe ein Interview mit der Autorin und dem Illustrator gelesen, in der sie erzählt haben, dass die Darstellung von Kala, der Karpfin ursprünglich „lieblicher“ war, mit Kussmund und noch längeren Wimpern (wobei man sagen muss, dass sich das für mich so liest, als sei „lieblicher“ hier ein Euphemismus für „sexualisierter“), und dies geändert wurde, es gab im Entstehungsprozess also offensichtlich eine Art Sensibilisierung für die Art der Darstellung von „Weiblichkeit“. Ein scharfes Auge, das diese Dinge konsequent identifiziert, ist eine kleine Wissenschaft für sich, das viel Schulung, Sensibilisierung und Übung erfordert – mir ist natürlich klar, dass das nicht jede*r leisten kann. Und genau deshalb geht es meines Erachtens heutzutage nicht mehr, solche Publikationen in die Welt zu bringen, ohne sie durch ein diskriminierungssensibel geschultes Lektorat laufen zu lassen. Bücher nur auf Rechtschreibfehler zu prüfen reicht heute einfach nicht mehr, wir müssen sie auch auf diskriminierungssensible Ausgeglichenheit checken.

Ich habe ja bereits in einem früheren Artikel darüber geschrieben, und schreibe auf Instagram unter dem Hashtag #wasichnichtvorlese darüber, dass ich Kinderbücher oft nur selektiv vorlese, d.h. ich ändere Sätze oder lasse sie weg, damit sie meinen Kindern nicht ungünstige Vorurteile und Stereotype vermitteln. Das kann natürlich auch hier eine Vorgehensweise sein, denn an sich ist es eine süße Geschichte mit richtig schönen Illustrationen, die verschiedene tolle Messages bereithält: das Leben im Teich durch die verschiedenen Jahreszeiten hindurch, der Glaube an sich selbst, die Hoffnung, dass es nach Schicksalsschlägen ein schönes Leben geben kann, und dass man mit Willenskraft und Durchhaltevermögen auch schwierige Herausforderungen meistern kann!

Auf der Webseite zum Buch ist das Kind ab 5 Jahren empfohlen, auf der Facebook-Seite ab 4. Ich würde sagen, vor 5 ist das eher nichts, da sich die ganze Geschichte auf über 100 Seiten hinzieht, und nicht auf jeder Doppelseite Bilder zu sehen sind, also, das Kind braucht schon viel Lust und Muße zum Zuhören.

Kathleen Biermann-Jung: Die Abenteuer des Karpfen Kurt. 102 Seiten. Ab 5 Jahren. Hein-Verlag. 12,50 Euro. Link zu Buch7* | Link zu Amazon*

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