Gefühlt gibt es beim Thema Rassismus jede Menge Konsens: allen voran der Konsens, dass Rassismus scheiße ist. Also, nicht nur scheiße, sondern echt böse, so richtig mega EVIL. Und wir alle, also wir alle, die Demokratie, Frieden, Vielfalt und so knorke finden – also wir Guten – sind natürlich total gegen Rassismus. 

In Wirklichkeit war’s das aber schon weitgehend mit dem Konsens. Und es ist allerhöchste Zeit, dass wir auch das bisschen Konsens in Frage stellen.

Rassismus ist nicht böse. Rassismus ist Rassismus.

Lass mal brainstormen: Was ist Rassismus? Brennende Geflüchtetenheime? Verprügelte Migrant*innen? Brennende Kreuze in nordamerikanischen Vorgärten? Getrennte Sitzbereiche in nordamerikanischen Bussen in den 50ern? Konzentrationslager? An Wände geschmierte Hakenkreuze? Geschändete jüdische Friedhöfe? PEGIDA? Der Hitlergruß? Die AfD? Horst Seehofer?

Wenn wir an Rassismus denken, kommen uns primär tiefste menschliche Abgründe in den Sinn. Wir denken an Hass, an Gewalt, an Rohheit. Und es ist wichtig, auf dem Schirm zu haben, dass diese Dinge zu Rassismus gehören. Gleichzeitig ist es wichtig, einen differenzierten Blick auf das wahnsinnig komplexe Thema Rassismus zu üben: Denn Rassismus kann sich in Form eines Nazi-Mobs darstellen, der People of Color durch die Innenstadt jagt, oder Politiker*innen, die arabische und afrikanische Geflüchtete im Mittelmeer ertrinken lassen, während in Seenot geratene europäische Tourist*innen gerettet werden – er steckt aber auch in der vermeintlichen Small-Talk-Frage „Woher kommen Sie?“. Er steckt in „hautfarbenen“ Pflastern, Stiften und Unterwäsche, die in Wirklichkeit nur dem Hautton sogenannter Weißer Menschen ähneln. Er steckt in der Entgegnung: „Aber als Rothaarige erlebe ich auch ständig Diskriminierung!“. (btw: Nein, tust Du nicht. Bitte informiere Dich, was Diskriminierung ausmacht.) 

Und ich mache immer wieder die Erfahrung, dass es Weiße Menschen sind, die darauf bestehen, den Rassismus-Begriff und auch Rassismus-Debatten zu reservieren für die gewaltvollsten und/oder lebensbedrohlichen Auswüchse von Rassismus. Und ich sehe die Sorge dahinter: Sie finden die gewaltvollsten und/oder lebensbedrohlichen Auswüchse von Rassismus SO FÜRCHTERLICH, SO MONSTRÖS, dass ihnen wichtig ist, dass diese Fürchterlichkeit, diese Monstrosität nicht verwässert wird, wenn wir jetzt auch Pflaster und Unterwäsche in Verbindung mit Rassismus bringen. Ich sehe aber auch, dass es bei vielen Weißen Menschen keine Wahrnehmung – und auch kein Interesse! – dafür gibt, wie massiv der ganz normale Alltagsrassismus, der nicht zum Spektrum der gewaltvollsten und/oder lebensbedrohlichen Auswüchse von Rassismus gehört, uns People of Color schadet, uns krank macht, unsere Handlungsabläufe und Lebensentscheidungen beeinflusst, unsere Identität prägt und unser Zugehörigkeitsgefühl, unser Selbstverständnis massiv verunsichert. Und ich sehe auch, wie vor allem bestimmte soziale Schichten Weißer Menschen davon profitieren: So lange wir daran festhalten, dass rassistische Handlungen eine rechte oder ausländerfeindliche Gesinnung, eine rassistische Intention, mangelnde Bildung, zweifelhafte Wertepositionierung und ähnliche Dinge voraussetzt, können sich gerade Menschen, die sich als mittig bis links verstehen, akademische Bildungsverläufe haben, sich als weltoffen und grundsätzlich wohlmeinend betrachten in Selbstvergewisserung und Selbsterhöhung suhlen – rassistisch, das sind die anderen.

Und weißt Du, wer original gar nicht von dieser Sichtweise, von dieser Dämonisierung von Rassismus profitiert: Menschen, die von Rassismus betroffen sind. Im Gegenteil. Sie macht uns das Leben schwerer. Noch einmal: Wenn wir darauf bestehen, Rassismus grundsätzlich als Manifestation von Gewalt und Hass zu betrachten, macht das uns von Rassismus betroffenen Menschen das Leben noch schwerer. Und zwar deshalb, weil es praktisch verunmöglicht, über den alltäglichen Rassismus jenseits von Rechtsradikalismus und „Fremdenfeindlichkeit“ zu sprechen.

Die Einzigen, die von der Dämonisierung von Rassismus profitieren, sind Weiße Menschen.

Infokasten: Fremdenfeindlichkeit Klick!

Warum es notwendig ist, von Weißen und People of Color zu sprechen. Klick!

Wir dürfen Rassismus nicht auf Rechts-Sein oder Fremdenfeindlichkeit reduzieren

Ja, Rassismus kann in Form von Hass und Gewalt kommen. Rassismus kann Unterdrückung, Abwertung, Ablehnung, Ausgrenzung implizieren. Viel häufiger jedoch zeigt er sich durch Andersmachung, durch vermeintlich harmlose Stereotypisierung und Rassifizierung, durch Exotisierung, durch Desinteresse, durch Nicht-Repräsentation. Auch durch Leugnung, Relativierung und Verharmlosung von Rassismus.

Auszug aus „White Fragility. Why it’s so hard for white people to talk about racism“ von Robin DiAngelo

In ihrem Buch „White Fragility“ beschreibt Robin DiAngelo diese binäre Kategorisierung in rassistisch/nicht-rassistisch (binär: das Konzept von zwei einander ausschließenden Gegensätze), bei der wir davon ausgehen, dass Menschen, die sich rassistisch verhalten schlecht, ignorant, ungebildet und ja, irgendwie halt scheiße sind; während sich nicht-rassistische Menschen als progressiv, gebildet, gutgewillt und offen betrachten.

Das Problem dabei ist: Rassismus braucht keine rassistische Intention. Er braucht keine abwertende, keine böswillige, keine ignorante Intention. Rassismus hat nur selten etwas damit zu tun, etwas Rassistisches sagen oder tun zu wollen oder damit Rechts zu sein. Rassismus hat auch nur selten etwas damit zu tun, ob ein Mensch so grundsätzlich anständig oder nett oder moralisch integer ist. Selbst wenn wir Rassismus scheiße finden, selbst wenn wir uns als links betrachten, selbst wenn wir nichts gegen „Ausländer*innen“ haben, auch wenn wir auf Anti-Rassismus-Demos gehen: Wir alle reproduzieren Rassismus.

Es gibt niemanden, wirklich niemanden, die*der keine rassistischen Anteile in sich trägt

Jede*r einzelne von uns hat rassistische Anteile in sich. Dafür können wir nichts; wir alle leben in einer rassistischen Weltordnung und es ist nicht möglich, diesen Rassismus nicht zu verinnerlichen. Das ist ja das Perfide: Rassismus schleicht sich subtil und geschmeidig in unseren Alltag und unser Denken, und tut dann so, als sei er gar nicht da. Und diese rassistischen Anteile in unserer Denk- und Wahrnehmungsweise können ganz unterschiedlich aussehen, da kann es darum gehen, dass wir bestimmte Dinge denken und wahrnehmen oder auch bestimmte Dinge eben nicht denken und wahrnehmen, zum Beispiel:

  • Wir sind überrascht, wenn eine Person of Color korrektes, akzentfreies Deutsch spricht.
  • Und/oder wir fragen uns, woher sie wohl kommt, weil wir denken: Von hier ist sie jedenfalls nicht.
  • Und/oder wir fragen sie neugierig, wann sie zuletzt in ihrer Heimat war, weil wir davon ausgehen, dass Deutschland nicht ihre Heimat ist.
  • Und/oder wir bringen Problemschulen in Zusammenhang mit Schulen, die einen hohen Migrant*innenanteil haben.
  • Und/oder wenn wir die Wahl haben, möchten wir nicht, dass unsere Kinder in eine dieser Schulen mit einem hohen Migrant*innenanteil geht.
  • Und/oder bei „Migrant*innen“ denken wir nicht an Schwed*innen, Engländer*innen oder Französ*innen, sondern an Menschen, die wir dem arabischen, türkischen oder persischen Sprachraum zuordnen.
  • Und/oder wir bedauern, dass die „Ausländer*innen“, die sich daneben benehmen, den „gut integrierten Ausländer*innen“ den Ruf versauen.
  • Und/oder wir hören, dass ein Kind zu Hause mit Englisch, Französisch oder Schwedisch aufwächst, und finden wir so eine Bilingualität toll, und wenn wir hören, dass ein Kind zu Hause mit Arabisch oder Türkisch aufwächst, finden wir das eher heikel.
  • Und/oder wenn wir an Zuwanderung und Migration denken, und damit eine problemorientierte Assoziation haben, statt Zuwanderung als potentielle Bereicherung zu betrachten.
  • Und/oder wir denken, dass orientalische Männer ein problematischeres Frauenbild haben als deutsche Männer.
  • Und/oder wenn wir bei „deutsche Männer“ an Weiße Männer denken.
  • Und/oder wir denken, dass deutsche Frauen vor orientalischen Männern geschützt werden müssen.
  • Und/oder wir bei „deutsche Frauen“ wieder an Weiße Frauen denken.
  • Und/oder wir Frauen, die ein Kopftuch tragen, absprechen, dass sie dies aus einer selbstbestimmten und freien Entscheidung tun.
  • Und/oder wir die Haare von Schwarzen Menschen total schön finden und fragen, ob wir sie mal anfassen dürfen.
  • Und/oder wir finden Schwarze Babys total süß und nennen sie „Schokobaby“.
  • Und/oder wir nennen Graphiken, in denen Weiße Kinder und Kinder of Color auftauchen „interkulturell“ weil wir Menschen mit unterschiedlichen Hauttönen auch unterschiedliche kulturelle Zugehörigkeiten zuschreiben, ohne auf dem Schirm zu haben, dass auch Weiße Menschen interkulturell, bzw. Menschen mit unterschiedlichen Hauttönen mit derselben „Kultur“ sozialisiert sein können.
  • Und/oder wenn in den Bus steigen, und uns lieber zur deutsch aussehenden Omi setzen als neben den jungen Mann, den wir als irgendwie islamisch lesen.
  • Und/oder wir gerne mal Sex mit einer asiatischen oder Schwarzen Person hätten.
  • Und/oder wir glauben, es sei lediglich eine „Präferenz“ genau keinen Sex mit einer asiatischen oder Schwarzen Person haben zu wollen.
  • Und/oder wir uns wundern, warum People of Color ins Solarium gehen – „…die sind doch schon braun!“.
  • Und/oder wir uns wundern, warum People of Color Sonnenschutz verwenden.
  • Und/oder wenn uns die Darstellung von „Afrikaner*innen“ in Baströckchen und mit Knochen im Haar jetzt nicht so sehr stört.
  • Und/oder wir posten verzückt und sehnsuchtsvoll [angebliche] Rituale und Traditionen von „Naturvölkern“.
  • Und/oder wir finden, dass es doch ganz schön überempfindlich sei, wenn sich Menschen darüber beschweren, dass I*dianer-Kostüme oder schwarz angemalte Gesichter zu Fasching immer noch salonfähig sind.
  • Und/oder wenn wir einfach keinen ausreichenden Grund dafür sehen, „Schokoküsse“ zu sagen, und stattdessen weiterhin „N*küsse“ oder „M*köpfe“ sagen.
  • Und/oder wir fröhlich mit unseren Kindern „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ singen.
  • Und/oder wir „Jim Knopf“ für ein tolles Kinderbuch halten.

Rassismus ist Rassismus. Rassismus ist Schmerz.

Die Gute Nachricht ist: Unsere rassistischen Anteile machen uns nicht zu Rassist*innen. Die schlechte Nachricht: Das macht die rassistischen Anteile in uns jedoch nicht weniger rassistisch. Und noch eine tragische Nachricht: In dieser Liste geht es nicht um „Political Correctness“. Es geht nicht darum, etwas falsch gemacht zu haben oder irgendwelche abstrakten Regeln gebrochen zu haben. Wenn es nur das wäre, wäre alles viel einfacher… Stattdessen geht es in dieser Liste um echten Schmerz echter Menschen. Rassismuserfahrungen sind Schmerzerfahrungen. Und hier hätte ich auch gerne den Fokus jeder einzelnen Rassismus-Debatte: darauf, wie es Menschen geht, die Rassismus erleben. Alles drumherum ist nur Derailing.

Wir brauchen einen radikalen Kulturwandel im Umgang mit Rassismus: weniger Aufregung, mehr Interesse

Wenn Du Weiß und gegen Rassismus bist, dann brauche ich etwas von Dir, und das ist wirklich mega wichtig: nämlich dass Du Dich jetzt nicht aufregst darüber, dass ich gerade geschrieben habe, Du trügest rassistische Anteile in Dir, sondern dass Du interessiert bleibst und zuhörst. Als eine Bekannte für ein Gruppentreffen von einem bestimmten Ort abriet, weil da in der Gegend nur „Asylanten und Asoziale“ seien, und ich mich beschwerte, dass das rassistisch sei, haben sich alle in der Gruppe über mich aufgeregt – nicht über die Aussage der Frau; was mir denn einfiele, ihr Rassismus zu unterstellen, das gehe doch wirklich zu weit. Als eine Bekannte ein Video von einem leidenschaftlich tanzenden Schwarzen Mädchen postete, und dazu schrieb: „Die Schokoprinzessin hat’s einfach im Blut!“ und ich mich beschwerte, dass das rassistisch sei, haben sich alle über mich empört, nicht über die Aussage der Frau; was mir denn einfiele, ihr Rassismus zu unterstellen, das gehe doch wirklich zu weit, außerdem könne sie doch gar nicht rassistisch sein, schließlich sei ihr Mann Schwarz, und das gemeinsame Kind auch. Als ich mich über meine Freund*innen ärgerte, die einen Mann of Color nicht nach dem Weg fragen wollten, weil sie davon ausgingen, dass der doch eh kein Deutsch verstehe, empörten sie sich über mich; ich wisse doch ganz genau, dass sie keine Rassist*innen seien. Als das Nachbarskind es seltsam fand, dass ich als „dunkler Mensch“ mit einem „hellen Mensch“ verheiratet bin und wir auch noch ein Kind zusammen haben, und ich das später mit Rassismus in Verbindung brachte, bekam die halbe Nachbarschaft einen Tobsuchtsanfall, und verbot meinem Kind, ihre Kinder weiterhin zu besuchen. Dafür gibt es ein Wort: Das nennt man Skandalisierung – und damit ist allerdings nicht die Skandalisierung der rassistischen Äußerung gemeint, sondern es wird skandalisiert, dass da jemand Rassismus anspricht.

Hinter dieser Skandalisierung, das ist mir völlig klar, liegt Abwehr. Da liegt die nackte Scham, und auch ein wahnsinniges Erschrecken darüber, dass einem gerade etwas so Monströses wie Rassismus unterstellt wurde. Mir ist völlig klar: Da wehrt sich gerade jemand dagegen, darin in Frage gestellt zu werden, als Mensch in Ordnung zu sein. Und dazu fallen mir zwei problematische Konsequenzen ein:

  1. So lange wir Rassismus nicht als etwas betrachten, das wir bedauerlicherweise alle ständig reproduzieren, weil es einfach nicht möglich ist, in einer rassistisch geprägten Gesellschaft nie etwas Rassistisches zu denken oder zu sagen, und es eben eine Lernbereitschaft braucht, um Rassismus zu identifizieren und sich abzugewöhnen, sondern als etwas Monströses betrachten das nur von moralisch fragwürdigen Menschen die sich am Rand der Gesellschaft bewegen reproduziert wird, können wir ihn weit von uns weisen – und damit der Auseinandersetzung mit unseren eigenen rassistischen Anteilen schön aus dem Weg gehen, was einfach nur dazu führt, dass wir weiterhin Rassismus reproduzieren. Wenn Weiße Menschen nach einem Hinweis auf Rassismus damit beschäftigt sind, entrüstet über diesen Hinweis zu sein oder sich selbst zu verteidigen, entgeht ihnen die Gelegenheit, den rassistischen Aspekt in der Situation zu verstehen und dazu beizutragen, gegen Rassismus einzustehen.
  2. So lange People of Color befürchten müssen, dass unser Gegenüber mit Abwehr und Widerstand („Sag mal, hast Du mir gerade Rassismus unterstellt?! Geht’s noch?!!“) oder aber auch mit Selbstgeißelung (übermäßiger Scham und/oder übermäßiger peinlicher Berührtheit) reagiert, wenn wir Rassismus ansprechen, tun wir es eher nicht. Fast alle People of Color sprechen fast niemals rassistischen Zwischenfälle an – weil wir das eigene Unwohlsein vorziehen, statt zu riskieren, dass Gegenüber vor den Kopf zu stoßen oder (noch ungemütlicher und deutlich häufiger) Empörung und Gegenwehr zu provozieren. Wir lächeln höflich, wenn unser gutes Deutsch gelobt wird – statt hinzuweisen: „Ah, verstehe, Sie verknüpfen also eigentlich braune Haut mit schlechtem Deutsch?“ oder wir beißen uns auf die Zunge und halten es einfach aus, wenn jemand gehäufte Fahrraddiebstähle in der Nachbarschaft selbst dann mit Geflüchteten in Zusammenhang bringt, wenn es keine Hinweise darauf gibt, wer in der Gegend Fahrräder klaut. Weil wir einfach keinen Bock auf die Bombe haben, die dann losgeht.

Und nein, es ist übrigens keine Lösung, auf das böse R-Wort zu verzichten. Ich habe es eine Zeitlang echt ausprobiert, rassistische Vorfälle zu kommentieren oder über Rassismus zu reden, ohne „rassistisch“ und „Rassismus“ zu sagen, und es macht keinen Unterschied. Die Leute checken natürlich sofort, dass es um Rassismus geht und drehen genauso durch, als hätte man ihnen eine Mitgliedschaft beim Ku-Klux-Klan unterstellt.

Mein Wunsch: dass Weiße Menschen da auch mit sich selbst in einen feinfühligen Kontakt treten, und überhaupt mal eine bewusste Wahrnehmung dafür entwickeln, wie sie reagieren und was tief innen in ihnen ausgelöst wird, wenn sie mit Rassismus konfrontiert werden: Zweifel? Scham? Widerstand? Schrecken? Schuldgefühle? Sorge? Entrüstung?

Was Du tun kannst:

Ah, das war mir gar nicht klar! Danke für den Hinweis, ich werde künftig darauf achten!

  • Zuhören. Statt: „Wie bitte, hast Du mir gerade RASSISMUS unterstellt??!!! Geht’s noch?!“ zum Beispiel: „Ah, das war mir gar nicht klar. Danke für den Hinweis, ich will künftig darauf achten!“
  • Glauben. Statt: „Also, ich kann mir nicht vorstellen, dass das rassistisch gemeint ist.“ zum Beispiel: „Krass. Tut mir Leid, dass Du diese Erfahrung machen musstest.“
  • Anerkennen, dass eigene Lebenserfahrungen nicht notwendigerweise übertragbar sind. Statt: „Also wenn ich im Urlaub bin, werde ich auch gefragt woher ich komme und ICH finde das NICHT schlimm (deshalb solltest Du es auch nicht schlimm finden)!“ zum Beispiel: „Mir kommt es so vor, als hätte ich schon ähnliche Erfahrungen gemacht, aber da ich gerade feststelle, dass mich die gar nicht so mitgenommen haben, bekomme ich eine Vorstellung davon, dass sowas für Dich ganz anders wirken muss.“
  • Senf behalten. Statt: „Also, ICH finde das nicht rassistisch.“ zum Beispiel: akzeptieren, dass die Dimensionen von Rassismus nur auf zwei Weisen erfahrbar sind, nämlich entweder indem man sie selbst erlebt, und/oder indem man sich darüber in Büchern, Workshops und Artikeln informiert. Rassismus ist ein hochkomplexes Thema das weit, weit über „Ausländer*innenfeindlichkeit“ hinausgeht, und zu dem es jahrzehntelange Forschung gibt. Wenn Du Weiß bist und letzteres noch nicht getan hast, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass das einzig Sinnvolle, das Du zu Gesprächen über Rassismus beitragen kannst, ist: Zuhören und Ernstnehmen.
  • Lernfelder sehen statt Angriffe auf die eigene Person: Statt: „Du kennst mich doch, ich würde doch nie etwas Rassistisches sagen!!“ zum Beispiel: „Puh, so habe ich das noch gar nicht gesehen. Ehrlich gesagt ist das schon schwer für mich zu hören. Gleichzeitig ist mir eigentlich klar, dass ich nicht alles wissen kann, und es auch für mich einiges zu lernen gibt. Danke, dass Du mich auf Wissens- und Wahrnehmungslücken aufmerksam machst!“
  • Perspektiven anerkennen: In Deutschland mit der Normalität zu leben oder sogar damit aufgewachsen zu sein, auf alltäglicher Basis rassifiziert zu werden bzw. zu einer Gruppe zu gehören, die rassifiziert wird (für mich war zum Beispiel die Mesut-Özil-Causa von 2018 ein persönliches rassistisches Erlebnis, weil sie einfach so klar gemacht hat, wie People of Color – und damit eben auch ich! – in Deutschland selbst dann betrachtet werden, wenn sie hier aufwachsen und den deutschen Pass haben) führt dazu, dass People of Color Dinge sehen und wahrnehmen, die für Weiße aufgrund ihrer völlig abweichenden Erfahrungswelt einfach nicht zugänglich sind. People of Color sind Expert*innen darin, Rassismus und Rassifizierung zu erkennen.
  • Validieren. Statt: „Also ich kenne eine Person of Color, die findet XY aber nicht schlimm (und deshalb IST es auch nicht schlimm)!“ zum Beispiel: „Ja, das klingt, als wäre das richtig ätzend für Dich.“ Es ist wichtig zu akzeptieren, dass Perspektiven nicht einheitlich sind. Wenn Du eine Person of Color kennst, der es nichts ausmacht, nach der Herkunft gefragt zu werden, kann das verschiedene Gründe haben. Vielleicht ist ihre Identität nicht „von hier“, so dass es bei ihr die Herkunftsfrage nicht so empfindliche Themen wie Identität und Zugehörigkeit berührt; ähnlich wie wenn sie Weißen Deutschen im Auslandsurlaub gestellt wird. Vielleicht macht ihr die Herkunftsfrage sehr wohl etwas aus, aber sie hat sich mit ihr arrangiert, sei es aus Höflichkeit oder weil sie keine Lust auf Konflikte und Diskussionen hat, oder weil zu ihrem Erfahrungsset sehr viel drastischere Formen von Rassismus gehören. Vielleicht gibt es persönliche Gründe, sich über diese Frage zu freuen und damit Gelegenheit zu bekommen, von sich zu erzählen – all diese Gründe entvalidieren jedoch nicht das Unbehagen jener People of Color, die sehr wohl ein Problem mit der Herkunftsfrage haben.
  • Vertrauen: Das Set an rassistischen Erfahrungen, die ich mit meinen persönlichen Dispositionen (einschließlich meines Geschlechts, meiner sozialen Herkunft und einem entsprechenden Habitus und ähnliches) mache, unterscheidet sich zum Teil erheblich von dem Set, das andere von Rassismus betroffenen Menschen machen. Zum Beispiel sind für mich die Rassifizierungs-Dimensionen, die Schwarze Menschen oder Sinti und Roma machen, praktisch völlig unsichtbar und unerfahrbar. Ich werde niemals wirklich erfahren können, auf welcher Dimension es für Schwarze wirkt und was es mit ihrem Körpergefühl macht, wenn ihre Haare ständig und seit frühester Kindheit thematisiert, kommentiert, angefasst werden. Ich kann mich aber dafür interessieren, es ernst nehmen und darauf vertrauen, dass es einen triftigen Grund hat, wenn Schwarze Menschen fordern, wir sollen ihre Haare in Ruhe lassen.
  • Empathie. Statt: „Also wenn Du nicht sachlich und ruhig mit mir redest, habe ich auf das Gespräch keine Lust.“ zum Beispiel: „Ja, das klingt nach sehr viel Schmerz und Wut.“ Auch (oder gerade) wenn unser Gegenüber genervt oder verärgert ist, spricht da echter Schmerz aus ihm, und es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass es niemandem zusteht, für andere zu entscheiden, was „schlimm genug“ ist, um Schmerz auszulösen und was nicht.

Wie wäre es mit ein bisschen mehr Selbstzweifel?

Mir wurde vor einiger Zeit nach einem Gespräch übrigens auch ein äußerst ungemütlicher –ismus vorgeworfen: Antisemitismus. Und ich weiß noch sehr genau, wie ich vor einigen Jahren über dieses Thema und meine Position dazu gedacht habe: Es war mir buchstäblich völlig schleierhaft, wie man etwas gegen Jüd*innen haben konnte. Und das hat mich zu der Überzeugung veranlasst, dass es nicht möglich sei, weniger antisemitisch zu sein als ich. Das war echt mein Selbstbild! Heute sehe ich das deutlich differenzierter. Und als mir neulich jemand unterstellte, ich hätte etwas Antisemitisches gesagt, beobachtete ich meinen Schreck, meine innere Abwehr; ich nahm wahr, wie sehr dieser Hinweis an meinem Selbstbild kratzte und auch meine initiale Entrüstung – gleichzeitig fand ich das auch interessant und dachte an die vielen Male, in denen ich Menschen auf Rassismus hingewiesen hatte, und bei denen vermutlich dann ein ganz ähnlicher Film abgelaufen war. Und dann dachte ich: „Krass, wie kann ich eigentlich sicher sein, dass ich nie etwas Antisemitisches sage?“ Mir wurde klar, dass ich eigentlich kein echtes Wissen über Antisemitismuskritik habe, kein echtes Wissen über Lebensrealitäten jüdischer oder als jüdisch gelesener Menschen. Mir wurde klar, dass meine Sozialisierung in einer Gesellschaft mit einer mega hart antisemitischen Geschichte stattgefunden hat – und mich überkam die Ahnung, dass es genauso wenig ausreicht „gegen Antisemitismus“ zu sein und „nichts gegen Jüd*innen zu haben“, um mich von antisemitischen Anteilen in mir freizusprechen, wie es ausreicht, „gegen Rassismus“ zu sein und „nichts gegen Ausländer*innen zu haben“, um sich von rassistischen Anteilen freizusprechen. Und als Konsequenz habe ich mir Literatur über Antisemitismus besorgt. Und Nachsicht mit mir selbst geübt: Ich erkenne an, dass es niemals meine Absicht ist, etwas Antisemitisches zu sagen, und dass es mir ein wahnsinnig wichtiger Wert ist, bei diesem Thema informiert, sensibel und achtsam zu sein. Und gleichzeitig kann ich keine Gewissheit haben, dass mir das auch stets gelingt… Und ja, auch wenn ich das kaum erträglich traurig und richtig schmerzhaft finde, und mir so sehr wünschte, dass es anders wäre, habe ich auf dem Schirm, dass es mich nicht zur Antisemitin, nicht zu einem schlechteren Menschen macht – und ich habe vor allem auf dem Schirm, dass meine Verunsicherung, mein Schmerz in diesem Thema nichts gegen die Verunsicherung und den Schmerz ist, die Menschen erleben, die von Antisemitismus direkt betroffen sind. Es zeigt primär, dass ich noch einiges lernen, mehr zuhören, meine Wahrnehmung erweitern, meinen Blick schärfen möchte. Und dazu bin ich bereit. Mehr können wir alle gar nicht tun.

Link- und Literaturempfehlungen:

  • PDF: Sprache schafft Wirklichkeit. Glossar und Checkliste zum Leitfaden für einen rassismuskritischen Sprachgebrauch. (AntiDiskriminierungsBüro Köln/Öffentlichkeit gegen Gewalt e.V. (Hrsg.)) Link
  • 15-minütiges Video mit Tupoka Ogette über Alltagsrassismus, und wie sich Weiße Menschen rassismuskritisch positionieren können:

Tupoka Ogette: exit Racism. Rassismuskritisch denken lernen
Ein vergleichsweise dünnes und freundlich zu lesendes Taschenbuch, das ohne erhobenen Zeigefinger in das wahnsinnig komplexe Thema einführt. | Link*

Robin DiAngelo: White Fragility. Why it’s so hard for white people to talk about racism 
Leider gibt es dieses Buch noch nicht in deutscher Übersetzung; für alle, die auf Englisch halbwegs klar kommen, eine wirklich wichtige und bereichernde Lektüre für ein tieferes Verständnis, wie Rassismus in uns allen wirkt. Robin DiAngelo selbst ist Weiß, und beschäftigt sich seit Jahren mit den Abwehrmechanismen Weißer Menschen im Kontext von Rassismus. | Link*

Reni Eddo-Lodge: Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche
Und hier die Perspektive aus Sicht einer Schwarzen Person. Ja, dear white people. Es ist wirklich nicht leicht, mit Euch über Rassismus zu sprechen – es gibt sogar ein Buch darüber. Angefangen hatte es mit einem gleichnamigen Blogeintrag, der viral ging. Allen, die lernen möchten, Rassismus zu sehen, anzuerkennen und ihm begegnen, sei dieses Buch ans Herz gelegt. | Link*

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