#MeTwo – Rassismus in Deutschland



Ihr Lieben, ich glaube, so schwer war mein Herz noch nie beim Verfassen eines Textes. Wobei ich ja nur teilweise Verfasserin bin – denn hier kommen so viele Menschen zu Wort, die endlich, endlich ENDLICH den Raum bekommen, gehört und gesehen zu werden: Menschen sprechen über ihre Rassismuserfahrungen. Während ich mich durch Twitter gekämpft habe, durch die vielen Kommentare, in denen Menschen unter dem Hashtag MeTwo herzzerreißende Erlebnisse schildern, die sie zum Teil seit ihrer Kindheit machen, die vielen Kommentare, die den Wahrheitsgehalt dieser Kommentare anzweifeln, sie abwerten, sie leugnen, die vielen Kommentare von RassistInnen (die natürlich keine sind, aber…) die den Hashtag missbrauchen… Kann man so einen Artikel schreiben und dabei nicht weinen? Also, ich nicht.

Übrigens habe ich meinen eigenen etwas eingestaubten Twitter-Account auch mal wieder als Tweeterin benutzt – einige meiner eigenen #metwo-Tweets habe ich auch hier eingefügt.

Shit people say & do

Übrigens hat die Dame sich mit diesem Satz nicht nur als Nazi geoutet, sondern auch eklatante Fehlinformationen offenbart. 6 Mio beziffert natürlich mitnichten die Zahl der Jüd*innen in Deutschland, ever, sondern die Zahl jüdischer Menschen, die während des Holocausts umgebracht wurden – das beinhaltet zu weiten Teilen jüdische Menschen aus anderen europäischen Ländern. In Deutschland lebten 1933 gerade mal etwas über 500.000 Jüd*Innen. Das ist deshalb wichtig, weil das eine Komponente von Rassismus ist: Die gefühlte Anzahl der als „Fremde“ wahrgenommenen Menschen übersteigt die tatsächliche Anzahl bei weitem. Ich habe neulich auch einen Artikel gelesen, in dem die Zahl der Türk*innen in Deutschland regelmäßig höher angegeben wird als sie tatsächlich ist, kann ihn aber nicht finden. Kennt den jemand? Gerne in die Kommentare verlinken!


Sprache

Direkt nach der Herkunftsfrage ist meine häufigste rassistischste Erfahrung wohl, dass meine Deutschkenntnisse thematisiert werden – entweder werden sie in Zweifel gestellt oder es wird sich gewundert, dass sie so gut sind. Leute, ist das 2018 immer noch ein Novum? An Kanacken, die ordentlich Deutsch sprechen, gewöhnen sie sich wohl nie…


Schule

Ist es nicht erstaunlich, dass die Schule als denkbar undemokratischer Ort junge Menschen darauf vorbereiten soll, in einer Demokratie zu leben? Hier geht’s nicht um Schulkritik, sondern um Rassismus, trotzdem hängt beides durchaus zusammen: Rassismus hat enorm viel mit Macht zu tun – und an einem Ort, der so sehr von Machtgefälle geprägt ist wie Schule, hat Rassismus natürlich ideale Gedeihbedingungen. Und das wirkt sich nicht nur darauf aus, wie Kinder behandelt werden, sondern auch, wie ihre Leistungen beurteilt werden – und hat somit Auswirkungen auf die Zukunft: Gerade erst hat eine Mannheimer Studie festgestellt, dass türkische Kinder bei gleicher Leistung schlechtere Noten bekommen als autochthon-deutsche Kinder. Passt auf Eure Kinder auf, Ihr Lieben! :-*

 

 

Das klingt so unglaublich, oder? Scheint aber kein Einzelfall zu sein:

Zugehörigkeit

Möchtest Du wissen, was die Herkunftsfrage für viele Menschen of Color auslöst und für sie bedeutet? Dann hier lang zu meinem Artikel, in dem ich erkläre, warum ich die Frage: „Woher kommen Sie?“ nicht mehr beantworten möchte.

Was Rassismus in einem auslöst

Tatsächlich gehört das auch zu meinem Alltag: Die Sorge, dass jeder Verhaspeler wenn ich spreche, jeder Vertipper wenn ich schreibe darauf zurückgeführt wird, dass ich ja nicht richtig Deutsch sei (Deutsch ist übrigens meine Erstsprache). Man muss sich übrigens weder verhaspeln noch verschreiben, um defizitäre Deutschkenntnisse unterstellt zu bekommen: Eine Untersuchung in den USA hat ergeben, dass signifikant viele Menschen, denen eine Vorlesung von einer Weißen abgespielt wurde, keinen Akzent hörten, aber plötzlich einen Akzent unterstellten, als die identische Vorlesung mit dem Bild einer Person of Color abgespielt wurde.

 

Stimmt das? Stimmt es nicht? Das werde ich nie herausfinden. Die Unsicherheit bleibt.

Arbeitsplatz

Rassismuserfahrung absprechen

Tatsächlich ist eine der größten und schmerzhaftesten Dimensionen von Rassismuserfahrung dass du mit diesen Erfahrungen nicht ernst genommen wirst – auch unter Menschen, die sich als link und anti-rechts verstehen, sogar von Freund*innen.

Sich darüber aufzuregen, dass jemand Rassismus anspricht, ist ein derart verbreitetes Phänomen, dass es dafür ein Wort gibt: „Skandalisierung“. Damit ist leider nicht gemeint, dass die rassistische Handlung skandalisiert wird, sondern der Umstand, dass jemand gesagt hat: „Das war rassistisch!“ Natürlich ist mir klar, warum das so läuft: Wenn uns jemand sagt: „Das war rassistisch!“ hören wir „Du bist böse!“, denn Rassismus bringen wir mit brennenden Geflüchtetenheimen, Rassentrennung und ähnlichem in Zusammenhang. Das weisen wir natürlich entschieden von uns! So ändert sich dann aber halt auch nix, und bloß weil man keine Molotowcocktails schmeißt, kann man trotzdem ganz hervorragend Teil des Problems sein.


Diese Wahrnehmung ist erstaunlich, denn um Rassismus zu verifizieren, muss man nur mal die Kommentare zu den #MeTwo-Tweets lesen. Die erspare ich uns allen aber, ich bin sowieso schon fix und fertig.

Und dann gibt’s noch die, die einfach nicht kapiert haben, worum es geht:

Das höre ich ja auch oft: „Also ich bin farbenblind, für mich sind alle Menschen gleich.“ Was Sätze wie dieser eigentlich bedeuten: „Ich bin blind gegenüber Rassismus. Ob Menschen die eine andere Hautfarbe haben als ich, andere Erfahrungen machen, findet außerhalb meiner Wahrnehmung statt.“ People of Color können sich nicht leisten, „farbenblind“ zu sein – ihre Realität zeigt ihnen, dass Hautton eben sehr wohl eine deutliche Rolle spielt.  Diesen Tweet von Abby finde ich ja auch noch mal frecher, weil es hier gerade nicht darum geht, ob autochthone Deutsche hoffnungsvoll sein können, sondern darum, dass der Umstand, dass eklatanter Rassismus zum Alltag von People of Color gehört, endlich mal sichtbar wird. Als Ergänzung dazu dieser Tweet:

Ist es nicht erstaunlich, dass plötzlich alle im Rassismus-Club Mitglied sein wollen? „Ich habe auch Rassismus erfahren!!!“ Nein, liebe autochthone, Weiße Deutsche, habt Ihr nicht. Abwertende, bedrohliche, diskriminierende Handlungen gegen Weiße Deutsche durch People of Color sind natürlich Realität – aber kein Rassismus. Elementar für Rassismus ist das strukturelle Machtgefälle: Wenn diese spezielle Gruppe Türken in diesem Moment durch ihre zahlenmäßige Überlegenheit oder eine stärkere Gewaltbereitschaft vielleicht machtvoller waren als die Bundeswehr-Kameraden, ändert das nichts an den grundsätzlichen Machtverhältnissen, an ihrer strukturellen Unterlegenheit gegenüber Weißen: Wenn sie sich am nächsten Tag für einen Job, eine Wohnung bewerben, wenn ihre Kinder ein Diktat schreiben, werden sie die Unterlegenen sein.

Jan Fleischhauer hat vor einiger Zeit ein Buch rausgebracht. Es heißt: „Alles ist besser als noch ein Tag mit dir“ – mit diesem Satz hat ihn nämlich vor einigen Jahren seine Frau verlassen. Fand ich ja schon ein bisschen peinlich und nachdem ich ein Interview von ihm darüber gelesen habe, irgendwie auch den Respekt vor ihm als Journalist verloren und nie wieder eine Kolumne von ihm angeklickt. Der Respekt hat sich auch nicht wieder eingestellt, als er sich abwertend über #metoo äußerte. Und jetzt das. Was ist daran so schwer, einfach mal die Klappe zu halten und zuzuhören? Das ist nicht Euer Scheinwerferlicht!

Aber es gibt auch Hoffnung – Leute, die es (teilweise) checken:

Das ist eine fast selbstkritische Aussage! Auch Kanack*nnen sind nämlich Akademiker*innen! Das statistische Bundesamt hat 2016 Bildungsabschlüsse ermittelt, und festgestellt, dass fast genau so viele Menschen mit Migrationshintergrund einen akademischen Abschluss haben (20 Prozent) wie ohne Migrationshintergrund (22 Prozent). Bäm.

Mein #germandream ist übrigens, dass Rassismus von qualifizierten Fachkräften als Unterrichtsgegenstand in Schulen behandelt wird, dass Lehrkräfte Rassismusschulungen bekommen, und alle, alle Menschen in Deutschland „Exit Racism. rassismuskritisch denken lernen.“ von Tupoka Ogette lesen.

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