Sind VeganerInnen die besseren Menschen?

Ich wurde zu einer Talksendung eingeladen. Das war höchst aufregend und eine tolle Erfahrung. Allerdings bin ich nicht ganz sicher, ob ich zugesagt hätte, wenn ich gewusst hätte, wie der Titel der Sendung letztlich lauten würde: „Fleischesser – die schlechteren Menschen?“. Als ich angefragt wurde, war der Arbeitstitel noch so etwas wie „Sind Fleischesser die neuen Raucher?“ oder so. Das hätte mir besser gefallen.

Denn: Niemand möchte jemanden gegenüber gestellt bekommen, dem er sich in moralischer Hinsicht unterordnen soll. Niemand hat Bock jemandem zuzuhören, der sich einem moralisch überordnet.

Und doch geht es in der Diskussion über Vegetarismus, Veganismus und Tierrechte immer und immer wieder um genau diese Frage, mal mehr, mal weniger direkt – z.B. indem OmnivorInnen versuchen, moralische Lücken im Lebenswandel von VeganerInnen zu finden, indem sie z.B. herausfinden wollen, ob man ausschließen könne, dass die lederfreien Schuhe an unseren Füßen ohne Kinderarbeit produziert wurden oder wie das denn sei mit den Ameisen die man beim Waldspaziergang zertrete. Um diese Frage geht es aber auch immer wieder innerhalb des Selbstverständnisses von VeganerInnen. Vor allem letzteres kenne ich besser als mir lieb ist.

Ich selbst bin schon lange genug vegan, um alle nur denkbaren Stadien des Veganseins durchgemacht zu haben. Die Vegan-Polizei-Phase, die Mann-ey-lass-mich-einfach-in-Ruhe-meinen-Salat-essen-Phase, die Mann-ey-lass-mich-einfach-in-Ruhe-meine-geile-Fake-Ente-essen-Phase, die Ich-kann-nicht-mit-Fleischessern-an-einem-Tisch-sitzen-Phase – you name it, ich habe sie alle durch. Ich war jung und angepisst und ich meinte es ernst. Und hätte man mich vor einigen Jahren gefragt, ob ich glaube, dass VeganerInnen die besseren Menschen sind, hätte ich ohne mit der Wimper zu zucken eine Antwort gegeben, die nicht nur in gleichem Maße anmaßend wie falsch gewesen wäre, sondern die zudem mehr Menschen vor den Kopf gestoßen, als dazu animiert hätte, sich weiter dafür zu interessieren, was wirklich dahinter steckt.

©-Mopic-Fotolia.com

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Vor zehn Jahren oder so arbeitete ich eines Abends an einer Garderobe in einem Club – als ein Mädel ihre Jacke abgab, bemerkte ich erst als sie schon weg war, dass ihre Jacke mit Echtpelz besetzt war. Als sie später zurück kam, um ihre Jacke abzuholen, sagte ich tatsächlich zu ihr, dass ich, hätte ich rechtzeitig bemerkt, was das für eine Jacke sei, nicht nur ihre Jacke nicht angenommen hätte, sondern sie des Clubs verwiesen hätte (ich war Mitveranstalterin an diesem Abend und fand deshalb, ich dürfe mir das wohl herausnehmen). Voll peinlich… Ich weiß, dass nicht wenige VeganerInnen das jetzt abfeiern würden, aber ich bin nicht stolz darauf, so abwertend, so hochmütig, so feindselig gewesen zu sein. Ich habe das früher nicht so gesehen, aber heute finde ich explizit, dass das keine guten Eigenschaften sind. Sie machen keinen guten Menschen aus. So will ich zum Glück schon lange nicht mehr sein.

Die Frage ist: Was ist ein guter Mensch?

Ich habe eine Freundin. Ich finde, sie ist ein guter Mensch. Sie ist hilfsbereit, loyal, vertrauenswürdig, empathisch, wertschätzend, freundlich, versöhnlich, großzügig. Und sie ist sehr engagiert, hat einen eigenen Verein gegründet in dem sie sich sehr ambitioniert gegen verschiedene Missstände unserer Gesellschaft einsetzt. Sie ist keine Veganerin. Nicht mal Vegetarierin. Und (Achtung, nix für schwache Nerven): Sie ist nicht mal Nicht-Pelz-Trägerin. Ja, die Pelze die sie trägt sind mitunter sogar ganz schön fett. Kein Witz. Ich finde das nicht immer leicht zu ertragen, aber sie ist meine Freundin und sie ist ein guter Mensch. Das finde ich wirklich. Wäre sie ein besserer Mensch, wenn sie keinen Pelz tragen würde? Wäre sie ein besserer Mensch, wenn sie vegan wäre? Heute finde ich die Frage völlig absurd. Da müsste man wohl erst mal ein Punktesystem entwickeln. Aber okay, spielen wir das mal grob durch: Meine Freundin bekommt also Pluspunkte auf der Guter-Mensch-Skala für ihre ganzen oben aufgezählten Tugenden. Aber etliche Minuspunkte fürs Nicht-Vegansein und noch mal massig mehr Minuspunkte für die Pelzjacken. Hm, blöd gelaufen, Freundin.

Und was ist mit mir? Ich gebe mir schon viel Mühe ein irgendwie ordentlicher Mensch zu sein; manchmal gelingt das, manchmal nicht. Und ich lebe vegan. Megaviele Pluspunkte also. Ich kenne aber VeganerInnen, denen auch wichtig ist, ein ordentlicher Mensch zu sein und denen das manchmal gelingt und manchmal nicht. Die sind aber nicht nur vegan, sondern sie verzichten auch noch auf Palmöl (wegen der Orang Utans im Regenwald und so, Du verstehst), also noch mal mehr Pluspunkte. Dammit, sind das jetzt bessere Menschen als ich?! Ach, Moment, ich verzichte zwar nicht auf Palmöl, aber ich esse keine Kakaoprodukte, die nicht aus Fairem Handel kommen (wegen Kindersklaverei an der Elfenbeinküste und so, Du verstehst). Was gibt jetzt den besseren Menschen, Palmöl-Verzicht oder Kakao-Verzicht? Puh, ganz schön kompliziert. Da müsste man jetzt wohl mal ausrechnen, wie viel Leid genau die Produktion von Palmöl erzeugt und ins Verhältnis setzen zu der Summe des Leides, das aus der Kakaoproduktion mit versklavten Menschen resultiert. Das muss aber jemand anders machen, das kriege ich jetzt nicht hin.

Oder muss man als VeganerIn sonst auf nix verzichten und Vegansein reicht, um – zack – ein besserer Mensch zu sein? Hauptsache, man streicht alle Tierprodukte und so Geschichten wie Palmöl oder Fairer Handel und so sind nur die freiwillige Kür fürs persönliche Gewissen? Hm, aber wie ist das mit dem Grad der Veganität? Oder der Dauer der Veganität? Ich lebe seit 16 Jahren vegan, das ist schon ziemlich lange – gibt das mehr Pluspunkte als wenn ich erst vor zwei Jahren gecheckt hätte, was da los ist in der Tierindustrie? Schwierig. Ich lebe auch ziemlich konsequent vegan, also nix ist mit Ausnahmen in Form von nem Stück unveganer Hochzeitstorte oder so. Das macht mich doch schon ziemlich gut. Oder? Aber wenn ich so nachdenke… Ich kenne VeganerInnen, die sind noch länger vegan. Und was noch schlimmer ist: Die sind noch konsequenter! Für mich ist ein Produkt vegan, wenn die Zutatenliste frei ist von tierischen Bestandteilen, im Zweifel wird manchmal auch eine Produktanfrage gemacht oder im Internet recherchiert. Was ich nicht als Kriterium betrachte, sind Aspekte wie Verpackungen. Besteht der Etikettenkleber meines Lieblingbrotaufstrichs aus Tierknochen? I don’t know. Das erfrage ich auch nicht in Produktanfragen. Was ist mit meinen Schuhen? Mir ist wichtig, dass kein Leder Verwendung findet, aber was ist da mit dem Kleber? Keine Ahnung.  Ich weiß, dass es VeganerInnen gibt, die auch solche Kriterien in ihrem Konsumverhalten berücksichtigen. Sind konsequentere VeganerInnen also NOCH bessere Menschen als inkonsequentere VeganerInnen? Oder anders gefragt: Wie viel Vegansein reicht aus, um ein besserer Mensch zu sein als einE FleischesserIn? Merkste selber, ne.

Was ich früher nicht wusste und was mir heute klar ist, dass auch der Veganismus nur eine Annäherung an etwas sein kann, was einen guten Menschen ausmacht oder was eine moralische Existenz definiert.

Und seit mir das klar ist, bin ich viel demütiger. Weniger abwertend. Weniger urteilend. Weniger hochmütig. Weniger eitel. Verständnisvoller. Ich habe viel mehr Lust, einen Menschen in der Gesamtheit seiner Eigenschaften zu betrachten.

Ich will jetzt gar nicht so tun, als sei ich mega offen. Ich glaube nicht daran, dass Gegensätze sich anziehen, ich mag Homogenität um mich herum. Ich denke nicht, dass es ein Zufall ist, dass sich in meinem Freundeskreis FleischesserInnen in der deutlichen Minderheit befinden. Das liegt jetzt aber nicht daran, dass ich FleischesserInnen doof finde, aber wohl schon daran, dass ich mit VeganerInnen tendenziell größere Schnittmengen finde. Ich mag Gemeinsamkeiten.

Ich mag es, wenn ich mich über einen sexistischen Fernsehspot aufrege und mein Umfeld schüttelt auch empört den Kopf weil es meine Einstellung über Diskriminierung teilt. Ich mag es, wenn ich mich über die Entdeckung des Fair-Trade-Labels auf einem veganen Schokoriegel freue und meinem Gegenüber ist das auch wichtig. Ich glaube, dass gleich und gleich sich gern gesellen.

Was das impliziert, ist eine Vorstellung und auch eine Bewertung von Richtig und Falsch. Und das finde ich auch wichtig, ich bin einfach kein Anything-goes-Typ. Mir ist nicht egal, wie andere Menschen die Welt sehen, mir ist das sogar voll wichtig. Und ich empöre mich auch oft genug darüber, wie andere Menschen die Welt sehen. Wenn’s um Dinge wie Asylrecht, die „Homo-Ehe“, Mindestlohn, Frauenquote, Schlaftrainings für Babys oder eben um Tierrechte geht, habe ich eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie man da eingestellt sein sollte weil man sonst Schaden anrichtet und Menschen oder andere Lebewesen in ihren Rechten, Wünschen, Möglichkeiten, ihrer Freiheit und/oder ihrer Würde beschneidet.

Was das aber nicht impliziert ist ein Urteil darüber, ob ein Mensch in seinem Menschsein richtig oder falsch ist wenn er bestimmte Einstellungen nicht mit mir teilt. Und ich glaube genau das ist der Unterschied zwischen Indifferenz und Toleranz.

Eine Weile lang war mein Standardspruch in solchen Diskussionen immer dieser: „Veganismus reicht nicht aus, um ein moralisches Leben zu führen. Aber es ist nicht möglich, ein moralisches Leben zu führen, ohne vegan zu sein“ und fand mich dabei schon ganz schön gnädig. Ich glaube, wenn ich Nicht-Veganerin wäre und mir würde eine Veganerin diesen Satz um die Ohren hauen, würde ich genervt das bisschen Kotze, das mir da gerade hochgekommen ist runterschlucken, mich umdrehen und vielleicht sogar alle VeganerInnen dieser Welt zu selbstgerechten Laberbacken erklären. Auf sowas hat doch echt keiner Bock.

Judging others doesn’t define who they are. It defines who you are.

Ich finde es falsch, Tiere zu essen, abgrundtief falsch. Ich finde, Tiere essen ist einer der größeren Skandale unserer modernen Kultur. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir so mit Tieren nicht umgehen dürfen. Aber so denke ich auch über so vieles mehr. Ich finde es auch abgrundtief falsch, nicht nett miteinander umzugehen. Verächtlichkeit, Misanthropie, Aggressivität, Arroganz, Selbstgerechtigkeit, Geiz, Selbsterhöhung, Neid, Feindseligkeit, Hochmut, Unaufrichtigkeit – auch das sind Eigenschaften, die nicht alternativlos sind. Genau wie man entscheiden kann, kein Fleisch zu essen, kann man auch entscheiden, ein netterer, positiverer Mensch zu sein. Und ich kenne viele VeganerInnen, die sehen das so gar nicht. Aber Vegansein ist kein Ablass. Ich lebe vegan, weil ich mir die Welt ein bisschen besser wünsche. Aber eine Welt, in der Menschen einander mit Urteilen und Abwertung begegnen, ist kein guter Ort. Für einen guten Menschen braucht’s so viel mehr als keine Tierprodukte zu essen.

Das schlechte Gewissen der FleischesserInnen

Auf der anderen Seite muss es einen Grund geben, warum es kaum möglich ist, mit FleischesserInnen ein Gespräch über Veganismus zu führen, in dem es um das eigentliche geht (nämlich das Recht von Tieren auf ein Leben in Unversehrtheit und Freiheit) sondern sich die Debatte immer wieder um die Klärung genau dieser Fragen dreht: Sind FleischesserInnen die schlechteren Menschen? Sind VeganerInnen die besseren Menschen? Ich glaube, Karnismus funktioniert gut: Diese unsichtbare Ideologie, die das Essen einiger Tieren als derart notwendig, natürlich und normal charakterisiert, dass wir die Gewalt und Ausbeutung dieser Tiere hinnehmen, während wir das gleiche bei jenen Tieren, die wir als nicht-essbar betrachten (wie Hunde oder Katzen, aber z.B. auch Giraffen), auf keinen Fall akzeptieren würden. Aber Karnismus funktioniert nicht perfekt. Eigentlich haben die meisten FleischesserInnen, gut versteckt, irgendwie auf dem Schirm, dass da einiges nicht okay ist. Sie essen Fleisch nicht deshalb, weil das mit ihrem Wertesystem in Einklang ist, sondern obwohl es mit ihrem Wertesystem nicht in Einklang ist. Und deshalb müssen wir auch immer die gleichen Erklärungen hören: „Ich esse ja gar nicht so viel Fleisch“ – „Ich achte darauf, wo das Fleisch herkommt“ – „Ich finde ja gut was Du macht, aber ich könnte das nicht“, kennen wir ja alles.

Früher hätte ich da mit viel Missbilligung reagiert (in geäußerter oder gedachter Form). Heute finde ich, dass das eine hoffnungsvolle Entwicklung ist: Es gibt da Gemeinsamkeiten – diesen Menschen und mir ist gemeinsam, dass wir uns wünschen, dass es den Tieren besser geht. Dass es derzeit noch nicht zu den Prioritäten eines jeden Menschen gehört, daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, sein Leben zu verändern, finde ich menschlich. Ich kenne das von mir selbst. Ich weiß, dass an meinem Handy Blut klebt – dennoch bin ich irgendwie nicht bereit, auf mein heißgeliebtes iPhone zu verzichten. So ist das manchmal. Ich kann nicht ausschließen, dass ich mir irgendwann doch ein Fairphone zulege oder auf Palmöl verzichte. Jetzt gerade ist das bei mir aber nicht dran. Und ich lege Wert darauf, dass ich dafür nicht verurteilt, angefeindet oder moralisch abgewertet werde. Da habe ich nämlich kein Bock drauf, ich fühle mich nicht wohl mit jemandem, der so mit mir umgeht. Und ich fände das auch nicht gerecht, denn mit den Ressourcen die mir zur Verfügung stehen, bin ich wirklich bemüht darum, die bestmögliche Version meiner Selbst zu sein. Ich bin mir ziemlich sicher: FleischesserInnen geht es da genauso.

4 Kommentare
  1. Ein sehr, sehr guter, weil sehr reflektierter Beitrag. Und auch noch stilistisch gut bzw. witzig geschrieben. Chapeau und danke dafür!

    • Hallo Ralph! Willkommen auf meiner Seite – ich freue mich sehr über Deine Blumen, vielen Dank! 🙂

  2. Liebe Sohra,

    das hast du schön geschrieben! Diese ganzen Gedanken habe ich mir auch schon gemacht.

    Ich denke genauso, dass auch wir Veganer meist noch viel mehr Gutes tun könnten. Wie du sagst, Palmöl vermeiden oder keinen Plastikmüll verursachen und nur Fair-Trade-Klamotten kaufen … Wir hoffen auf Verständnis, dass wir nicht alles perfekt machen können. Und deshalb versuche auch ich Verständnis aufzubringen für Menschen, die zu diesem Schritt, vegan zu leben, nicht bereit sind.

    Aber ich habe kein Verständnis dafür, wenn sie den „Veganismus“ als unsinnig abtun. Leider gibt es immer noch zahlreiche Menschen, die den Sinn des Veganismus ganz und gar nicht verstehen und auch nicht verstehen wollen. Menschen, die Veganer einfach belächeln und sagen, diese mögen doch bitte „leiser essen“. Das finde ich nicht gut!

    Dein Auftritt in der Fernsehsendung war super selbstbewusst! Hut ab!

    Liebe Grüße

    Shani

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