Review: „Vegane Ernährung“

Cover Vegane Ernährung Heike Englert Sigrid Siebert

Es gibt endlich (wieder) ein Fachbuch zur veganen Ernährung in deutscher Sprache! Bisher waren wir da ja etwas dünn aufgestellt. Das einzige deutschsprachige vegane Fachbuch („Vegane Ernährung“ von Gill Langley) war zuletzt 1999 aktualisiert worden – für ein Fachbuch ein geradezu biblisches Alter. Wollte man aktuellere Informationen gab’s noch „Vegetarische Ernährung“ von Markus Keller, aber da ging’s halt nur nebenbei um Veganismus. Deshalb habe ich seit Jahren nur noch „Vegan for Life“ von Jack Norris empfohlen – meiner Meinung nach das derzeit immer noch beste Buch über vegane Ernährung – aber das ist halt auf Englisch. Und wer’s genauer wissen will, kommt nicht wohl nicht umhin, sich den „Dietitian’s Guide to Vegetarian Diets“ zu kaufen. Aber auch mit dieser Neuerscheinung der promovierten und habilitierten Ernährungswissenschaftlerin Heike Englert hat man ein informatives Nachschlagewerk.

Als ein befreundeter veganer Arzt mit seiner Familie (inklusive seiner beiden vegan ernährten Kinder) vor einigen Wochen übers Wochenende bei mir zu Besuch war, nahm er das Buch in die Hand und las ein wenig rein – und ärgerte sich etwas über die Defizitorientierung, die man ja oft in deutschen Publikationen hat. Der Tenor, den man im Buch liest, ist schon tendenziell eher: „Vegane Ernährung ist kritisch, denn auch wenn Sie sich ansonsten gesund ernähren, müssen Sie beachten, Vitamin B12 zu supplementieren. Allerdings kann unter diesen Voraussetzungen eine vegane Ernährung dann auch gesundheitliche Vorteile haben.“ und nicht: „Vegane Ernährung kann viele gesundheitliche Vorteile haben, wenn Sie sich gesund ernähren und Vitamin B12 supplementieren.“ Das ist schon ein Unterschied. Und auch ich bin nicht 100% zufrieden mit allem was da steht. So decken sich die Beikost-Empfehlungen der Autorinnen mit denen der DGE: „Beikost sollte frühestens mit Beginn des fünften und spätestens mit Beginn des siebten Monats eingeführt werden, da der erhöhte Bedarf dann durch die Muttermilch nicht mehr ausreichend gedeckt werden kann.“ Viele Mütter – ich eingeschlossen – die ihre Babys weit über den siebten Monat hinaus voll gestillt haben und diese Babys trotzdem (oder deshalb?) propper und gesund waren und sind, haben da einfach mal andere Erfahrungen gemacht. Viele Empfehlungen sind aus einer eher pessimistisch-vorsichtigen wissenschaftlichen Warte zu verstehen, wie etwa das Fazit, dass noch nicht abschließend geklärt sei, ob eine vegane Ernährung den Energiebedarf von Kindern decken könne. Also, wenn ich mir meine quietschfidelen veganen Kinder und die quietschfidelen veganen Kinder meiner veganen FreundInnen und Bekannte angucken, ist diese Frage sehr wohl abschließend geklärt. Aber gut – so lange es keine Studie dazu gibt, muss ein Fachbuch das wohl so schreiben.

Wirklich lobenswert herauszuheben ist, dass – auch wenn sich die Autorinnen des Buchs oft den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft (DGE) anschließen – die DGE-Position zu veganer Kinderernährung im Buch kritisch betrachtet wird. Die DGE lehnt eine vegane Kinderernährung ab. Im Kapitel zu veganer Kinderernährung in „Vegane Ernährung“ wird dazu eingewendet, dass die DGE-Bewertung sich dabei jedoch auf Studienergebnisse mit makrobiotisch ernährten Kindern bezieht, und eine vegane Ernährung vielfältiger ist als die makrobiotische, und somit Eltern ermöglicht, auch Kinder gesund vegan zu ernähren. Das finde ich natürlich großartig – der DGE wird nämlich viel zu selten kritisch auf die Finger geguckt, das hat ja nicht immer alles Hand und Fuß, was von der DGE kommt.

Und insgesamt fallen die Abschlussbeurteilung der verschiedenen Kapitel wohlwollend aus und haben durchaus einen empfehlenden Charakter – und das ist wichtig, denn dieses Buch ist beim UTB-Verlag erschienen – ein Verlag für Lehrbücher für StudentInnen und Fachleute. Das lässt hoffen, dass wir es in näherer Zukunft mit ÄrztInnen, HeilpraktikerInnen und ErnährungsberaterInnen zu tun haben werden, die nicht nur mehr Ahnung von veganer Ernährung haben, sondern auch über die positiven gesundheitlichen Aspekte veganer Ernährung informiert sind und informieren können. Gerade auch das Kapitel über integrative Therapiekonzepte, welche eine vegane Ernährung implizieren und gute Erfolge nachweisen können, ist da für viele sicher aufschlussreich.

Die Kapitel im Überblick:

  1. Einführung: Vegane Ernährung – Entwicklungen und Aspekte der pflanzlichen Ernährung
  2. Nährstoffversorgung im Lebenszyklus vegan lebender Menschen
  3. Einfluss der veganen Ernährung auf Gesundheit und Krankheit
  4. Integrative Therapiekonzepte und Best-Practice-Beispiele auf der Basis veganer Ernährung
  5. Vegane Lebensmittel/funktionelle Lebensmittel – lebensrechtliche Aspekte, Kennzeichnungen und Zertifizierungen
  6. Vegane Ernährung in der Beratungspraxis

Sehr wertvoll finde ich die Lebensmitteltabellen mit den enthaltenden Nährstoffmengen. Auch die Rezepten (inkl. Angabe einiger enthaltenen Nährwerte) und veganen Tagesplänen im Anhang sind interessant.

Schade ist allerdings, dass ausgerechnet das Kapitel zu Vitamin B12 nicht so differenziert ist, wie ich es mir gewünscht hätte – eine Abgrenzung zwischen Cyanocobalamin und Methylcobalamin findet nicht statt und das ist ja doch ein zentrales Thema in der veganen Ernährung, zu dem viele Fragen offen sind. Da wären ein paar fachliche Informationen erfreulich gewesen.

Insgesamt bin ich aber hocherfreut über diese Publikation – ich bin guter Dinge, dass dieses Buch dazu beitragen wird, dass vegane Ernährung in medizinischen oder ernährungswissenschaftlichen Ausbildungen positiver betrachtet wird und auch für „normale“ LeserInnen, die sich von Statistiken, Tabellen und Studienverweisen nicht abschrecken lassen, ist dieses Buch empfehlenswert. Für Menschen, die andere über (vegane) Ernährung beraten oder informieren wollen, ist das Buch nichts weniger als Pflichtlektüre!

Heike Englert, Sigrid Siebert (Hrsg.): Vegane Ernährung. 336 Seiten. UTB Verlag. 24,99 Euro.

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3 Kommentare
  1. Frau Englert war meine Professorin, als ich in Münster Oecotrophologie studiert habe. Um so mehr wundert es mich, dass sie dieses Buch verfasst hat – in den drei Jahren habe ich nicht 1x eine pro-vegane Aussage von ihr gehört 😀
    Aber das ist natürlich gerade deswegen eine positive Überraschung 😉

  2. Hi Sorah.

    mittlerweile gibt es noch ein neueres Buch:

    Vegane Ernährung. Schwangerschaft, Stillzeit und Beikost: Mutter und Kind gut versorgt

    Ich denke aber niemand wird das Thema B12 in Deutschland genauer beleuchten als Du 🙂

    Viele Grüße

    Jakob

    • Hey Jakob!

      Das Buch liegt natürlich schon auf meinem Schreibtisch – Rezi folgt demnächst. 😉

      Viele Grüße!
      Sohra

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