Sollten wir für alte Menschen da sein, so lange sie da sind?

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Ilka Plassmeier / pixelio.de

Ich rege mich ja immer etwas auf, wenn ich über diesen Spot der Caritas (siehe unten) stolpere. Da werden Menschen gezeigt, die verzweifelt über den Tod ihrer alten Eltern sind, die sie, so wird es suggeriert, vernachlässigt haben. Das Enkelkind kennt den eigenen Opa nicht, niemand war da, um die großelterliche Fernbedienung vernünftig zu reparieren, die Großmutter gänzlich sich selbst überlassen, als sie ihre Schuhe in die Spülmaschine stellte. Jetzt wird den erwachsenen Kindern klar, dass sie es niemals soweit hätten kommen lassen dürfen, aber jetzt ist es zu spät. Die alten Eltern sind tot. Und am Schluss der pathosgeladene Satz: „Wir sollten für alte Menschen da sein, solange sie da sind.“

Ich rege mich darüber auf. Und zwar weil er mit einem miesen Trick arbeitet. Es geht in diesem Spot um nichts anderes als um emotionale Erpressung durch Schuldgefühle. Er droht dem Zuschauer: Wenn Du Dich nicht um Deine Eltern kümmerst, wirst Du es bereuen. Und er bürdet den Kindern die Verantwortung für das Verhältnis zwischen Eltern und Kind auf, und das finde ich nicht fair.
In Kindern ist von früh auf die Tendenz zu Schuldgefühlen angelegt. Wenn die Eltern sich streiten, fühlt sich das Kind schuldig. Wenn die Eltern das Kind schlecht behandeln, fühlt sich das Kind schuldig. Wenn die Eltern unglücklich sind, fühlt sich das Kind verantwortlich. Und die wenigsten Kinder werden solche Schuldgefühle, ihr Verantwortungsgefühl ihren Eltern gegenüber, im Erwachsenenalter los.
Und der Spot haut in diese Kerbe. Er sagt unmissverständlich, dass die Kinder sich um ihre Eltern hätten kümmern müssen – und vernachlässigt die Tatsache, dass Kinder sich nicht ohne Grund von ihren Eltern abwenden.
Wenn es stimmt, was Jesper Juul sagt, nämlich, dass Erziehung Beziehung ist, dann ist in diesen Familien etwas grundlegend schief gelaufen. Viele dieser Eltern können sicherlich kaum etwas dafür; sie wussten es nicht besser und wussten auch nicht, was es bedeutet, zu seinem Kind eine Beziehung aufzubauen. Diese Frage hat auch nichts mit Schuld zu tun. Und sie trifft auch keine Aussage darüber, ob Eltern, deren Kinder keinen Kontakt mit ihnen pflegen, dies immer verdient haben. Wenn Kindern zu ihren Eltern keinen Kontakt haben, bedeutet das nicht immer, dass die Eltern sie schlecht behandelt haben, aber es bedeutet, dass die Eltern nicht verstanden haben, rechtzeitig in die Beziehung zu ihren Kindern zu investieren. Und hier sprechen wir über das Unvermögen der Eltern, nicht das der Kinder.
Nun ist es nicht so, dass Kinder sich für den Rest ihres Lebens auf das Versagen der Eltern ausruhen können. Geht es um ihr eigenes Leben, um die eigenen Beziehungen, ist es wichtig, ab einem Punkt im Leben diese Dinge aufzuarbeiten und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Gilt das auch für die Beziehung zu den Eltern? Vielleicht. Aber nicht notwendigerweise. War die Beziehung zwischen Eltern und Kind zeitlebens von Desinteresse geprägt oder vom Fehlen von Wertschätzung ist es meiner Auffassung nach nur angemessen, wenn das erwachsene Kind keinen Anlass dafür hat, auf die Eltern zuzugehen.
Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass Kinder viel häufiger insofern gestärkt werden sollten, den Mut zu haben, sich von ihren Eltern loszusagen. Wie oft stolpert man über Familiengeschichten, in denen Vernachlässigung, Gewalt, sogar Missbrauch stattgefunden hat, und dennoch kehren die Kinder nicht ab von ihren Eltern. Es ist tief in uns drin, uns für unsere Eltern verantwortlich zu fühlen und uns von ihnen Nähe und Anerkennung zu wünschen. Kinder sind großmütig. Sie vergeben ihren Eltern immer und immer wieder. Für einige Kinder kommt dennoch der Punkt, ab dem sie nicht mehr wollen und das finde ich gesund. Manchmal ist das eine explizite Entscheidung, manchmal ist es ein Prozess des sich Auseinanderlebens. Jesper Juul steht dazu, dass er keien echte Bindung zu seinen Eltern hat:„Meine Mutter beklagt sich zwar, dass ich sie viel zu selten anrufe, und ich sage ihr dann auch aufrichtig: ‚Ich habe dir nichts zu sagen!’“ Und er stellt das einfach fest – es ist, wie es ist. Er zieht sich keinen Schuldgefühl-Schuh an. Das finde ich erfrischend. Und er macht deutlich: Die Art der Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist eine Konsequenz dessen, wie Eltern mit ihrem Kind während Kindheit und Jugend umgegangen sind.
Was ich mir wünsche, ist eine Entzauberung von alten Menschen. Alte Menschen brauchen eine gesicherte Existenz und sie brauchen angemessene Pflege und gesundheitliche Versorgung. Das sind Dinge, auf die sie einen Anspruch haben sollten. Worauf sie keinen Anspruch haben, ist eine Beziehung zu ihren Kindern. Die kommt von selbst, wenn sie sich rechtzeitig darum gekümmert haben.

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