Taschengeldhöhe: Warum mein fünfjähriger Sohn einen Euro pro Tag bekommt

TaschengeldMein Sohn ist fünf Jahre alt und bekommt einen Euro Taschengeld pro Tag. Den meisten, denen ich das erzähle, klappt die Kinnlade runter. Mir klappt die Kinnlade herunter, wenn ich die gängigen Empfehlungen für Taschengeld lese. 

Vor ein paar Monaten habe ich angefangen, mich mit Taschengeld auseinanderzusetzen, fand aber im Netz wenig Hilfreiches zu dem Thema. Die meisten Empfehlungen (so auch vom Jugendamt) bewegen sich für Kinder im Alter meines Sohnes (also zwischen 4 und 6) um die 50 Cent bis 1 Euro Taschengeld pro Woche. Ich frage mich, was bitte soll sich ein Kind von 50 Cent kaufen? Dafür kriegt man hier in Berlin nicht mal eine Eiskugel. Soll ein Kind also zwei Wochen sparen, damit es sich ein Eis kaufen kann? Oder sein wir mal großzügig: Geben wir dem Kind einen Euro pro Woche, dann kann es sich ein Eis pro Woche leisten und wenn es das Geld, das übrig bleibt etwa ein Jahr spart, ist vielleicht auch noch eine Zeitschrift drin. Wow. Kind, hau nicht alles auf einmal auf den Kopp.

Die Frage ist, wohl, warum möchte man dem Kind Taschengeld geben? Bleibt es bei einem symbolischen Betrag von ein paar Cent pro Woche, von dem man sich eigentlich nichts kaufen kann, muss man es auch als das betrachten: Das Taschengeld als symbolischer Akt, bei dem es nicht um die Form (als Geld als Währung) geht, sondern es ist in etwa das gleiche, wenn man in anderer materieller Form dem Kind ein kleines Schmankerl zukommen lässt – ein Lolli oder so. Ich schätze, wenn die Agenda sein soll, dem Kind zwischendurch eine kleine Freude machen, indem es im kleinen Portemonnaie mal ne Münze klimpert, dann ist das auch wohl in Ordnung.

Ich möchte meinem Kind aber aus anderen Gründen Taschengeld geben. Natürlich gibt es a) einen pädagogischen Hintergrund: Ich möchte, dass mein Sohn lernt, mit Geld umzugehen. Ich möchte, dass er langsam versteht, dass Dinge einen monetären Wert haben und was das bedeutet, wenn ich sage, dass ich für dieses und jenes nicht genug Geld habe („Wieso, Du kannst doch Geld aus dem Automaten holen!“). Außerdem findet er b) Zahlen spannend und ich finde Geld eine interessante Ebene, um auch damit einen Umgang zu erfahren. Ich möchte aber auch – und das ist fast so wichtig wie der Bildungsauftrag – dass mein Kind c) nicht von meinem Gutdünken abhängig ist, wenn es sich etwas kaufen möchte.

An der Stelle möchte ich erwähnen, dass ich gerade in dieser Hinsicht sehr konsumfreudig bin – das Zimmer meines Sohnes quillt echt ein bisschen über vor Spielzeug und Büchern. Ich liebe es, ihm Sachen zu kaufen. Aber unter uns Betschwestern: lch kaufe ihm Sachen, wenn ICH es will und ich kaufe ihm die Dinge, die ICH kaufen will. Ich mag die Vorstellung, dass mein Kind den Raum und die Möglichkeiten bekommt, sich genau davon freizumachen. Manchmal (und letztlich natürlich oft) habe ich keine Lust ihm etwas zu kaufen oder ich finde doof, was er kaufen möchte (Transformer? What the hell?!) und dann tue ich es nicht. Gar nicht mal so cool, weil eigentlich finde ich Selbstbestimmung und Selbstständigkeit auch mit fünf Jahren ziemlich knorke.

Ich wusste also, was ich nicht will (Pseudo-Taschengeld geben), wusste aber nicht, woran ich mich dann orientieren soll, bis ich erfuhr, dass es zum Konzept der Freien Schule Frankfurt gehört, dass jedes dort betreute oder eingeschulte Kind von 3 bis 13 Jahren einen Euro Taschengeld pro Tag bekommt. Und nachdem ich mich ein bisschen quergelesen hatte, fand ich das genau angemessen.

Wir haben noch keine Routine. Mittlerweile habe ich ein Schälchen in der Küche, indem ich Kleingeld sammle, so dass ich es immerhin nicht mehr (so oft) vergesse und auch immer einen Euro parat habe. Was ich noch nicht so gut kann, ist, mich völlig rauszuhalten wenn es darum geht, was er mit dem Geld macht. Neulich wollte er nämlich unbedingt diese olle Iron-Man-Plüschfigur kaufen, für 12 Euro. Dabei hatte er seit Tagen (aus eigener Entscheidung heraus) gespart und immerhin schon 21 Euro zusammenbekommen, die er für so einen größeren Lego-Chima-Quatsch ausgeben wollte. Als er sich dann in die Iron-Man-Figur verguckte, wollte ich ihn dazu überreden, das Preisschild nicht direkt an der Kasse abschneiden zu lassen, falls es ihm zu Hause Leid tun sollte (was es am nächsten Tag dann tatsächlich tat), das hart zusammengesparte Geld nicht für das eigentlich von ihm vorgesehene Spielzeug zusammen gehalten zu haben und es notfalls zurückgeben zu können. Ich hatte einfach voll vergessen, dass genau so etwas ja auch dazu gehört, wenn es um den Umgang von Geld geht: Verprassen, verlieren, mal ne Entscheidung treffen, die man bereut. Wichtig bleibt, dass er selbst diese Entscheidungen trifft und dass ich ihm nicht reinrede, dass ich nicht bestimme wofür oder wie schnell er das Geld ausgibt und dass ich auch nicht bewerte was er damit macht. Und deshalb sage ich ihm natürlich auch nicht, dass Lego Chima Quatsch ist. Das sage ich nur hier, unter uns Betschwestern.

Was ich sonst so wichtig finde:

  • Taschengeld ist freies Verfügungsgeld und kein Erziehungsmittel. Ich werde das Taschengeld niemals benutzen, um bestimmte Verhaltensweisen zu fördern (in Form von Taschengeld als Belohnung) oder zu unterbinden (in Form von Taschengeldentzug als Bestrafung). Mal ganz abgesehen davon, dass ich vom Prinzip der Bestrafung sowieso nichts halte, finde ich es im Bereich des vereinbarten Taschengelds noch mal besonders daneben.
  • Mein Kind kann sich von seinem Taschengeld kaufen, WAS ES WILL. Die einzigen Regeln, die es gibt, sind die, die unabhängig vom Taschengeld bestehen. Er könnte sich also zum Beispiel entscheiden, fünf Tüten Bonbons zu kaufen, zu essen gibt es aber dennoch nur so viele Süßigkeiten, wie immer. Wobei unsere Süßigkeiten-Regel auch nicht so fest ist, sie bewegt sich so im Raum „nicht so viel halt“.
  • Wir unterscheiden zwischen Taschengeld und Sparkonto. Wenn er sein Taschengeld sparen möchte, dann macht er das (vorerst) in seinem Portemonnaie. Auf sein Sparkonto bzw. in seine Spardose kommt das Geld, das er von seinen Großeltern bekommt und die Münzen, die ich einfach so sammle. Das auf Konto und Spardose zusammengekommene Geld steht ihm nicht zur freien Verfügung.
  • Eigentlich nehme ich mir vor, dass er die volle Verantwortung für sein Geld trägt. D.h. wenn er es verliert, ist es verloren, so ist das. Aber ob das klappt? Mein Kind ist so süß und mein Herz so weich…
  • Das Geld steht ihm zur freien Verfügung – Essen (auch Süßigkeiten, schließlich gibt’s das auch für uns Erwachsene ohne Budgetbegrenzung) oder gar Kleidung muss es sich davon nicht kaufen. Außer vielleicht wenn ich finde, dass er wirklich genug T-Shirts hat und er aber ein ganz bestimmtes trotzdem haben will, mal sehen.

Wir machen das jetzt seit Anfang des Jahres und es war genau so eine gute Entscheidung. Ein Euro pro Tag ist wirklich viel Geld, vielleicht hätten es 50 Cent pro Tag auch getan, ich selbst als alleinerziehende Studentin habe es ja auch nicht gerade dicke. Aber ich glaube unterm Strich kostet mich die ganze Angelegenheit nicht viel mehr als vorher. Ich kaufe ihm immer noch Dinge selbst, vor allem Bücher, aber dafür aber deutlich weniger Spielzeug. Wenn er im Laden wieder etwas haben will, sage ich ihm mittlerweile fast immer, dass er sich das gerne von seinem Taschengeld kaufen kann – das erleichtert unseren Alltag ENORM, da es die vielen Diskussionen, die wir früher immer hatten, praktisch gar nicht mehr gibt. Und es ist interessant, wie oft sich mein Sohn dann überlegt, ob ihm das, was er sich gerade ausgeguckt hat, dann wirklich so viel wert ist. Zurzeit spart er sein Geld wieder, er zieht das echt durch mit dem Geld-zusammen halten für irgendwas großes von Lego Chima. Fast 40 Euro hat er schon zusammengespart. Es ist beeindruckend, dass er dann diszipliniert die Zeitschrift, das Auto oder das Plüschtier zurück ins Regal legt und beschließt, das nicht zu kaufen. Ich bin gepannt, wie’s weitergeht!

3 Kommentare
  1. Ein toller Artikel. Viele sollte tatsächlich mal ihre Vorgehensweise mit dem Taschengeld bedenken. Würde mich interessieren, wie sich das ganze Thema mittlerweile bei Euch entwickelt hat.

    • Profilbild von sohra

      Schön, dass er Dir gefallen hat! 🙂

      Mittlerweile (wir machen das jetzt seit anderthalb Jahren so, mein Sohn ist jetzt sechseinhalb) gebe ich das Taschengeld auf Wunsch meines Sohnes (und mir kam es auch entgegen) nicht mehr täglich, sondern wöchentlich. Aber auch das vergessen wir oft, so dass ich immer mal wieder Schulden bei ihm mache… 😀

      Zur Zeit spart er mal wieder für Unbestimmtes, weil er keine Wünsche hat – aber das kann sich schnell ändern.

      Bei uns hat es sich total bewährt, ich halte das immer noch für eine sehr gute Entscheidung! Zwischendurch hatte ich die Befürchtung, dass mein Sohn in einen Konsumrausch verfällt, aber das war unbegründet: Es gab einfach zwei-drei Dinge, die er sich einfach wirklich sehr gewünscht hat (und das kennt man ja auch von sich selbst), als sich diese Wünsche dann nach und nach erfüllt haben, war es nicht so, dass es dann direkt die nächsten Konsumgüter gab, die er unbedingt haben wollte. Wie gesagt, zur Zeit ist er – und das schon seit vielen Wochen – wunschlos glücklich und hält sein Geld zusammen. Allerdings wird hier kein klassisches TV geguckt, somit gibt’s hier keine Werbung (also Filme und Serien gucken wir schon, über einen Streamingdienst, aber eben nicht über einen TV-Sender), vielleicht wäre das anders, wenn er ständig damit konfrontiert würde.

      Ich kann das Modell also nach anderthalb Jahren Praxiserprobung echt empfehlen! 🙂

  2. Hallo, gerade ist das Thema Taschengeld bei geborgen wachsen aufgekommen und da habe ich deinen Artikel erwähnt, weil ich mich von dir hab inspirieren lassen: Wir machen es mit unseren beiden Kindern (4 und 6) auch so und geben jeweils 50 Cent pro Tag. Wir kommen sehr gut damit zurecht und ich bin froh, dass ich deinen Beitrag rechtzeitig gefunden hatte, als das Thema aktuell wurde. Wir hatten vorher eine kurze Phase mit dem „traditionellen Taschengeld“, also 50 Cent pro Woche und damit haben wir uns überhaupt nicht wohl gefühlt. Man kann nicht mal sagen „darauf muss du leider sparen“, weil das Kind in einem Jahr noch nicht das Geld für seinen Wunsch zusammen hätte…

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