Review: „Vegan schwanger“ von Kriss Micus

Cover: "Vegan schwanger" von Kriss Micus

Man kommt kaum hinterher: 2017 erscheinen nicht weniger als VIER Bücher über vegane Schwangerschaft, ist das nicht verrückt? Vor einigen Wochen habe ich ja bereits „Vegane Ernährung. Schwangerschaft, Stillzeit und Beikost“ von Markus Keller und Edith Gätjen rezensiert. Jetzt „Vegan schwanger. Wie Sie als Veganerin fit und gesund durch die Schwangerschaft kommen.*“ von Kriss Micus. Auf meinem Schreibtisch wartet noch „Vegan Love“ von Lauren Wildbolz darauf, gelesen zu werden, und im Herbst kommt noch ein Buch über vegane Schwangerschaft heraus! Völlig verrückt.

Aaaaalso, jetzt mal zum Output von Kriss Micus. Ja, was soll man sagen, dieses Buch ist, äh, irgendwie anders. Würde mich jemand fragen: „Sohra, wenn Du ‚Vegan schwanger‘ von Kriss Micus auf einer Skala von 1 bis 10 einordnen müsstest, wobei  1 ‚informativer Ratgeber‘ wäre und 10 ‚Krasse Schmonzette‘?“ und ich das Buch noch nicht gelesen hätte, würde ich sagen: „Hä, wieso sollte jemand eine Schmonzette über vegane Schwangerschaft schreiben? Und wie soll das gehen?“ und wenn ich das Buch schon gelesen hätte, würde ich rausplatzen: „9!!“. Das gelingt Kriss Micus (mein nerviges Korrekturprogramm will die ganze Zeit schreiben „Krass Minus“, hihi), indem sie uns auf eine sozusagen „persönliche“ Weise an ihrer Baby-Reise teilhaben lässt: Die Kapitel werden jeweils eingeleitet von Dialogen – das könnte unterhaltsam sein, aber da sich Frau und Herr Micus anscheinend „Schatz“ und „Honey“ nennen, und sie ihre geneigten LeserInnen zum Beispiel auch daran teilhaben lassen, wie Herr Micus Frau Micus auf den Arm nimmt, ins Bett trägt und sie sich dort in den Armen liegen, auch ein bisschen schwer erträglich. Wir dürfen viel erfahren: vom Keimen ihres Kinderwunsches, zum neurotischen Verfolgen des Schwangerwerdens (Kriss Micus beschreibt z.B. wie sie eine Weile täglich auf Ovulationsstreifen pinkelte, und diese in ein Heft einklebt, um ihre fruchtbaren Tage herauszufinden), bis über ihr Empfinden und des Zustandes ihres Hautbildes während der verschiedenen Trimester ihrer Schwangerschaft. Dabei versucht Micus durchaus, informativ zu sein – ich frage mich aber, woher kommen diese ganzen Informationen? Micus ist nach eigenen Angaben Ökonomin und YouTuberin. Mit Gynäkologie, Ernährungswissenschaft, Hebammerie oder so hat sie anscheinend nichts am Hut, also muss sie all den Kram irgendwo nachgelesen haben. Aber wo? Die Quellen bleiben weitgehend ihr Geheimnis – am Ende gibt sie einige Studien an und die Seite Zentrum der Gesundheit an. Möööööp. Eigentlich ist das ja schon ein ziemliches Disqualifizierungsmerkmal.

Ich bin mir nicht ganz sicher, was das Buch leisten soll. Kriss Micus beschreibt zum Beispiel die verschiedenen Trimester auf allgemeine Weise – welche Wehwehchen möglich sind und was man dagegen machen kann. Wenn man aber einen allgemeinen Ratgeber zur Schwangerschaft lesen möchte, empfehle ich eher „Meine Schwangerschaft Woche für Woche“ von Prof. Lesley Regan, da sind auch mega beeindruckende Ultraschallbilder der verschiedenen Schwangerschaftswochen drin (ich habe während meiner Schwangerschaften immer in diesem Buch geguckt, wie groß mein Baby gerade ist und wie es ungefähr aussieht). Und wenn man zuverlässig und fachlich über die Besonderheiten einer veganen Schwangerschaft informiert werden möchte, dann ist man mit dem oben schon genannten „Vegane Ernährung. Schwangerschaft, Stillzeit und Beikost“ von Markus Keller und Edith Gätjen deutlich besser beraten. Denn in „Vegan schwanger“ von Kriss Micus bleiben nicht nur die Quellen ominös, es stehen auch schlicht falsche oder ungenaue oder missverständliche Dinge drin.

So empfiehlt Micus, täglich einen Esslöffel Sonnenblumenöl, Maiskeimöl oder Leinöl zu sich zu nehmen, um ausreichend Linolsäure zu sich zu nehmen. Linolsäure gehört zu den Omega-6-Fettsäuren, und mit denen sind VeganerInnen idR sehr gut versorgt. Problematisch an dieser Empfehlung ist, dass weniger Omega-3-Fettsäuren aufgenommen werden können, wenn wir zu viel Omega-6-Fettsäuren zu uns nehmen, und mit Omega-3-Fettsäuren sind VeganerInnen tendenziell jetzt nicht so mega gut aufgestellt, mit Omega-6-Fettsäuren aber schon. Der ernährungswissenschaftliche Ratgeber „Vegane Ernährung. Schwangerschaft, Stillzeit und Beikost“ rät sogar explizit vom Verzehr von Maiskeimöl oder Sonnenblumenöl ab, um das Gleichgewicht von Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren nicht zu stören. An anderer Stelle schreibt Micus, man müsse die B-Vitamine – genauso wie Vitamin D – supplementieren. Das stimmt zwar so ein bisschen, aber wie das so mit knapp daneben ist, ist ja bekannt. Die B-Vitamine muss man natürlich nicht supplementieren, sondern lediglich Vitamin B12. Und als Quelle für Vitamin B12 gibt Micus „Pflanzenmilch, Tofu, Nährhefe“ an. Natürlich kommt Vitamin B12 aber mitnichten in Pflanzenmilch, Tofu und Nährhefe vor – es sei denn, es handelt sich um mit Vitamin B12 angereicherte Versionen dieser Produkte – bei denen, die ich verwende, ist kein Vitamin B12 drin.

Ja, also ich kann dieses Buch irgendwie nicht empfehlen und bin erleichtert, es jetzt aus der Hand legen zu können. Nennen die einander echt Honey?

Kriss Micus: Vegan Schwanger. Wie Sie als Veganerin fit und gesund durch die Schwangerschaft kommen.  192 Seiten, 2017. 16,99 Euro.

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2 Kommentare
  1. Hallo, habe mal eine spannende Frage. Wie siehst du die industrielle Viehzucht in Bezug auf die Trinkwasserknappheit und die Klimaerwärmung? Und sagt dir der Film Cowspiracy was? Würde gern mal deine Meinung dazu hören 🙂

    • Huhu Julian!

      Ich habe vor einigen Jahren mal einen Artikel über den Zusammenhang von Fleisch/Tierprodukte und Umwelt geschrieben; Wasserverschwendung und die Auswirkung auf das Klima kommen darin auch vor: http://www.tofufamily.de/173/.

      Cowspiracy kenne ich zwar, habe ich aber nicht gesehen, ich bin da etwas zu zartbesaitet für. Ich habe aber neulich vom gleichen Filmemacher „What the health“ gesehen, und fand den Film ziemlich gut!

      Viele Grüße!

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