Neues Positionspapier zur veganen Ernährung von der Deutsche Gesellschaft für Ernährung

Bildschirmfoto 2016-04-15 um 10.36.56Viele von Euch haben im letzten Jahr meine Petition gegen die hoffnungslos veraltete Stellungnahme der DGE zur veganen Kinderernährung unterzeichnet (über 3.200 Unterschriften kamen zusammen!) – und immer mal wieder wurde ich seitdem gefragt, ob die DGE sich dazu eigentlich geäußert habe. Nein, hat sie nicht (zumindest nicht mir gegenüber, aber die BetreiberInnen der Seite vegan.eu haben bei der DGE mal nachgefragt, kam aber – quelle surprise – nicht so viel bei rum), aber der zunehmende öffentliche Druck führte offenbar dazu, dass die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) in den letzten Monaten an einem Positionspapier zur veganen Ernährung gearbeitet hat; Anfang dieser Woche wurde es veröffentlicht: DGE-Position „Vegane Ernährung“. Nun ja, was soll man sagen – wenn man sowieso nicht große Erwartungen hatte, wurde die DGE diesen vollkommen gerecht. Um es vorweg zu nehmen: Die DGE lehnt eine vegane Ernährung für Schwangere und Kinder nach wie vor ab, gibt jetzt aber immerhin Empfehlungen ab, die man beachten soll, wenn man sich trotzdem dafür entscheidet. Aber mal ein wenig ausführlicher:

Sozusagen erfreulich ist:

  • das durchaus positive Bild, das von VeganerInnen gezeichnet wird: „In westlichen Ländern ist der typische Vegetarier weiblich, jung, gebildet und vermögend, lebt in Städten und pflegt einen ‚gesunden Lebensstil‘.“ Wobei ich schon ganz schön witzig finde, dass sich die DGE bemüßigt fühlt, gesunden Lebensstil in Anführungszeichen zu setzen. Krchch! Eingeständnisse fallen halt nicht immer leicht.
  • dass die DGE tatsächlich gesundheitliche Vorteile einer pflanzlichen Ernährung bzw. das erhöhte Risiko von bestimmten Krankheiten bei hohem Fleischkonsum beschreibt und schlussfolgert: Es „kann angenommen werden, dass eine pflanzenbetonte Ernährungsform (mit oder ohne einen geringen Fleischanteil) gegenüber der derzeitig in Deutschland üblichen Ernährung mit einer Risikosenkung für ernährungsmitbedingte Krankheiten verbunden ist.“ Ich würde sagen, das erfüllt immerhin die Kriterien für „besser als nix“. Mehr aber irgendwie auch nicht, vor allem, wenn man sich anguckt, wie wohlwollend und positiv Ernährungs- und Kindergesundheitsorganisationen in anderen Ländern vegane Ernährung bewerten.
  • Es gibt eine halbwegs ausführliche Auflistung von veganen Lebensmitteln, die als alternative Nährstofflieferanten für die verschiedenen Vitamine, Mineralien und dergleichen dienen können und auch lebensmittelbezogene Ernährungsempfehlungen für VeganerInnen.

Gewohnt rätselhaft bleibt:

  • warum die DGE zwar feststellt, dass laut aktueller Forschungslage eine „vegetarische oder vegane Ernährung […] in der Schwangerschaft sicher ist, wenn die Nährstoffversorgung beobachtet wird und Nährstoffdefizite kompensiert werden“ – in ihrer Zusammenfassung aber trotzdem Schwangeren von einer veganen Ernährung explizit abrät.
  • warum die DGE zwar zur Kenntnis nimmt und auch erwähnt, dass eine aktuelle Übersichtsarbeit ergibt, „dass moderne Säuglingsmilchnahrungen auf Sojabasis sicher sind und nicht anders als andere Säuglingsnahrungen und Frauenmilch auf Wachstum, Knochengesundheit, reproduktive, endokrine und neurologische Funktionen sowie das Immunsystem wirken“ – dieser neuen Forschungslage aber veraltete Stellungnahmen wie vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gegenüberstellt: Das BfR macht nämlich genau das gleiche wie die DGE: In seinem von der DGE zitierten Papier stellt es wiederholt fest, dass negative Auswirkungen von sojabasierter Säuglingsnahrung auch auf lange Sicht nicht festgestellt werden konnten – lehnt sie aber trotzdem ab. Muss man nicht verstehen. Augen verdrehen kann man aber schon.
  • dass die DGE zwar (löblicherweise) auflistet, dass einige internationale Fachgesellschaften eine (gut geplante) vegane (Kinder-)ernährung positiv bewerten, sich selbst dann aber in den deutschen Konsens einreiht, der gemeinsam mit dem Netzwerk „Gesund ins Leben“ und der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin weiterhin eine vegane Ernährung für Kinder als ungeeignet eingestuft.
  • dass die DGE bei der Auflistung der internationalen Stellungnahmen und Empfehlungen (die kennt man ja: von der nordamerikanischen Academy of Nutrition and Dietetics, dem australischen National Health and Medical Research Council, der Canadian Paediatric Society und der British Nutrition Foundation) wichtig findet herauszuheben, dass die Stellungnahme der British Nutrition Foundation von 2005 ist und somit nur „ältere Literatur“ berücksichtigt – eine erstaunliche Kritik, da der DGE sonst die Aktualität ihrer zitierten Literatur auch nicht besonders wichtig scheint (wir erinnern uns: Von den 54 verwendeten Quellen aus der letzten DGE-Stellungnahme von 2011 zur veganen Kinderernährung (die auch immer noch online ist!), stammen 30 aus den 70ern, 80ern und 90ern!) und die DGE auch nicht besonders zu stören scheint, dass z.B. die weiter oben erwähnte Stellungnahme der BfR zur sojabasierten Säuglingsnahrung, auf die sich die DGE in ihrem neuen Papier bezieht, von 2007 stammt und somit auch nicht gerade aktuell ist – aber wer sagt denn, dass man selbst den Maßstäben gerecht werden muss, die man an andere stellt, näch?
  • warum die DGE darauf besteht, dass vegan lebende Menschen neben der dauerhaften Einnahme eines Vitamin-B12-Präparates ihre Vitamin-B12-Versorgung regelmäßig ärztlich überprüfen lassen sollen – das klingt wie der Versuch einer Pathologisierung der veganen Ernährung: Wer sich vegan ernährt, müsse sich regelmäßig untersuchen lassen. Fakt ist: Wenn man regelmäßig ein B12-Präparat zu sich nimmt, dann ist es für VeganerInnen genauso sinnvoll, seine B12-Versorgung zu überprüfen, wie für MischköstlerInnen – den MischköstlerInnen erlegt die DGE eine regelmäßige ärztliche Überprüfung aber nicht auf.

Im Fazit fasst die DGE zusammen, dass eine vegane Ernährung durch „eine abwechslungsreiche, vielfältige Lebensmittelauswahl sichergestellt werden“ kann, bleibt aber dabei, eine Mischkost „die zum größten Teil aus pflanzlichen und zum kleineren Teil aus tierischen Lebensmittel inklusive Fisch und wenig Fleisch- und Fleischerzeugnissen (sic) besteht“ zu empfehlen. Und die DGE hat ja auch durchaus Recht, wenn sie weiter schreibt: „Eine vegan ausgerichtete Ernährung ohne angereicherte Lebensmittel bzw. Nährstoffpräparate führt bei einigen Nährstoffen zu einer unzureichenden Zufuhr, die mit z.T. erheblichen negativen Folgen für die Gesundheit einhergehen kann.“ – wenn wir kein Vitamin B12 zu uns nehmen, kommen früher oder später Mangelerscheinungen, das ist klar. Und wenn wir im Winter kein Vitamin D zu uns nehmen, dann geht es den meisten von uns ungefähr so schlecht, wie dem Rest der Bevölkerung in Deutschland, und das wollen wir ja nun wirklich nicht.

Wenn man sich also für die vegane Ernährung entscheidet, dann muss man laut DGE bestimmte Punkte beachten: Die dauerhafte Einnahme eines Vitamin-B12-Präparats (inklusive Überprüfung der Vitamin-B12-Versorgung), eine gezielte Auswahl an Lebensmitteln, ggf. die Versorgung weiterer kritischer Nährstoffe inklusive ärztlicher Überprüfung und die Beratung durch qualifizierten Ernährungsfachkraft. Ich finde, völlig unvernünftig klingt das nicht – ich bin auch der Meinung, dass es unerlässlich ist, mindestens einen guten Ernährungsratgeber zu veganer Ernährung zu lesen, wenn man sein Kind vegan ernähren möchte.

Ich finde, jedes Positionspapier und jeder Ratgeber zu veganer Ernährung, in dem der explizite Hinweis auf die dringende Notwendigkeit der Vitamin-B12-Supplementierung und einer sorgsamen Auswahl der Lebensmittel zur Versorgung mit wichtigen Nährstoffe fehlt, entbehrt an Seriosität – vor allem wenn es um Schwangerschaft, Stillzeit und Kinderernährung geht. Die DGE hat hier immerhin ihre Hausaufgaben gemacht, indem sie verschiedene Empfehlungen ausspricht, indem sie beschreibt, wie man mögliche Defizite der veganen Ernährung ausgleichen kann. Schade ist, dass sie eben genau das macht: Sie geht sehr defizitorientiert vor und lehnt eine vegane Ernährung während der Schwangerschaft und bei Kindern ab – trotz der Feststellung, dass beides möglich ist: Die DGE möchte sich nicht neutral oder gar positiv zur veganen Kinderernährung positionieren. Ob das etwas mit Gesichtswahrung zu tun hat (sich jetzt in ihrer Stellung um 180 Grad zu drehen, würde ja das Eingeständnis implizieren, bisher völlig falsch gelegen zu haben), oder mit dem Umstand, dass in den Beiräten der DGE-Sektionen Verbände für Milch und Milcherzeugnisse, Fleisch und Agrarmarketing sitzen und es da möglicherweise einen heimlichen Interessenskonflikt gibt, bleibt offen.

 

 

14 Kommentare
  1. Hi 🙂
    Es sind ein paar Fehler im Positionspapier. Von Seiten der DGE kam leider noch keine Antwort. http://www.christiankoeder.com/2016/04/dge-vegan-2016.html

  2. Das BfR, das Glyphosat für unbedenklich befunden hat, lehnt sojabasierte Säuglingsmilch ab. Das allein sagt schon genug. Unser Kinderarzt weigert sich, ein offensichtlich gesundes und topfittes Kind (seine Worte) zu stechen, um den B12 – Spiegel zu bestimmen. Dieses Kind hat keinen Mangel! Damit war für ihn das Thema beendet. Leider hat nicht jeder das Glück so einen Kinderarzt zu finden.

    • WOW. Wo ist dieser Arzt? LG an alle scheinenden Seelen hier auf der Webseite

  3. Liebe Sora,
    kannst du mir Ernährungsratgeber für vegane Kinder empfehlen?
    Quasi als Starterpaket? Mein Sohn ist gerade 10 Wochen alt und ich möchte ab Brei-Zukost alles richtig machen. Derzeit muss ich leider Fläschchen füttern und ich habe mich richtig verunsichern lassen dass es derzeit keine vegane Flaschennahrung gibt mit der man kein Risiko fürs Baby eingeht. Daher möchte ich wenigstens ab Breizufütterung vegan starten.

    Liebe Grüße,
    Katrin.

  4. Sorry, dass ich deinen Namen flasch geschrieben habe liebe Sohra!

  5. Liebe Sohra,

    lieben Dank für deine Rückmeldung! Deinen Artikel zum Thema vegane Kinderernährung hatte ich auch gelesen, allerdings habe ich mich durch diverse Aussagen komplett irritieren lassen obwohl vorher durch deinen Artikel bestärkt. Sogar unsere (vegane) Osteopathin hat davon abgeraten …

    Gibt es ggf. Literatur zum Thema vegane Ernährung für Kleinkinder?
    Komme nämlich aus Köln.

    Liebe Grüße,
    Katrin.

  6. Perfekt, danke dir für den Wegweiser an eine etwas Orientierungslose ;-)))

  7. Siehe auch – Die DGE und die Nähe zur Industrie: http://www.private-health-organisation.de/#!die-dge/c10ho

    Mein Bauchgefühl sagt mir, dass die DGE von der Fleischlobby unterwandert ist.

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