Review: Vegane Ernährung – Schwangerschaft, Stillzeit und Beikost

Cover von  Vegane Ernährung Schwangerschaft, Stillzeit und Beikost von Markus Keller Edith Gätjen

Ich habe die beiden AutorInnen Markus Keller und Edith Gätjen 2014 auf der VegMed kennen gelernt, wir alle drei waren als ReferentInnen eingeladen, und damals erzählten sie mir schon, dass sie planen, ein ernährungswissenschaftliches Fachbuch über vegane Kinderernährung herauszubringen. Ich war natürlich hochbegeistert! Markus Keller ist Gründer des Instituts für alternative und nachhaltige Ernährung (IFANE), hat das Buch „Vegetarische Ernährung“ geschrieben, führt derzeit die Vegetarian and Vegan Children Study durch, und gibt, zusammen mit Edith Gätjen, an der UGB die Wochenendseminare „Vegan von Anfang an“ (zu dem ich ja schon ewig mal hin will). Edith Gätjen selbst ist Ernährungswissenschaftlerin, Stillberaterin und Fachberaterin für Säuglings- und Kinderernährung. Hier sind also Profis am Werk!

Kapitel-Übersicht:

  1. Was heißt vegan?
  2. Vegane Vollwert-Ernährung
  3. Gesundheitliche Aspekte veganer Ernährung
  4. Ernährung in Schwangerschaft und Stillzeit
  5. Schwangerschaft und Stillzeit: Kritische Nährstoffe in der Praxis
  6. Muttermilch in der veganen Säuglingsernährung
  7. Beikost vegan
  8. Küchenmanagement
  9. Der vegane Lebensmittelkorb
  10. Rezepte für Schwangerschaft und Stillzeit
  11. Beikost-Rezepte
  12. Wochenpläne

Kann man nicht meckern, oder? Alles dabei.

Dinge, die ich an diesem Buch mag:

  • Zum Beispiel, dass die AutorInnen Veganismus in den Kontext von Ökologie, Nachhaltigkeit und Gesundheit stellen. Das wird etwa durch einen Saisonkalender für Obst und Gemüse deutlich, und die häufige Empfehlung, auf Bio-Lebensmittel zu setzen.
  • Klar: Das Buch ist mega informativ: vegane Vollwert-Ernährung, Nährstoffbedarf und -versorgung, Studienlage zu veganer Ernährung in Schwangerschaft, ein ausführliches Kapitel zur Beikost – nach der Lektüre ist man definitiv schlauer als vorher, auch wenn man schon Vorwissen hatte.
  • Das Buch gibt viele Tipps für den Alltag: Zum Beispiel dazu, wie die Aufnahme von Zink und Eisen verbessert (durch Einweichen und Garen) oder die Haltbarkeit von Ölen verlängert werden kann (Einfrieren). Im Kapitel zum Küchenmanagement gibt’s „Hilfreiche Küchentipps“ und man erfährt, welche Lebensmittel wie und wie lange aufbewahrt werden sollten.
  • Es gibt ein ausführliches Kapitel über das Stillen, und es wird das längere Stillen über 1,5 bis zwei Jahre empfohlen. Auch ein Verweis auf Embryotox ist dabei – die Webseite der Charité, auf der die Medikamente gelistet sind, die Schwangere und Stillende nehmen dürfen, kann gar nicht oft genug empfohlen werden.
  • Die Empfehlungen zum Beikoststart sind sehr babyorientiert – das Baby mit seinen Bedürfnissen und auch mit seinen frühen Kompetenzen wird in den Mittelpunkt gestellt. So wird etwa dazu angeregt, Babys schon von Anfang an aus eine Wasserglas trinken zu lassen. Neben Brei-Rezepten finden sich auch Fingerfood-Rezepte („Fäustling“ genannt, was ja auch besser passt, da Babys ja anfangs vor allem mit der ganzen Faust greifen, als mit einzelnen Fingern.
  • Ich habe ja ein Faible für Quellenangaben, ich lese nicht selten Studien und Artikel nach, auf die sich in Texten bezogen wird – und hier findet man sie direkt am Ende jedes Artikels, so dass man sich nicht mühsam ans Ende des Buches auf die Suche begeben, wenn man wissen will, worauf sich die AutorInnen genau beziehen.
  • Praktische Tabellen für die Übersicht ziehen sich durch das ganze Buch, etwa worin (kritische) Nährstoffe enthalten sind mit der jeweiligen passenden Küchentechnik.
  • JEDE MENGE REZEPTE! Wirklich richtig viele – und so vielfältig! Es gibt eine ganze Seite mit einfachen Rezepten zur Herstellung von Pflanzendrinks und anderen veganen „Milchprodukten“ wie Sahne, Parmesan oder Frischkäse. Dann sehr, sehr viele gesunde, vollwertige Rezepte für die Schwangerschaft und Stillzeit, die eine gute Nährstoff-Versorgung gewährleisten (Verweise zu den Rezepten finden sich bereits als Praxistipp unter den jeweiligen Nährstoffkapiteln) und noch mal superviele Beikost-Rezepte. Leider nicht bebildert (das hätte den Rahmen des Buchs wahrscheinlich gesprengt), aber trotzdem eine tolle Bereicherung.
  • Wochenpläne! Die sind auch gar nicht streng gemeint, sondern eher als Angebot zur Orientierung. Als Anregung super!
  • Insgesamt ist das Buch doch recht kompakt – wenn man einfach nur Informationen für eine gesunde vegane Ernährung für Mutter und Kind lesen möchte, liest einfach vor allem Kapitel 2-7, das sind dann nur 78 Seiten.

Dinge, die mich jetzt nicht so mega begeistern:

  • Ich wundere mich über die (meiner Meinung nach zu) niedrigen Dosierungsempfehlungen für Vitamin B12 und Vitamin D.
  • Es ist mir wirklich ein Rätsel: Ist es ErnährungswissenschaftlerInnen in Deutschland wirklich nicht bekannt, dass es eine riesengroße Verunsicherung und einen entsprechenden Informationsbedarf unter VeganerInnen in Bezug auf die verschiedenen Cobalamine (=B12-„Sorten“) gibt? Dieses komplexe Thema wird in einem (!) kurzen Nebensatz abgefrühstückt. Schade.
  • MEGA NERVIG ist, dass DREI MAL die einzelnen (kritischen und nicht so kritischen) Nährstoffe einzeln besprochen werden: Ein mal werden sie alle im allgemeinen Kapitel über vegane Ernährung runtergenudelt, dann noch mal im Kapitel zu Schwangerschaft und Stillzeit, und dann NOCH MAL im Kapitel zur Beikost. Dabei wiederholt sich einfach superviel und mich hat es echt einige Mühe gekostet, konzentriert bei der Sache zu bleiben und nicht der Versuchung nachzugeben, diese Seiten nur noch zu überfliegen. Was ich LeserInnen-freundlicher gefunden hätte: Ein einziges Kapitel mit den einzelnen Nährstoffen, in denen dann spezfische Besonderheiten für Schwangere/Stillende und Babys als Unterkapitel erwähnt/empfohlen werden.
  • Im Buch wird behauptet, Stillen sei bei veganer Ernährung „alternativlos“,  da die in Deutschland erhältliche sojabasierte Säuglingsnahrung (hier erfährst Du mehr über vegane Säuglingsnahrung) erst ab Beikostalter (z.B. zum Mischen in Getreidebreie) geeignet sei, und nicht ab Geburt. Das wird auch nicht weiter erklärt und ist deshalb nicht nachvollziehbar. Denn das stimmt ja so nicht: Es gibt hier drei Sorten: Humana SL, Aptamil SL und Töpfer Lactopriv – und alle drei sind laut Hersteller ab der Geburt zur Alleinnahrung geeignet (außer das Baby hat eine Kuhmilcheiweißallergie, dann ist nur Humana SL geeignet).
  • Und an dieser Stelle sind mir ja die Nackenhaare ganz schön steil gegangen: Im Kapitel über Beikost wird behauptet, dass Babys ab sechs Monaten nachts nicht mehr gestillt werden müssten, und man sie deshalb „umprogrammieren“ soll. Dieses Wort wird wirklich verwendet! Und zwar indem die Mutter nachts auf dem Sofa schläft und der Vater das Baby „beruhigt“. Ich weiß ja nicht, wie das bei anderen so ist – bei meinen beiden Kindern hätte diese Methode schlicht bedeutet, dass das Baby so lange weint, bis es resigniert und sich damit abfindet, dass Mama nicht kommt. Für mich ist das sowas von keine Option. Gleichzeitig weiß ich, dass es Umstände gibt, die eine Entzerrung einer belastenden Schlafsituation erfordern, aber da muss man ja das Baby nicht rabiat umprogrammieren. Und für diese Familien gibt es zum Beispiel das sanfte Schlafprogramm nach Jay Gordon, und auch das Buch „Schlafen statt Schreien“ bietet einige sanfte und achtsame Vorschläge, wie sich ungünstige Schlafgewohnheiten verändern lassen (uns hat das Buch schon sehr geholfen).

Insgesamt bin ich aber schon sehr angetan von diesem Buch, so sehr, dass ich auch mit den doch arg altbackenen Illustrationen leben kann, und echt fünf von fünf Sternen geben möchte! Ich habe gesehen, dass es bei Amazon negative Bewertungen gibt, da den AutorInnen eine veganfeindliche Haltung unterstellt wird. Das kann ich wirklich nicht nachvollziehen. Das kontroverse Thema der veganen Kinderernährung wird hier neutral-wohlwollend behandelt, auch die gesundheitlichen Vorteile werden ausführlich anhand der verschiedenen Krankheiten, für die das Risiko bei veganer Ernährung sinkt, dargestellt.

Ich sage: Jau, kaufen! Ich empfehle das Buch sehr gerne und freue mich wirklich, dass es das gibt! Ich hoffe, dass das Buch auch medizinisches/ernährungswissenschaftliches Fachpersonal erreicht – von besser informierten ÄrztInnen und PflegerInnen, ErnährungsberaterInnen und Hebammen profitieren nicht zuletzt die veganen Kinder.

Markus Keller & Edith Gätjen: Vegane Ernährung. Schwangerschaft, Stillzeit und Beikost. Mutter und Kind gut versorgt. 189 Seiten, 2016. 24,90 Euro.

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