Liebe Leute, das hier wird nicht bequem. Du wirst hier Dinge lesen, gegen die sich bei Dir Widerstände regen werden. Das ist normal, denn dieses Thema trifft auf lauter Stellen in uns, die wir völlig anders gelernt haben. Ich möchte Dich herzlich und klar bitten, diese Widerstände wahrzunehmen („Aber was ist denn bitte schlimm an Yakari?!“) – und mit ihnen und diesem Thema geduldig und offen zu bleiben. Vielleicht werden sich nicht alle Widerstände nach diesem Artikel aufgelöst haben, das alles ist ist auch ein Prozess, der mehr Zeit in Anspruch nehmen wird, als die Lektüre dieses Artikels. Ich bitte Dich um Dein Vertrauen darauf, dass es in diesem Artikel nicht darum geht, Dich zu ärgern oder zu kritisieren. Ich komme mit diesem Artikel in Frieden :-). Hier geht es darum, alte Strukturen aufzubrechen, die sich zwar gewohnt, vertraut und deshalb mitunter harmlos anfühlen für jene, die davon keinen Nachteil erfahren, aber für jene, die davon betroffen sind, in der Summe ernste Folgen haben können. Veränderung passiert nicht innerhalb von Komfortzonen, vor allem nicht bei einem solch unkomfortablen Thema wie Rassismus, und es bedeutet manchmal auch, dass man versteht, dass die Mauern, die die Komfortzone bisher beschützt haben, unerwartet hoch waren. Es ist Zeit für einen Bulldozer.

Was die ganze Angelegenheit etwas kompliziert macht: Es reicht nicht, wenn wir unsere Kinder so ganz allgemein zu anständigen, offenen, toleranten Menschen erziehen. Ich bin sogar explizit kein Fan von „Toleranz“. In meiner Erfahrung steckt da, wo Toleranz draufsteht, in der Regel nur ein halbgares „gut gemeint“ drin, und ist meistens sogar an die Bedingung einer gelungenen Integration (whatever that means) geknüpft. Und irgendwie ist das auch klar: Toleranz kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: dulden, aushalten. Ich will keine Gesellschaft, in der privilegierte Menschen benachteiligte Menschen tolerieren. Ich will keine Toleranz gegenüber Braunen/Schwarzen Deutschen und Ausländer*innen. Das löst nämlich nicht das Problem des Rassismus. Ich will eine viel tiefgreifendere Veränderung mit völlig neuen Selbstverständlichkeiten und Zugehörigkeiten, in der zum Beispiel Asylbewerber*innen keine tolerierte Abweichung der Normalität sind, sondern ein bedingungsloser und selbstverständlicher Teil von Normalität.

In diesem Artikel finden Eltern und Pädagog*innen für Kita und Schule viele Infos, Tipps und Materialien, wie Kinderbücher für Kinder zwischen 2 und Ü13 Jahren, Serien- und Filmtipps, und das Wichtigste: jede Menge Anregungen zur Selbstreflektion. Er wird bis auf weiteres fortlaufend aktualisiert und ergänzt.

Auch Kinder reproduzieren Rassismus

Für das Thema der rassismuskritischen Kindererziehung müssen wir uns aber vor allem von der Vorstellung verabschieden, dass Kinder noch nicht rassistisch sein könnten. Ich kenne unzählige Erfahrungsberichte von Eltern, die von enorm schmerzhafte Erlebnissen ihrer Braunen/Schwarzen Kinder erzählen: von Weißen Kindern, die am Schwarzen Kind lecken wollen, um zu überprüfen, ob es nach Schokolade schmeckt; von der Behauptung, das Braune/Schwarze Mädchen könne nicht Elsa spielen, weil Elsa schließlich Weiß sei und es auch sonst keine Braunen/Schwarzen Prinzessinnen gebe, von Kommentaren über die Haare von Schwarzen Kindern oder von Behauptungen, dass Braune/Schwarze Kinder stinken. Ich selbst wurde vor einiger Zeit von unserem damals achtjährigen Nachbarskind gefragt, warum ich als „dunkler Mensch“ mit einem „hellen Mensch“ (mein Mann wird als Weiß gelesen) verheiratet sei und wir auch noch ein Kind zusammen haben, schließlich gehörten doch helle Menschen zusammen und dunkle Menschen zusammen.

Gepostet von Tebalou am Sonntag, 14. Juni 2020

Kinder sagen diese Dinge in der Regel nicht, weil ihre Eltern ihnen beigebracht haben, rassistisch zu sein – sondern weil ihre Eltern ihnen nicht beibringen konnten, NICHT rassistisch zu sein. Und zwar einfach, weil ihre Eltern noch nicht wissen, wie das geht. Woher auch? Es wurde ihnen ja auch nicht beigebracht. Keiner*m von uns. Deshalb ist es so wichtig, dass Du das Unbehagen, die Widerstände, die dieser Artikel bei Dir auslösen, aushältst und am Ball bleibst. Es ist Zeit, dass wir lernen und üben, aktiv rassismuskritisch zu sein.

Info-Box: Warum es notwendig ist, von Weißen und Braunen/Schwarzen Menschen zu sprechen.

Wie kannst Du anfangen?

Das Problem ist: Die meisten von uns wissen tatsächlich nicht wirklich viel über Rassismus – viele von uns denken, Rassismus habe mit „Ausländerfeindlichkeit“ und Gewalt zu tun, und verbinden Rassismus mit rechter Gesinnung, und denken, wenn wir dagegen sind, sei das schon Anti-Rassismus. Tatsächlich ist Rassismus aber ein hochkomplexes Thema, und wenn man darüber reden möchte, dann geht das eigentlich nur, wenn man Rassismus selbst erfährt, oder wenn man sich Fachwissen darüber angeeignet hat. Wie wollen wir also unseren Kindern etwas beibringen, worüber wir selbst eigentlich weder Erfahrung noch Fachwissen haben? Es wäre schön, wenn es einfacher ginge, wenn es eine Abkürzung gäbe, aber wie so oft in Sachen Elternschaft müssen wir erst mal bei uns selbst beginnen. (Mist.) Wenn wir also wollen, dass unsere Kinder anti-rassistisch sind und werden, dann müssen wir uns einige neue Kompetenzen aneignen – und wir müssen einige alte Angewohnheiten und Ansichten ablegen.

Du brauchst unabdingbar:

  1. die Bereitschaft, alles, was Du bisher meintest, über Rassismus und über das Miteinander von Weißen und Braunen/Schwarzen Menschen zu wissen, über Bord zu schmeißen:
    Hier müssen wir mit einem Anfänger*innengeist ran: „Für mich sind alle Menschen gleich, egal welche Hautfarbe sie haben„; „Hier geht es nicht um politische Themen, hier geht es doch einfach um Menschlichkeit und Toleranz„; „Ich bin die letzte, die Vorurteile hat!“; „Alle Leben sind bedeutsam„; „Rassismus ist eher ein Problem in den USA oder in einigen der neuen Bundesländer„; „XY kann gar nicht rassistisch sein, das ist doch ein anständiger Mensch„; „Ich kann gar nicht rassistisch sein, ich habe Braune/Schwarze Freund*innen„; „Aber Rothaarige werden auch diskriminiert„. Klopp das alles in die Tonne, wirklich. Wenn Du dazu beitragen möchtest, dass wir Rassismus überwinden, helfen diese Einstellungen genau NULL weiter. Im Gegenteil – viele dieser Phrasen unterstützen unwissentlich Rassismus.
  2. die Bereitschaft, Deine eigenen rassistischen Anteile zu erforschen:
    Klar ist, dass die allermeisten von uns nicht rassistisch sein wollen. Klar ist auch, dass wir ausnahmslos alle (mich eingeschlossen!) manchmal rassistische Dinge tun, denken und sagen; und zwar nicht, weil wir böse Menschen sind, sondern weil wir in einer rassistischen Weltordnung leben, und unsere Sozialisation entsprechend rassistisch geprägt ist. Zu unserer rassistischen Sozialisation gehört nicht nur, dass wir selbst (ohne es zu wollen) Rassismus reproduzieren, sondern auch, dass wir es nicht bemerken, wenn uns Rassismus begegnet – z.B. in Kinderbüchern oder Kinderliedern. Oder sie fallen uns auf, aber wir finden es nicht schlimm genug, um etwas zu verändern – auch das gehört zu rassistischer Sozialisation. Für unsere rassistische Sozialisation können wir nichts, weil es in unserer Gesellschaft noch nicht zur Priorität gehört hat, das dazugehörige Wissen und eine entsprechende Sensibilisierung zu kultivieren. Es ist unsere Aufgabe, dieses Versäumnis der vorherigen Generationen wieder gutzumachen. Es ist essentiell, dass wir das als Lernweg betrachten, als einen Prozess, der nie abgeschlossen sein wird und bei dem wir auch immer wieder auf Wissens- und Wahrnehmungslücken stoßen. Erlaube Dir, einzugestehen, dass es Dir auf jeden Fall immer mal wieder passieren wird, rassistische Dinge gesagt oder getan zu haben – das ist vor allem wichtig, wenn Du von einer Braunen/Schwarzen Person darauf hingewiesen wirst. Meiner Erfahrung nach fällt das den Menschen besonders schwer, die sich als politisch eher links verorten. Ich kenne es von mir und auch von anderen Braunen/Schwarzen Menschen, dass es bei diesen Menschen besonders schwer ist, Rassismus zu thematisieren, weil sie ihr Selbstbild mit Händen und Füßen verteidigen. Und das ist so tragisch, denn was bringt eine vermeintlich anti-rassistische Haltung, wenn jene, die von Rassismus betroffen sind, bei dir nicht safe sind? Wenn sie mit dir nicht darüber sprechen können, wie verletzend eine rassistische Äußerung von dir war? Unser Anti-Rassismus ist erst echt, wenn wir nicht nur mit dem Finger auf andere zeigen, sondern verantwortungsvoll und reflektiert bei uns selbst nachgucken.
  3. die Bereitschaft, Dir neues Wissen anzueignen:
    Bei Rassismus geht es nicht so sehr um Werte oder um Einstellungen, sondern tatsächlich um schlichtes Wissen, um Kenntnisse, um Kompetenzen. Warum finden viele Braune/Schwarze Menschen die Frage, woher sie kommen, unangenehm? Warum ist es so hochproblematisch, wenn in Kinderbüchern das N-Wort vorkommt wenn doch Schwarze das Wort selbst benutzen? Wieso muss man bei Kinderbüchern, auf denen „Afrika“ draufsteht, fast zwangsläufig mit rassistischen Inhalten rechnen? Was ist schlimm am Kinderlied „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“? Warum ist es rassistisch, Braune/Schwarze Kinder mit Schokolade zu vergleichen, wenn es doch süß gemeint ist? Warum ist es so wichtig, auf eine diskriminierungsfreie Sprache zu achten und wie kann diese aussehen? Was ist an der herkömmlichen Weltkarte rassistisch? Was ist der Unterschied zwischen Vorurteil und Diskriminierung und warum kann es keinen Rassismus gegen Weiße geben? Das sind alles Dinge, die nicht so viel damit zu tun haben, ob man sein Gegenüber grundsätzlich respektiert oder wertschätzt, sondern damit, sich Wissen über seine Lebensrealität, den gesellschaftlichen Zusammenhang, und die eigenen Privilegien angeeignet zu haben. Du kannst Dein Kind nicht zu rassismuskritischen Menschen erziehen, wenn Du selbst kein rassismuskritisches Wissen besitzt.
  4. die Bereitschaft, Deinen eigenen Umgang mit Unterschieden zu reflektieren:
    Ist Deine Devise: „Alle Menschen sind gleich!“ oder „Ich sehe keine Hautfarbe!“? Dann wäre es ratsam, zu überprüfen, ob Du Unterschiede (zwischen Braunen/Schwarzen und Weißen Menschen, aber auch beispielsweise zwischen Menschen mit und ohne Behinderung) eigentlich anerkennen kannst, ohne dass Dir das irgendwie unangenehm ist? Das ist ein wirklich wichtiger Punkt. Wenn Du Dich eigentlich unwohl damit fühlst, Unterschiede anzuerkennen und zu benennen, z.B. indem Dir das Wort „Schwarz“ für Schwarze Menschen nicht so richtig über die Lippen kommt, dann liegt das häufig daran, dass wir damit sozialisiert sind, so tun zu müssen, als wären wir alle gleich, damit wir einander als gleichwertig behandeln können. Daran sind mehrere Aspekte schräg.
    „Alle Menschen sind gleich“
    … deckt sich nicht mit der Wirklichkeit: es gibt faktisch KEINE soziale Gleichheit
    … ignoriert die Lebensrealität Brauner/Schwarzer Menschen, zu deren Alltag es gehört, aufs Brot geschmiert zu bekommen, dass sie eben nicht als gleich betrachtet werden. „Für mich sind alle Menschen gleich“ sagt Braunen/Schwarzen Menschen: „Ich interessiere mich nicht für deine Lebensrealität.“
    … widerspricht auch der Realität der Wahrnehmung Weißer Menschen: Viele, von denen ich die Behauptung höre, dass für sie alle Menschen gleich seien, fanden gleichzeitig, dass es doch total okay sei, Braune/Schwarze Menschen nach der Herkunft zu fragen.
    … widerspricht auch dem Erleben Deiner Weißen Kinder, die natürlich sehen, dass Menschen, die unterschiedliche Hautfarben haben, nicht gleich behandelt werden. Die Message für sie hinter „Alle Menschen sind gleich“ lautet: „Wir reden nicht über Unterschiede.“ So werden Unterschiede zu einem ungemütlichen Tabu-Thema.
    Die Lösung kann jedoch nicht sein, dass wir nun so tun, als gäbe es keine Unterschiede oder Unterschiede tabuisieren. Die tatsächliche Lösung ist mal wieder ein bisschen komplizierter. Der Unterschied zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe ist eigentlich natürlich ein höchstens relativer Unterschied – die soziale Ungleichheit die mit Hautfarbe verbunden ist, macht sie aber zu einem echten Unterschied, so dass es auch unterschiedliche Berücksichtigungen erfordert, diese Ungleichheit auszugleichen. Wenn wir im Unterricht zum Beispiel darauf bestehen, dass alle Schüler*innen gleich behandelt werden sollen, bleibt die Schülerin mit Lernschwäche auf der Strecke – sie braucht z.B. mehr Zeit bei Prüfungen als die Kinder ohne Lernschwäche, um bei dieser Prüfung, die ja nicht für Kinder mit ihrer Lernschwäche konzipiert wurde, überhaupt eine gerechte Chance zu haben. Marginalisierte (=an den Rand gedrängte) Menschen brauchen einen Ausgleich für ungerechte Verhältnisse – und gleichzeitig brauchen sie, dass sie als gleichwürdige und gleichwertige Menschen betrachtet und behandelt werden. Es ist okay und normal, wenn Dir auffällt, dass eine Person Braun/Schwarz ist. Es ist nicht okay, deshalb ihre Zugehörigkeit zu Deutschland in Zweifel zu stellen, ihr deshalb aus dem Weg zu gehen oder Annahmen über sie zu treffen. Es ist okay und normal, wenn Dir auffällt, dass ein Mensch im Rollstuhl sitzt, es ist nicht okay, ihm deshalb ungefragt zu „helfen“. Und es ist wichtig, dass die Unterschiede nicht im Fokus unseres Blickes bleiben: Im Gespräch mit Deinen Kindern zum Beispiel ist es wichtig, dass Ihr auch immer wieder die Gemeinsamkeiten feststellt.
  5. die Bereitschaft, Deine Meinung als irrelevant anzuerkennen:
    This is a tough one. Aber ich habe ja gesagt, das hier wird unkomfortabel. Und tatsächlich muss die Veränderung so tiefgreifend sein, dass wir auch unsere bisherige Gesprächs- und Diskussionskultur kritisch in Frage stellen müssen. Und zwar deshalb: Rassismus und jede andere Form von Diskriminierung ist unterm Strich vor allem eine Schmerzerfahrung. Noch einmal, denn das ist wirklich essentiell: Jeder Rassismus ist eine Schmerzerfahrung – das wird von vielen Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind, ja gar nicht so wahr- und ernst genommen. Viele Weiße Menschen nehmen es einfach nicht als Schmerzthema ernst, wenn Braune und Schwarze Menschen kritisieren, dass bei Buntstiften, Unterwäsche oder Pflastern ausschließlich ein helles beige als „Hautfarbe“ gilt, oder wenn sie kritisieren, mit Schokolade, Kaffee oder Cappuccino verglichen zu werden, oder wenn sie nicht nach ihrer vermeintlichen Herkunft gefragt werden wollen. Und wenn Du selbst es nicht als schmerzhaft empfindest, im Urlaub auf dem Machu Picchu oder am Bondi Beach nach Deiner Herkunft gefragt zu werden, dann liegt es daran, dass es schlicht nicht rassistisch ist, eine herumreisende Weiße Person nach der Herkunft zu fragen. Und wenn Du eine Braune/Schwarze Person kennst, die es nicht schmerzhaft findet, nach der Herkunft gefragt zu werden, identifiziert sie sich vielleicht gar nicht damit, von hier zu sein und deshalb empfindet sie es nicht als rassistisch. Oder sie findet es schmerzhaft und rassistisch, ist aber zu harmoniebedürftig, um so ein kompliziertes und konfliktbeladenes Thema aufzumachen. Rassismus = Schmerz. In den genannten Beispielen ist es etwa der Schmerz darüber, dass herkömmliche „hautfarbene“ Buntstifte meinen Hautton oder den meiner Kinder nicht genug Wert beimessen, um repräsentiert zu werden – wir werden unsichtbar, nicht-darstellbar gemacht. Oder dass der Vergleich mit Nahrungsmitteln mich verdinglicht und unangenehm exotisiert. Oder dass die Frage nach der Herkunft einer nicht herumreisenden Braunen/Schwarzen Person, die in Deutschland ihr Zuhause hat, die Zugehörigkeit zu Deutschland in Frage stellt. Und wenn Menschen Schmerz erfahren und auf ihren Schmerz aufmerksam machen, dann brauchen diese Menschen Interesse, Empathie und Unterstützung. Was sie NICHT brauchen, ist die Meinung anderer Leute darüber, ob dieser Schmerz überhaupt real, ob er angebracht, ob er nicht vielleicht übertrieben sei („Das ist doch nicht so schlimm!“ oder „Siehst Du das nicht etwas zu emotional?“). Was auch nicht hilft, sind Diskussionen darüber, ob diejenigen, die diesen Schmerz verursachen, es böse gemeint haben oder nicht, und auch keine Maßregelungen dazu, wie genau sie diesen Schmerz ausdrücken sollen, damit man sie ernst nimmt und bereit ist, ihnen zuzuhören oder beizustehen. Was wir dringend brauchen, ist ein neuer gesamtgesellschaftlicher Konsens darüber, dass es alleine die Betroffenen von Diskriminierung sein sollten, die definieren, was sie trifft und ihnen das Leben schwer macht. Männer müssen aufhören, Frauen reinzuquatschen, was diese sexistisch finden dürfen, und Weiße Menschen müssen aufhören, Braunen/Schwarzen Menschen reinzuquatschen, was diese rassistisch finden dürfen. Wenn diskriminierte Menschen auf ihren Schmerz aufmerksam machen, dann ist es die Aufgabe der nicht-betroffenen Menschen, zuzuhören und ernstzunehmen, denn sonst bleibt die Diskriminierung bestehen.
    Lesetipp: Warum ich die Frage „Woher kommen Sie?“ nicht mehr beantworten werde (Artikel von mir)
  6. die Bereitschaft, Dich mit Intersektionalität zu beschäftigen:
    Ohne Intersektionalität bringt das alles nix. Intersektionalität bezeichnet die Überschneidung von verschiedenen Diskriminierungen und auch Privilegien, die auch aufeinander wirken können. Zum Beispiel: Eine Braune, heterosexuelle, dicke, erwachsene trans Frau mit Studienabschluss ist von Rassismus, Sexismus, Transfeindlichkeit und Fatshaming (= die Diskriminierung von dicken Menschen) betroffen, und gleichzeitig ist sie privilegiert hinsichtlich Homosexuellenfeindlichkeit, Klassismus (= die Diskriminierung von sozial/wirtschaftlich benachteiligten oder nicht-akademischen Menschen), Adultismus (der Diskriminierung von Kindern/Jugendlichen aufgrund ihres Alters) und Ableismus (der Diskriminierung von Menschen mit Behinderung). Außerdem können sich ihr Studienabschluss und ein ggf. gut bezahlter Job abmildernd auf ihre rassistischen Erfahrungen auswirken, ihr Transsein kann sich relativierend auf ihre Heterosexuellen-Privilegien auswirken, während sich ihre weibliche Geschlechtszugehörigkeit auf jeden Fall verstärkend auf ihre fatshamende Erfahrung auswirkt. Erfahrungsgemäß ist das Thema Privilegien für viele Menschen ein nur schwer verdaulicher Brocken, und gleichzeitig ist das ein wirklich sehr wichtiger Punkt. Wenn wir in Bezug auf Diskriminierung davon sprechen, dass wir in einigen Hinsichten privilegiert sind, dann heißt das nicht, dass wir uns das so ausgesucht haben, oder dass es uns supergut geht, oder dass wir es nicht auch wirklich schwer im Leben haben können, und schon gar nicht, dass es unsere Schuld ist, diese Privilegien zu haben. Es bedeutet einfach, dass uns einige zum Teil drastische Schwierigkeiten erspart bleiben, und zwar nicht, weil wir selbst ungerecht wären, sondern weil die Verhältnisse in der Gesellschaft ungerecht sind. Und für diese ungerechten Verhältnisse brauchen wir Begriffe, um sie zu benennen – denn erst dann können sie sichtbar gemacht und verändert werden: Es ist ein Privileg, in ein Geschäft gehen oder in den Zug steigen zu können oder Pipi zu müssen, ohne sich Gedanken über die Barrierefreiheit machen zu müssen (Ableismus). Es ist ein Privileg, Urlaub in Brandenburg machen zu können, ohne Sorge zu haben, dass man wegen Rassismus angefeindet werden könnte. Es ist ein Privileg, wenn man weniger Zukunftssorgen haben muss, weil man ein Erbe erwarten kann (Klassismus). Es ist ein Privileg, wenn man mit der*m Partner*in in der Öffentlichkeit Händchen halten kann, ohne angestarrt oder sogar angefeindet zu werden (Homosexuellenfeindlichkeit). Das besondere an Privilegien ist, dass sie unsichtbar sind. Ich merke meine Privilegien nicht: Eine Stufe vor dem Eingang eines Geschäfts nehme ich in der Regel gar nicht wahr. Für Menschen im Rollstuhl ist diese eine Stufe jedoch ein echtes Problem. Wenn ich als Frau meinen Mann öffentlich küsse, kriege ich nicht mit, dass ich das tun kann, ohne Aufsehen zu erregen. Das Sichtbarmachen, das Bewusstmachen von Privilegien bedeutet für mich, mich für die Ungerechtigkeiten und Hürden dieser Gesellschaft zu interessieren, und mir klar zu machen, dass Dinge sehr wohl ein Problem sein können, auch wenn sie für mich selbst kein Problem darstellen. Für mich bedeutet Intersektionalität unterm Strich das große Ganze im Blick zu behalten. Für mich ist mein Einsatz gegen Rassismus, und auch zum Beispiel mein Veganismus mein Beitrag dafür, dass die Welt gerechter und friedvoller wird. Sie wird aber gar nicht besser, wenn ich andere Diskriminierungen nicht mitdenke. In einer (unrealistische) Gesellschaft, in der wir den Rassismus überwunden hätten, die bspw. aber noch klassistisch strukturiert wäre, würde sich die Ungerechtigkeit nur verlagert haben, wir hätten aber nicht Ungerechtigkeit an sich überwunden. Ein Engagement für Veganismus und Tierrechte, das sexistische Argumente benutzt, bedient sich einer gewaltvoller Strategien, und auch das wäre letztlich eine Verlagerung von Gewalt und Dominanz. Genauso wie eine herrschaftskritische Position, die nicht berücksichtigt, dass Tiere zu essen ohne Gewalt und Herrschaft nicht möglich ist, aus meiner Sicht keine vollständige Herrschaftskritik darstellt.

Rassismuskritische Kindererziehung

Erst mal vielleicht eine zentrale Frage: Ab wann sollte ich mit meinem Kind über Rassismus sprechen? Das hat Anna auf ihrem Instagram-Account hervorragend auf den Punkt gebracht:

Bei rassismuskritischer Kindererziehung müssen wir einen Spagat hinbekommen, bei dem es einerseits darum geht, möglichst dafür zu sorgen, dass unsere Kinder mit den vielen Stereotypen, mit denen wir alle sozialisiert wurden, gar nicht erst sozialisiert werden, und andererseits müssen sie diese Stereotypen kennen, damit sie lernen, diese zu erkennen und kritisch zu hinterfragen. Keine leichte Aufgabe! Hier sind einige Ideen, diese verantwortungsvolle Herausforderung anzugehen:

1. Diversität in Eurem Lebensumfeld

Studien haben herausgefunden, dass sich Babys schon ab dem Alter von sechs bis neun Monaten lieber an Menschen mit der gleichen Hautfarbe wie der eigenen/der ihrer Eltern orientieren – und zwar nicht, weil sie durch Menschen anderer Hautfarben schlechte Erfahrung gemacht hätten, sondern weil sie die Begegnung mit ihnen nicht gewöhnt sind! Wenn Dein Freundes- und Bekanntenkreis also recht homogen Weiß ist, dann macht das etwas mit der Wahrnehmung Deines Kindes. Und auch mit Deiner! Und es ist ja auch total klar: Nur was wir kaum kennen, kann auf uns fremd oder exotisch wirken. Wie können wir das angehen? Die Antwort ist tricky, denn: Kein Mensch, der einer marginalisierten Gruppe zugeschrieben wird, hat Bock, Dein*e Token-Freund*in zu sein, damit Du ein Häkchen auf der Diversity-To-Do-List machen kannst. Wenn in Deinem Freund*innenkreis kaum oder keine Braune/Schwarze Menschen auftauchen, und Du das gerne ändern würdest, dann wäre ein wichtiger erster Schritt, in Dir selbst nach den mehr oder minder subtilen Stellen zu forschen, die bisher dazu geführt haben, dass Du Dich in der Mensa nicht zu Braunen/Schwarzen Student*innen, dass Du Dich auf Spielplätzen nicht in die Nähe der Mama mit Kopftuch gesetzt, dass Du Dich nicht mit den Eltern des Braunen/Schwarzen Kindes in Eurer Kita angefreundet hast oder wie es kommt, dass Du Dich für eine Kita entschieden hast, in der es keine oder kaum Braune/Schwarze Eltern gibt. Und Du kannst weitergucken: Wie viele der Ärzt*innen, Physiotherapeut*innen, Friseur*innen, Babysitter*innen, Nachhilfelehrer*innen die Du für Dich und Deine Kinder auswählst, sind Braun/Schwarz? In was für einer Gegend wohnst Du – wie divers ist Deine Nachbar*innenschaft? Wenn Du Deine Nachbar*innen aussuchen könntest – wie viele Asylbewerber*innen würdest Du wohl auswählen? Wie viele Autor*innen der Bücher, die Du selbst liest, sind Braun/Schwarz? Deinen Bekanntenkreis diverser zu gestalten, bedeutet nicht, dass Du jetzt losgehst, Braune/Schwarze Menschen ansprichst und versuchst, Dich mit ihnen anzufreunden – sondern erst einmal damit AUFHÖRST, Dich NICHT mit Braunen/Schwarzen Menschen anzufreunden. Klingt kompliziert. Ist es auch durchaus. Dieses Thema braucht enorm viel Sensibilität und Selbstreflexion.

Als erste praktische Maßnahme könntest Du Dir die Timeline Deiner Social Media-Profile angucken: Wie oft siehst Du da Inhalte über Braune/Schwarze Menschen? Und vor allem: Wie oft siehst Du da Inhalte VON Braunen/Schwarzen Menschen? Wie vielen Muslim*innen folgst Du auf Instagram/Facebook/Twitter? Dich per Social Media-Profile zu informieren hat den Vorteil, dass dieser Lernprozess in kleinen Häppchen zu Dir kommt und somit ein kontinuierlicher Prozess bleibt – und auch aktuelle Diskurse abbildet. Hier verlinke ich Dir hier einige Vorschläge. Und wenn Podcasts Dein Ding sind, kannst mal in Neles umfangreiche Auflistung von Podcasts mit Schwarzen, Braunen, muslimischen, jüdischen Hosts reingucken.

Außerdem kannst Du Dich in Deiner Stadt nach neuen Sport-, Musik- und Freizeitangeboten für Euch umsehen: Straßenfeste und Spielplätze in Gegenden wo viele Braune/Schwarze Menschen leben, Kulturveranstaltungen in Moscheen (dafür muss man nicht religiös sein – schließlich feiern auch viele Nicht-Christ*innen Weihnachten) und internationale Kulturzentren. Und/oder geh mit Deinem Kind in Museen und Ausstellungen, die die Geschichte und Lebensrealitäten nicht-deutscher Volksgruppen (oder auch innerdeutscher Volksgruppen: Schon mal von Sorb*innen gehört?) zeigen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie sehr damals der Schulausflug auf die Expo 2000 in Hannover meinen Horizont erweitert hat. Wichtig ist dabei natürlich, einen kritischen, neutralen Blick zu behalten. Das bedeutet zum Beispiel in Museen mit Deinem Kind zu besprechen, dass viele der Ausstellungsobjekte aus ehemals kolonisierten Ländern schlicht gestohlen sind. Egal ob Museum, Moschee oder „multikulturelles“ Straßenfest: Sei bitte sehr achtsam auf die Stellen in Dir, die diese neue Erfahrung als exotisches Spektakel begaffen, und kultiviere stattdessen eine interessierte Haltung der respektvollen Augenhöhe.

Achtung, Stolperfalle: Wenn Du vielleicht bereits Braune/Schwarze Freund*innen oder Bekannte hast, oder offen für Schwarze/Braune Menschen bist, bedeutet das nicht, dass Du deshalb nicht rassistisch sein kannst. Einige der schmerzhaftesten rassistischen Erlebnisse hatte ich im Freund*innen- und Bekanntenkreis – von Menschen, die sich links und anti-rassistisch verorten (aber eben kein rassismuskritisches Wissen besaßen). Eigentlich ist es dann sogar noch wichtiger, sich rassismuskritisch fit zu machen, denn es liegt Dir ja sicherlich am Herzen, dass Du ein sicherer und rassismusarmer Umgang für Deine Braunen/Schwarzen Freund*innen bist, oder?
→ Rosa-mag.de: Rassismus in Freundschaften

2. Achtsames, rassismuskritisches Verhalten vorleben

„Wir brauchen unsere Kinder nicht zu erziehen. Sie machen uns sowieso alles nach.“ (Karl Valentin)
Kinder bekommen sehr genau mit, wie wir uns im Alltag verhalten: Wenn wir ablehnend über eine bestimmte Schule/Kita sprechen, weil dort der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund sehr hoch ist; wenn wir uns im Bus lieber auf die freien Plätze bei der Weißen Seniorin setzen statt auf die freien Plätze beim jungen Braunen Mann; wenn sich bestimmte Menschen zu uns setzen und wir unsere Tasche enger zu uns nehmen; wenn wir Kriminalität in Zusammenhang einer vermeintlich ausländischen Herkunft bringen; wenn wir nicht einverstanden sind mit dem Moscheebau in unserer Nähe; wenn wir Menschen mit Akzent nachäffen und denken das sei lustig; wenn wir abfällig kommentieren, dass einige Menschen mit der Hand essen – oder auch gar nichts sagen und „nur“ angewidert gucken; wenn wir Gewohnheiten, Traditionen, Rituale als „seltsam“ und ein ein bisschen befremdlich empfinden oder sogar so bezeichnen, nur weil sie von den eigenen abweichen, dann fügt sich das alles als Informations-Puzzleteile in das Weltbild unserer Kinder ein. Wir brauchen nicht mal abfällig über Frauen mit Kopftuch sprechen – es sendet unseren Kindern auch Signale, wie wir sie ansehen oder wie sich unser Ton verändert, wenn wir mit ihnen sprechen, oder es eben auch vermeiden mit ihnen zu sprechen. Kinder haben sehr feine Antennen, und sie spüren Dein Unbehagen, Deine Abschätzung, Deine Verunsicherung oder auch Deine Angst. Es ist wichtig, dass Du diese Stellen an Dir bemerkst, sie als Vorurteile identifizierst und Deine eigene Haltung veränderst.
Dazu gehört zentral, Sprache diskriminierungssensibel zu gestalten, damit man nicht im Alltag unwissentlich und unwillentlich Rassismus reproduziert.
Lesetipps:
→ Antidiskriminierungsbüro u.a.: Leitfaden für einen rassismuskritischen Sprachgebrauch
→ Leidmedien.de: Begriffe über Behinderung von A bis Z
→ Vielfalt Mediathek: Glossar zur geschlechtlicher und sexueller Vielfalt

Dazu gehört außerdem, dass wir unsere Kinder keine rassistischen Bemerkungen von Bekannten oder Familienangehörigen hören lassen, ohne dass wir diese kritisch kommentieren. Wir können uns direkt an die*den Sprecher*in wenden: „Mir war gar nicht klar, dass Du solche Vorurteile über Sinti*ze und Romn*ja hast.“ Das muss auch in diesem Moment nicht weiter ausgeführt oder diskutiert werden – wichtig ist einfach, dass Du eine solche Äußerung markierst, es ist wichtig, dass die rassistische Bemerkung sich für Dein Kind nicht als eine normale, salonfähige Äußerung darstellt. Alternativ kannst Dich direkt an Dein Kind wenden, und sagen: „Die Menschen wollen Sinti*ze und Rom*nja genannt werden, das Z-Wort finden sie ziemlich beleidigend. Und das, was XY über sie gesagt hat, ist einfach ein Vorurteil.“ Auch wenn ich finde, dass anti-rassistisches Engagement nicht im Verwandten- und Bekanntenkreis aufhören sollte, sehe ich, dass es Situationen und Verhältnisse geben kann, in denen es ratsam ist, einen hässlichen Konflikt (Menschen reagieren erfahrungsgemäß nicht sehr entzückt, wenn man ihre rassistischen Bemerkungen als rassistisch oder auch nur vorurteilsbehaftet bezeichnet) nicht in Anwesenheit des Kindes zu riskieren, und so kann es manchmal auch eine Option sein, im Nachhinein zu sagen: „Ist Dir aufgefallen, was XY da vorhin gesagt hat? Das fand ich ja nicht okay, weil…“.

Und auch ein wichtiges Thema – Kinderbücher: Viele Kinderbuchklassiker, aber auch aktuelle Kinderliteratur beinhalten jede Menge Rassismus. Vielleicht kennst Du meinen Artikel: Rassismus, Sexismus & Stereotype in Kinderbüchern. Was ich meinem Kind nicht vorlese – wenn nicht, möchte ich ihn Dir ans Herz legen, denn auch die Inhalte der Kinderbücher und anderer Medien sind Puzzleteile, die das Weltbild unserer Kinder prägen. Auf Instagram habe ich kürzlich den Hashtag #wasichnichtvorlese initiiert, unter dem ich über diskriminierende Textstellen in Kinderbüchern poste. Ein kritisches Bewusstsein und ein sensibilisierender Umgang dafür, um solche Dinge für unsere Kinder in einen gesellschaftlichen Zusammenhang zu stellen, halte ich für essentiell. Weiter unten findest Du außerdem einige Kinderbücher, die im Kontext von Rassismus empfehlenswert sind.

3. Rassismus in Kita und Schule

Dieses Thema kann man nicht ernst genug nehmen. Kinder verbringen einen großen und enorm prägenden Teil ihres Lebens in diesen Einrichtungen, und auch für ihre Eltern ist es wichtig, dass sie darauf vertrauen können, mit diesem Thema gut aufgehoben zu sein. Leider ist das nur selten der Fall. Kürzlich hat Aileen Puhlmann unter anderem bei der ZEIT über die Rassismuserfahrung ihres Schwarzen Kindes öffentlich gemacht hat – und zwar ausgerechnet in einer Kita im vermeintlich antirassistischen und linken Hamburger St. Pauli-Viertel (Lesetipp: Doch, auch Kinder können rassistisch handeln). Auch in Schulen machen Kinder und Jugendliche zum Teil massive Rassismuserfahrung – ausgehend von anderen Schüler*innen und auch Lehrer*innen (Lesetipp: Das sind eure Erfahrungen mit Rassismus an Schulen)

4. Über Rassismus und Diskriminierung sprechen

Silence is Violence – vielleicht hast Du diesen Slogan auf einigen der anti-rassistischen Demos in letzter Zeit gesehen: Schweigen ist Gewalt. Nicht über Rassismus zu sprechen, bedeutet nicht Neutralität, sondern es begünstigt Rassismus. Und wenn wir mit unseren Kindern nicht über Rassismus sprechen, dann wachsen sie genau wie wir auf: ohne rassismuskritisches Wissen. Die folgenden Anregungen sind aufbauend zu verstehen – d.h. wenn Dein Kind schon 12 ist, lies Dir bitte auch die Abschnitte zu den jüngeren Kindern durch.

Kindern bis 3 Jahren können mit dem Thema Rassismus nichts anfangen. Sie sind jedoch nicht „farbenblind“ und registrieren Zusammenhänge und lernen Assoziationen, wie sie ihnen vorgelebt werden. Von ihren Eltern brauchen Kinder in diesem Alter eine vorurteilsbewusste, offene und auf echtem rassismuskritischem Wissen basierende Haltung und eine diverse Umgebung.

Kinder von 4 bis 6 Jahren haben bereits einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, und das ist auch ein guter Ansatz, Grundzüge von Rassismus zu erklären, denn es macht ja nun wirklich keinen Sinn, warum Menschen nur aufgrund ihres Hauttons oder ihrer (vermeintlichen) Herkunft unfair oder auch nur anders behandelt werden sollten. Dabei finde ich es wichtig, nicht vage oder allgemein zu bleiben: „Hm, also ich wäre ja ganz schön traurig wenn ich nicht mitspielen dürfte, weil mir echt wichtig ist, dass ich fair behandelt werde. Ich wette, Deiner Freundin ging es damit ganz schön schlecht. Weißt Du, dafür gibt es ein Wort, das nennt man Rassismus, und das ist nie okay. Außerdem stimmt es doch gar nicht, dass es keine Braunen Prinzessinnen gibt, wollen wir mal googeln?“ Rassistische Ungerechtigkeit sollten wir als solche benennen. Kinder in diesem Alter dürfen dieses Wort lernen!
Spätestens in diesem Alter solltest Du Dich gut informieren, wie diskriminierungssensible Sprache aussehen kann, damit sie in Eurem Haushalt die Normalität darstellt.

Kinder von 7 bis 9 sind in der Lage komplexere Dimensionen von Rassismus zu verstehen; das Tempo und die Details müssen natürlich auf das jeweilige Kind abgestimmt werden. Allerdings kann es in diesem Alter schon gut sein, dass sie auch von Mitschüler*innen oder aus dem Internet ungefilterter davon erfahren: Die Gründe für Flucht; der Umstand, dass es Länder und Menschen gibt, die Geflüchtete nicht aufnehmen wollen; Vermieter*innen, die ihre Wohnung nur an Weiße vergeben; Rassismus im Fußball (wenn sich Dein Kind dafür interessiert); der Umstand, dass für Braune/Schwarze Familien Urlaub an der Ostsee oder der Mecklenburgischen Seenplatte nicht unbedingt eine sichere Angelegenheit ist sind, Racial Profiling durch Polizist*innen, Ladendetektiv*innen und Türsteher*innen sind Themen, die Rassismus für Kinder dieses Alters verständlicher machen können. Und wenn wir mit ihnen über rassistische Gewalt in den USA sprechen, dann müssen sie auch von der in Deutschland erfahren, damit sie nicht in die Falle tappen, die weit verbreitet ist: rassistische Gewalt woanders zu verorten, aber nicht hier. Du kannst auch schon damit anfangen, Dein Kind für Stereotype zu sensibilisieren: „Das macht doch irgendwie keinen Sinn – wieso sollten die Inselbewohner*innen denn Pippis Vater anbeten und ihn zum König machen, die hatten doch schon bestimmt einen König oder eine Königin. Da haben die doch bestimmt besseres zu tun…“ oder: „Ey, jetzt steht hier ja schon wieder, dass Schmutz auf der Haut so ist als hätte man Braune Haut! Das liest man so oft, so als wären Schwarze/Braune Menschen schmutzig… Das finde ich nicht ok, das ist rassistisch.“
In diesem Alter kannst Du mit ihnen gemeinsam auch Videos gucken, wie zum Beispiel dieses dreieinhalbminütige Video von der Bundeszentrale für politische Bildung. Von der Kindernachrichtensendung Logo (primär für Kinder zwischen 8 und 12) gibt es dieses kurze Video über Rassismus, und dieses über Rechtsextremismus. Leider gibt es dazu im deutschen Sprachraum nicht so viel Material.
Mega wichtig bleibt bei all dem natürlich, dass wir behutsam vorgehen. Im Kontext von rassistischer Gewalt ist es ratsam, auch immer wieder davon zu erzählen, dass Menschen sich dagegen engagiert haben – Braune und Schwarze als Betroffene, und auch Weiße Menschen als ihre Unterstützer*innen. Aufstände, wie der von den Herero und Nama zeugen von mutigem Widerstand. Und auch unter Deutschen gab es Widerstand gegen Kolonisation, gegen den Nationalsozialismus, gegen Rechtsextremismus.

Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren: Wenn Deine Kinder in diesem Alter sind, und Du selbst Dich erst jetzt auf die Reise machst, rassismuskritisch denken zu lernen, dann gibt es auch einiges an rassistischen Anteilen bei Deinen Kindern, die es zu identifizieren und dekonstruieren gilt. Das ist kein schöner Gedanke – aber ich kann Dir versichern: Dafür konnten bisher weder Du noch Dein Kind etwas. Und das wichtigste ist, dass Ihr Euch jetzt auf den Weg macht. Nimm Dein Kind einfach mit auf die Reise! Und sei auch transparent mit Deinem Lernprozess: „Ich hatte mir darüber irgendwie noch nie Gedanken gemacht, weil ich ja selbst mit sowas aufgewachsen bin, aber ich lese da gerade ein Buch über Rassismus… und wenn ich jetzt einen Blick in Deine Donald-Duck-Comics über Afrika werfe, sehe ich Dinge, die sind mir vorher irgendwie nie aufgefallen…!“ Und gerade weil Medien eine so wichtige Rolle in unserer Sozialisation spielen, ist ein wichtiges Lernfeld bei Kindern in diesem Alter, sie für Stereotype zu sensibilisieren: „Willst Du das mal mit mir angucken? Ich kenne mich da selbst noch gar nicht so gut aus, aber vielleicht können wir mal hinterfragen, wie da Afrikaner*innen dargestellt werden, und wie sich das wohl anfühlen mag für Menschen mit einem afrikanischen Hintergrund. Wenn ich so überlege, kommt es mir eigentlich nur plausibel vor, dass mich diese einseitigen Darstellungen in meinem Bild von Afrika geprägt haben…“. Ihr könnt auch gemeinsam weiterforschen: Wie viele Braune/Schwarze Figuren kommen in Euren Büchern, Hörspielen oder Serien überhaupt vor? Wer spricht mit Akzent und welche Rolle hat die Figur inne? Und ist das überhaupt ein echter Akzent oder macht den jemand künstlich? Es gibt doch jede Menge Menschen, die einen echten Akzent haben – warum werden die eigentlich nicht für solche Sprecher*innenrollen engagiert? Wer sind Schlauen oder die „Guten“? Und es geht auch weiter: Wer hat das Buch geschrieben, die Sendung produziert? Wenn ein Schweizer ein Buch über Indianer*innen schreibt (wie bei Yakari der Fall), kann er überhaupt Ahnung von der realen Lebenswelt haben? Wie fühlt es sich wohl an für Ersteinwohner*innen der USA, überall auf der Welt falsch dargestellt zu werden? Und ist es eigentlich fair, dass dieser Schweizer einen Haufen Geld damit macht und die Erstbewohner*innen leer ausgehen? Und wie sieht es eigentlich mit der Werbung aus? Wieso sieht man eigentlich so oft in der Werbung Schwarze Menschen, aber so selten in Talkshows?
Außerdem ist es wichtig, dass sie darüber Bescheid wissen, dass rassistische und/oder rechtsextreme Gewalt auch in ganz Deutschland ein reales, präsentes und aktuelles Problem ist: die Brandanschläge in Solingen und Mölln und die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda in den 90ern, die NSU-Morde in den Nuller Jahren, der Mord an Maria El-Sherbini im Jahr 2009 in einem Dresdner Gerichtssaal, die Ausschreitungen in Chemnitz 2018, der Anschlag in Halle 2019 und der in Hanau 2020. Dabei können wir auch anfangen, mit ihnen gemeinsam deutsche Geschichte beleuchten, zu der nicht nur die Verfolgung von Jüd*innen und Sinti*ze/Rom*nja gehört (z.B. wenn wir auf der Straße Stolpersteine sehen), sondern auch kolonialistischer Völkermord wie an den Herero und Nama. Und je besser Du Dich mit dem Thema auskennst, desto häufiger werden Dir Gesprächsanlässe auffallen: Ein Kind aus der Klasse Deines Kindes hat Visa-Schwierigkeiten bei der geplanten Klassenfahrt ins Ausland? Sprich mit Deinem Kind über die Privilegien, die mit dem deutschen Pass verbunden sind – und wie willkürlich und unfair das eigentlich ist. Und a apropos Privilegien: Ab so etwa 13, 14 Jahren kannst Du mal die Power-Flower mit Deinem Kind ausmalen (jede*r eine eigene), die sichtbar macht, wie unterschiedlich wir eigentlich aufgestellt sind, und was so die Kategorien für Privilegien sind.

Altersübergreifend gilt:

  • Bei Gesprächen egal welchen Alters ist es wichtig, einen hoffnungsvollen Abschluss zu finden. Rassismus hat eine lange, tief verwurzelte Tradition in der Menschheitsgeschichte – und das gleiche gilt auch für Widerstand und Protest dagegen, für Helfer*innen, für Überleben, für Resilienz und Solidarität. Schwarze/Braune Menschen haben sich ihrer Unterdrückung schon immer entgegengestellt, und es gab auch schon immer Weiße Menschen, die sie dabei unterstützen wollten – bis heute. Und Ihr könnt auch mitmachen! Auch gemeinsam auf antirassistische Demos zu gehen, kann für Dein Kind hoffnungsvoll und empowernd (im Sinn von: Ich kann etwas bewirken!) sein. Hannah hat hier einen Demo Guide für Eltern zusammengestellt.
    → Initiative Perspektivwechsel e.V.: Materialien zum Thema Widerstand gegen kolonialen Rassismus (Schwerpunkt Kamerun)

Als ich ein Junge war und beängstigende Dinge in den Nachrichten sah, sagte meine Mutter zu mir: ‚Halt Ausschau nach den Helfer*innen. Du wirst immer Menschen finden, die helfen!‘

Fred Rogers
  • Ich halte für essentiell, dass wir in Gesprächen über Rassismus keine Aufteilung zwischen den „bösen Rassist*innen“ und den „guten Nicht-Rassist*innen“ konstruieren, sondern vermitteln, dass jede*r Einzelne*r von uns leider manchmal rassistische Dinge sagt oder denkt. Es ist einfach so, dass auch Menschen, die wir mögen und respektieren, manchmal Dinge tun, mit denen wir nicht einverstanden sind. Das auf dem Schirm zu haben, ist eine viel realitätsgetreuere Abbildung von natürlicher menschlicher Ambivalenz und Komplexität: Menschen sind nicht nur gut oder nur böse. Und das trifft auch auf uns selbst zu. Wir machen manchmal Dinge, für die wir uns später schämen – aber wir können dazulernen und es besser machen.
    Lesetipp: Über die Dämonisierung von Rassismus – und warum wir damit aufhören müssen (Artikel von mir)
  • Scham und Tabuisierung vermitteln Deinem Kind, dass mit einem Thema irgendwas nicht in Ordnung ist. Kinder sagen manchmal Dinge wie: „Guck mal, die ist ganz dunkel!“ oder auch „Warum sitzt der im Rollstuhl?“ oder „Warum bist Du so dick, Mama?“ (das kleine Herzliebchen gestern zu mir). Wenn wir dann irgendwie verdruckst oder auch panisch reagieren oder sogar sowas sagen wie: „Das sagt man nicht!“ oder „Guck da nicht hin!“, dann senden wir unserem Kind ein Signal der Peinlichkeit und es gewinnt den Eindruck, dass es vielleicht nicht so ganz in Ordnung ist, im Rollstuhl zu sitzen oder dick zu sein, weil man ja anscheinend so tun soll, als wäre es nicht so. Es ist nicht immer leicht, schlagfertig zu reagieren, aber es ist wichtig, zu üben, in solchen Situationen gelassen zu bleiben, und bestimmte Unterschiede zwischen Menschen einfach als gegebene Tatsache zu behandeln, statt sie als eine derart erhebliche Peinlichkeit zu stigmatisieren, dass wir nicht mal darüber reden: „Ja, so unterschiedlichen sind wir in manchen Hinsichten. Und das ist okay so.“
    Lesetipps:
    → Raul Krauthausen: 10 Dinge, die alle Eltern ihren Kindern über Behinderungen beibringen sollten
    → Rebecca Mankos: „Guck mal, so eine kleine Frau!“ – warum ich Kindern nicht immer meine Behinderung erklären mag und wie Eltern damit umgehen können
  • Dazu finde ich einen Punkt enorm wichtig: Ich persönlich finde, dass es kein Recht auf die Befriedigung von Neugierde gibt. Das bedeutet nicht, dass ich Neugierde verurteile – Neugierde ist natürlich und erst recht bei Kindern ein wichtiger Motor für Entwicklung und Wachstum. Wenn sich jedoch die Neugierde auf bestimmte Menschen bezieht, ist gleichzeitig Sensibilität und Respekt für persönliche Grenzen wichtig. Bei vielen marginalisierten Menschen ist die an sie herangetragene Neugierde von erwachsenen und jungen Menschen eine echte Belastung im Alltag, weil sie exotisiert, weil sie othert (vom Englischen „other“ = jemanden zu etwas „Anderem“ machen), und weil diese immer gleichen Fragen schlicht nerven. Dahinter steckt nämlich eine für viele Betroffene unangenehme Gedankenkette: „So ist das doch normalerweise gar nicht. Warum bist Du trotzdem so? Warum bist Du unnormal?“. Für mich ist es ein Erziehungsziel, meinen Kindern zu vermitteln, dass sie das „Anderssein“ von Menschen auch aushalten können, ohne einen Grund dafür zu erfahren. Essentiell finde ich nämlich dabei, diese Wahrnehmung von „Anderssein“ an sich in Frage zu stellen. Du oder Dein Kind wundert Euch, warum eine Braune Person perfekt Deutsch spricht? Das ist doch ein hervorragender Anlass, um die Annahme „Braune Menschen sprechen doch normalerweise gar kein perfektes Deutsch“ kritisch zu hinterfragen – und die Braune Person damit zu verschonen. Du fragst Dich, woher die Braune Person die Dir gegenübersitzt kommt? Ein hervorragender Anlass, um die Annahme „Also von hier kann sie ja schon mal nicht sein.“ in Frage zu stellen, und sich die Frage echt mal zu verkneifen. Ihr fragt Euch, ob eine Person, die Ihr gerade kennen gelernt habt, eine Frau oder ein Mann ist? Höchste Zeit, um die Annahme „Ein Mensch muss doch entweder ein Mann oder eine Frau sein“ kritisch zu hinterfragen. Auf dem Spielplatz ist ein älteres Kind das sabbert oder ungewohnte Laute macht? Gewöhnt Euch ab, so etwas als „seltsam“ zu bezeichnen, und registriert, was es ist: ungewohnt (sich das Wort „seltsam“ als Beschreibung abzugewöhnen ist auch in vielen anderen Hinsichten eine gute Entscheidung), und vermittelt Eurem Kind diese Unterscheidung, denn in dieser kleinen Unterscheidung liegt der Fokus dann nicht mehr auf dem vermeintlichen Anderssein des Gegenübers, sondern auf Deiner Annahme und Wahrnehmung dieser Person.
  • Einordnung gewalttätiger anti-rassistischer Proteste: Ich finde wichtig, dass man sich nicht erlaubt, ein Urteil darüber zu fällen, wie unterdrückte Menschen auf ihre Unterdrückung reagieren. Und ich finde wichtig, dass man Kindern auch hier vermittelt, wie komplex und kompliziert das alles ist: „Wenn Menschen auf ihre Unterdrückung hinweisen und nicht ernst genommen werden und immer weiter unterdrückt werden – dann ist das einfach ungeheuerlich frustrierend! Es ist tragisch, aber einige Menschen erleben es so, dass sie mit friedvollem Protest einfach nicht in ihrem Schmerz und ihrem Zorn über diese Ungerechtigkeit gesehen werden. Ich kann das verstehen, weil ich glaube, dass sich das unendlich hilflos anfühlen muss, denn es ist ja auch klar, dass man Unterdrückung nicht einfach hinnehmen will. Ich wünschte, es gäbe immer friedvolle Wege, und gleichzeitig kann ich sehen, dass friedvolle Wege nicht immer zur Verfügung stehen.“

5. Gemeinsam mit dem Kind lernen

Der vielleicht wichtigste Punkt ist, dem Kind vorzuleben, dass Diskriminierungssensibiliiserung ein Lernprozess bleibt. Unsere Kinder müssen uns beim Lernen und vor allem beim Lernenwollen zusehen können. Wenn Dich jemand darauf aufmerksam macht, etwas Rassistisches gesagt zu haben, oder etwas gesagt zu haben, das Rassismus begünstigt, und Du das empört von Dir weist, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass Du Dich selbst als jemanden betrachtest, die*der schon fertig gelernt hat. Das ist ein Selbstbild, das unter vielen Menschen, die sich für anti-rassistisch halten, verbreitet ist, aber in Wirklichkeit eben genau Rassismus begünstigt. Du kannst Dir selbst und Deinem Kind sagen: „Manchmal ertappt man sich dabei, Vorurteile oder ähnliches über über Menschen zu haben – das passiert allen. Es ist dann einfach wichtig, sich zu erinnern: Die Hautfarbe/die (vermeintliche) Herkunft tut nichts zur Sache!“

6. Diversität im Kinderzimmer

Mein vierjähriger Sohn sagte vor einigen Tagen: „Jungs haben doch gar keine Gefühle!“ Das ist wirklich außerordentlich verblüffend, denn er ist der Sohn einer Mama, die besonders viel Wert darauf legt, dass alle Gefühle sein dürfen, und die sich wirklich viel Mühe gibt, alle Gefühle zu validieren. Gefühls-Literacy ist echt voll mein Thema. Mein Sohn darf weinen und wütend so lange er will, wird immer aufgefangen und gehalten in allem, was emotional gerade bei ihm los ist (und da ist sehr viel los…). Und wenn mir das mal nicht gelingt weil ich überfordert war, dann entschuldige ich mich dafür. Und: Er geht nicht mal in die Kita. D.h. er hat das hier irgendwo aufgeschnappt, in Sendungen, in Hörspielen, vielleicht bei uns im Hof mit den anderen Kindern. Das hat mir noch mal deutlich gemacht, was für ein massives Gewicht gängige Narrative haben, diese mehr oder weniger subtilen Nachrichten an unsere Kinder über Glaubenssätze, die eben noch lange nicht so überholt sind, wie wir manchmal denken, wie z.B. „Jungs haben keine Gefühle.“ Zack! Und dann kann man sich ja leicht vorstellen, wie prägend auch andere noch viel subtilere Narrative wie Weiße Vorherrschaft für unsere Kinder sind: Wenn Eure Puppen und Spielfiguren (fast) ausschließlich Weiß sind, oder die Charaktere in den Kinderbüchern und Filmen/TV-Sendungen, die Dein Kind sich anguckt (fast) ausschließlich Weiß sind, dann gibt es dringenden Handlungsbedarf. Trotzdem habe ich diesen Punkt nicht an den Anfang gesetzt. Es ist vergleichsweise einfach, für Diversität im Kinderzimmer zu sorgen, man kann schnell online gehen und ein paar Bücher und Spielsachen bestellen. Und gleichzeitig wäre dies halbwegs sinnlos, wenn man nicht gleichzeitig die zwingend notwendige Arbeit der Reflexion und Wissensaneignung leistet, die ich schon beschrieben habe.

  • Bei der Fachstelle vor vorurteilsbewusste Bildung findest Du eine Liste mit Spielmaterialien für die Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung als Hilfestellung und Anregung.
  • Playmobil bietet zunehmend Braune/Schwarze Figuren in Sets an. Erfreulich, aber meines Erachtens zu wenige, deshalb habe ich im Playmobil-Shop einzelne Braune/Schwarze/Asiatische Figuren nachbestellt. Obacht: Es gibt da auch einige stereotype Figuren, wie die von „I*dianern“ und vermeintlichen „ägyptischen“ Figuren.
  • Ähnlich sieht es bei Lego Duplo aus. Es gibt das (recht hochpreisige) „Community People Set„, und man kann z.B. bei Ebay oder Ebay-Kleinanzeigen auch einzelne Braune/Schwarze Figuren finden.
  • Tebalou.shop oder Diversity-Spielzeug.de sind Online-Shops die sich darauf spezialisiert haben, Vielfalt abbildende Bücher, Spielsachen und -materialien und ähnliches anzubieten. Unbedingt mal durchstöbern (und dann auch da bestellen bitte, auch wenn für Bücher Versandkosten anfallen. Ich betrachte die Versandkosten als mein Service-Beitrag dafür, dass ich mit der diversen Zusammenstellung ein Spezialangebot zur Verfügung gestellt bekomme, das es woanders nicht gibt).
  • Hauttöne-Stifte: Es geht nicht, dass ein Farbton, der sich irgendwo zwischen einem hellen beige und lachsfarben bewegt, die Bezeichnung „hautfarben“ gepachtet hat. Wenn wir über „hautfarben“ sprechen, dann muss die Frage folgen: „Welche?“ Für Zuhause und auch die Kita bedeutet das, dass der Buntstifte-Bestand dringend um nuancierte Hautfarben aufgestockt werden muss. Das ist durchaus tricky, denn nicht alle Hauttöne-Sets die es zu kaufen oder zu bestellen gibt, sind empfehlenswert (vor allem die Stifte mit dem unsäglichen Slogan „So bunt ist Deutschland“ halte ich für völlig unkaufbar). Aber diese hier sind vergleichsweise okay: Lyra Farb-Riese Skin Tones*, Giotto Skin Tones*, Staedtler People of the World.
  • Diversität und Rassismusthematisierung in Kinderbüchern
    Wir werden nicht verhindern können, dass unsere Kinder mit sehr vielen Büchern und Medien in Kontakt kommen, in denen Braune/Schwarze Menschen stereotypisiert werden oder eben gar nicht erst vorkommen – wie gesagt, das gängige Narrativ hat massives Gewicht. Ein Gegengift dafür, dass dies unsere Kinder maßgeblich in ihrem Weltbild prägt, ist, für Ausgleich zu sorgen, indem wir unseren Kindern viele Vielfalt abbildende Bücher zur Verfügung stellen. Im Folgenden liste ich einige Bücher für Kinder von 2 – Ü13 vor, die entweder Rassismus thematisieren, oder einfach ihren antirassistischen Beitrag dadurch leisten, indem Braune/Schwarze Figuren vorkommen, und zwar ohne, dass sie stereotypisiert dargestellt, und ohne, dass ihre Anwesenheit exotisierend herausgestellt wird – sie dürfen einfach selbstverständlich und unkommentiert da sein.

Rettet die Erde!
von Patrick George
Was können wir tun, um dem Klimawandel entgegenzuwirken? Patrick George hat da einige Ideen, die er cool umgesetzt hat. Wie schon in seinem Tierbefreiungsbuch „Lass mich frei!“ (hier zu meiner Rezension) arbeitet er hier mit Folienseiten: Zu der Idee „Lass das Auto stehen!“ sieht man erst mal zwei Menschen in einem Auto sitzen, aber wenn man die mit dem Auto bedruckte Folienseite umblättert, bleiben da zwei Menschen auf einem Fahrrad!
Verlag sagt: ab 3. Ich sage: 2 – 4 Jahre.
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Ich bin anders als du – Ich bin wie du
von Constanze von Kitzing
Wir haben auch „Ich mag“ und „Ich bin jetzt“ von der Autorin, und nun ist auch dieses Wendepappbilderbuch zu uns gekommen. Und es funktioniert so: Wenn man auf der einen Seite anfängt, stellen jeweils zwei Kinder ihre Unterschiede fest – und wenn man das Buch umdreht und von hinten liest, stellen jeweils zwei Kinder ihre Gemeinsamkeiten fest. Und diese Unterschiede und Gemeinsamkeiten beziehen sich nicht etwa auf den Hautton, das Geschlecht, das Alter oder die körperlichen Fähigkeiten, sondern solche Dinge wie individuelle Vorlieben. Zurecht ein Bestseller!
Verlag sagt: 3 – 7 Jahre. Ich sage: eher so 2 – 5 Jahre.
Link zu Buch 7 | Link zu Amazon

Morgens bei uns!
von Kim Crocket Corson & Jelena Brezovec
Ein wunderschön illustriertes Buch über zuckersüß ambitionierte Selbstständigkeitsbemühungen der jungen Protagonistin. Ich lese zwei Wörter anders vor als sie im Buch stehen: „Hafermilch“ statt „Milch“, und „weinen“ statt „heulen“.
Verlag sagt: 3 – 6 Jahren. Ich sage: ob das Sechsjährige noch spannend finden..?
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Nelly und die Berlinchen – Die Schatzsuche
von Karin Beese & Mathilde Rousseau
Der zweite Band der Großstadt-Abenteurerinnen ist da! Süße Reime, eine Rätselschnitzeljagd, und ganz viele nicht-normative Familienfotos am Schluss.
Verlag sagt: 3 – 7. Ich sage: Mein Vierjähriger hat die Rätsel noch nicht selbst lösen können, ein bisschen schade für ihn, aber er mag es trotzdem sehr gerne.
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Was du nicht alles kannst!
von Davina Bell & Allison Colpoys
Kinder stoßen einfach andauernd an die Grenzen ihres Könnens und ihres Dürfens – und dieses Buch lenkt den Blick auf das Gegenteil! Ein süßes, empowerndes Buch, mit jeder Menge Brauner/Schwarzer Kinder.
Verlag sagt: 3 – 10 Jahre. Ich sage: Na na, für Kinder über 6 Jahren ist das nix mehr.
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Licht an! Babys und Tierkinder
von Charlotte Roederer
Es gibt viele Gründe, dieses Buch zu mögen: Es sind Menschen mit ganz unterschiedlichen Hauttönen zu sehen, außerdem unter anderem eine stillende Mama, ein babytragender Papa und eine Familie mit unterschiedlichen Hauttönen. Es gibt allerdings eine Darstellung einer südasiatisch aussehenden Mama, bei der ich nicht sicher bin, ob sie stereotyp ist. Ich verstehe die Illustration so, dass gezeigt werden soll, dass überall auf der Erde, unter Menschen und Tieren, einige Eltern ihre Kinder tragen, kann aber nicht so gut beurteilen, ob das gelungen ist. Und es ist arg heteronormativ („Ein Mann und eine Frau können zusammen ein Kind bekommen. Sie werden dann Eltern.“ – während in Wirklichkeit natürlich alle möglichen Menschen miteinander Eltern sein können). Noch eine Besonderheit: Einige Seiten sind bedruckte, dunkle Folie, die man mit einer (Papp-)“Taschenlampe“ an“leuchten“ kann, so dass die Bilder auf der Folie sichtbar werden. Außerdem finde ich es veganfreundlich, weil hier die Entstehung von menschlichen und tierischen Babys gezeigt wird – inklusive der Entwicklung von Küken in Eiern.
Verlag sagt: ab 3 Jahren. Ich sage: Jau.
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Kalle und Elsa
von Jenny Westin Verona & Jesús Verona
Das ist der erste von mittlerweile drei Bänden der besten Freund*innen Kalle und Elsa und ihren Phantasie-Abenteuern. Von Kalle, den ich als Schwarz lese, kennt man bisher nur die Weiße Mama, und das ist ganz cool: Ich lese immer wieder von Verlagen oder TV-Macher*innen, dass es eine Geschichte nur kompliziert machen, indem es Erklärungen erfordern würde, wenn z.B. ein Schwarzes Kind ein Weißes Elternteil hat – aber dieses Buch zeigt, dass das ganz hervorragend geht und überhaupt keine Erklärung benötigt! Gefreut habe ich mich auch über Elsas Mama in Band 2, die beim Strandausflug nämlich ganz normal als nicht-dünne Frau im Badeanzug gezeigt wird, und auch Elsas Papa in Band 3, der im Hintergrund mit einem Wäschekorb durch den Flur läuft. Wir mögen die entzückenden phantasievollen Abenteuer der beiden super gern!
Verlag sagt: ab 3 bis 6 Jahren. Ich: auch
Kalle und Elsa (Band 1): Link zu Buch7 | Link zu Amazon
Kalle und Elsa – Ein Sommerabenteuer (Band 2): Link zu Buch7 | Link zu Amazon
Kalle und Elsa lieben die Nacht (Band 3): Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Bleibt der jetzt für immer?
von Lauren Child
Elmore Green war bisher ein sehr glückliches Einzelkind – aber die Eltern mussten ja unbedingt ein zweites Kind bekommen… Ein entzückendes Buch, das die häufig unterschätzte Herausforderung thematisiert, die die Geburt eines Geschwisterkindes für das Erstgeborene bedeutet. Eine Stelle, die ich etwas kritisch finde, ist eine wichtige Erinnerung für Eltern: Da wird Elmore nämlich gesagt, er sollte nicht böse auf sein Geschwisterchen sein, weil es doch so klein sei – obwohl es an Elmores Jelly Beans geleckt hat! Da braucht Elmore natürlich Empathie, keine Belehrung darüber, wie er sich fühlen soll – kein Wunder, dass Elmore ganz schön angepisst ist. Cool ist noch an dem Buch, dass die gesamte Familie Schwarz ist, das findet man recht selten.
Verlag sagt: ab 3 – 6 Jahren. Ich: stimme zu.
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Erklär mir, was Sterne sind
von Katie Daynes & Marta Alvarez Miguens
Super niedliches Sachbuch mit ganz vielen Klappen und Infos über unsere Sterne. Bis zu diesem Buch wusste ich ja ehrlich gesagt gar nicht, dass unsere Sonne ein Stern ist… Unschön ist, dass es eine Angel-Szene gibt. Schön ist, dass Astronaut*innen vorkommen, und auch ein asiatisch aussehendes Mädchen, was ja doch recht selten passiert.
Verlag sagt: 3 – 6 Jahre. Ich sag: Ja!
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Julian ist eine Meerjungfrau
von Jessica Love
Ein hinreißendes, verträumtes und empowerndes Buch über Individualität und bedingungslose Liebe. Herzensempfehlung!
Verlag sagt: ab 4 Jahren. Ich sage: 3 geht auch.
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Meine Freundin Erde
von Patricia McLachlan & Francesca Sanna
Ein wunderschönes, poetisches Buch, das mit wenigen Worten auskommt – mit außergewöhnlichen Seitenschnitten, die eine dynamische Landschaft ergeben.
Verlag sagt: 4 – 6 Jahren. Ich sage: ab 3 geht auch.
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Geh weg, Herr Berg!
von Francesca Sanna
Die Illustratorin von „Meine Freundin Erde“ hat auch ein eigenes, und zwar richtig tolles Kinderbuch herausgebracht: Lily stört der Berg vor ihrem Fenster – und sie lässt nicht locker – allen Widerständen zum Trotz besteht sie auf ihrem Wunsch, dass der Berg endlich aus dem Weg gehen möge. Ich bin tief gerührt von dem herzergreifenden Thema der Vergeblichkeit (manchmal wollen wir etwas SO SEHR – und wir können es einfach nicht haben…), und vom wunderbaren Eigensinn dieses Kindes. Es geht darum, sich selbst treu zu bleiben und den eigenen Weg zu finden – und um eine ungewöhnliche Freundschaft. Herzensempfehlung!
Verlag sagt: 4 bis 6 Jahre. Ich: schließe mich an.
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Gefühle – So geht es mir!
von Felicity Brooks, Frankie Allen und Mar Ferrero
Oh, eins meiner Lieblingsthemen! Und zwar auch deshalb, weil wir ja in der Regel alle nicht so richtig Ahnung von Gefühlen haben. Auch Kinderbücher zu dem Thema sind nicht immer eine Hilfe, weil letztlich in einem Sammelsurium von Pseudogefühlen und Bewertungen/Kategorisierungen mit tatsächlichen Gefühlen vermischt werden. Aber dieses Buch hier ist definitiv eine Empfehlung wert: eine herzige Navigationshilfe durch die ja schon echt komplizierte Welt der Gefühle – inklusive verschiedener Möglichkeiten, mit Gefühlen umzugehen und ihnen Ausdruck zu verleihen. Hier können auch Eltern ihren Gefühlswortschatz erweitern! Leider fehlt die Scham komplett, damit will man nicht mal in einem Gefühle-Buch zu tun haben…! Da muss ich das Buch mal bei Gelegenheit pimpen. Da leider alle Kinder europäische Namen haben, habe ich einige übrigens umbenannt, und so heißen beim Vorlesen nun einige Akbar, Huda, Ashok, Saman, Arash und Özlem. Herzensempfehlung!
Verlag sagt: 4 – 6 Jahre. Ich sage: Dreijährige können auch schon etwas damit anfangen.
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Anne Frank: Little People, Big Dreams
von María Isabel Sánchez Vegara
In der Reihe „Little People, Big Dreams“ werden Menschen vorgestellt, die unter widrigen Umständen ihre Träume wahrgemacht haben. Nun sind die Umstände in diesem Fall besonders widrig, und das Happy End (das für Kinder ja notwendig ist) kann sich hier nur so darstellen, dass sich Annes inniger Wunsch, Schriftstellerin zu werden, erfüllt hat, indem später ihr Tagebuch weltweit veröffentlicht wurde. Das KZ, in dem sie starb, wird hier als „schrecklichster Ort der Welt“ beschrieben, weitere Details werden nicht genannt. Ich empfinde es als eher bedrückendes Buch – gleichzeitig finde ich es wichtig, über deutsche rassistische Geschichte zu sprechen, wenn wir über us-amerikanische rassistische Geschichte sprechen, und ich denke, es ist gut gelungen, dieses dunkle Kapitel kindgerecht anzugehen. Übrigens: Ist Dir eigentlich klar, dass Anne Frank im gleichen Jahr geboren wurde wie Martin Luther King oder auch Bud Spencer? Anne Frank hätte letzten Monat 91 Jahre alt werden können, das ist kein unrealistisches Alter. Das ist alles echt nicht so lange her, wie es einem so vorkommt.
Verlag sagt: 4 – 10 Jahre. Ich sage: 5 – 8 Jahre
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Maya Angelou: Little People, Big Dreams
von Lisbeth Kaiser & Leire Salaberria
Maya Angelou ist eine beeindruckende Persönlichkeit – mit einem außergewöhnlichen Werdegang. Es gibt verschiedene Stellen, die das Buch inhaltlich sehr besonders machen: „Sie war acht, da verging sich Mamas Freund an ihr.“ – ein kindgerechter Anlass, darüber zu sprechen, dass es manchmal passiert, dass Erwachsene Kinder auf eine Weise anfassen, die nicht okay ist. Oder: „Schwarze Menschen wurden damals ungerecht behandelt. Und als Mädchen hatte es Maya doppelt schwer.“ – ein kindgerechter Anlass über strukturellen Sexismus und Rassismus und eben über Intersektionalität zu sprechen. Was mir nicht sooo gut gefällt, ist die Stelle, in der steht, Maya habe als Dozentin ihre Student*innen dazu ermutigt, dass diese alles werden könnten, was sie wollen. Ich finde es zutreffender und empowernder Menschen dazu zu ermutigen, dass alles, was sie werden und erreichen, genug ist. Trotzdem kriegt das Buch natürlich eine 1+ von mir. Über Maya Angelou gibt es übrigens eine enorm empfehlenswerte Doku auf Netflix!
Verlag sagt: 4 – 10 Jahre. Ich sage: 5 – 8 Jahre
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Rosa Parks: Little People, Big Dreams
von Lisbeth Kaiser & Marta Antelo
Von den hier vorgestellten drei Büchern aus der Reihe „Little People, Big Dreams“ gefällt mir dieses am besten, weil es sehr kindgerecht und ausführlich den Kampf gegen Rassismus (und Segregation) in den USA der 50er-60er Jahren beschreibt. Rosa Parks ist die mutige Frau, die sich eines Tages weigerte, ihren Platz im Bus für einen Weißen Mann freizumachen – obwohl es das Gesetz damals so vorschrieb. Rosa Parks wurde verhaftet, was zu Protesten der Schwarzen Bürger*innenrechtsbewegung führte – bis das Gesetz ein Jahr später abgeschafft wurde! Empowernd, ermutigend, informativ und für Kinder ein wunderbares, greifbares Happy End!
Ich bin schon auf die deutsche Übersetzungen der Bände über Martin Luther King, Harriet Tubman (der Film „Harriet“ kommt für Erwachsene bald in die Kinos!) und Gandhi aus dieser Reihe gespannt!
Verlag sagt: 4 – 10 Jahre. Ich sage: 5 – 8 Jahre
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Als wir allein waren
von David A. Robertson & Julie Flett
Dieses Buch ist ein besonderer Schatz, denn es gibt kaum empfehlenswerte deutschsprachige Kinderbücher über indigene Menschen. Der Autor David A. Robertson ist selbst Angehöriger der Cree, eine der First Nations im heutigen Kanada. Das ist übrigens auch ein ganz guter Indikator, wenn man sich nicht sicher ist, wie ein Buch zu bewerten ist: Wer spricht? Ein Buch über Indigene das von Weißen geschrieben wurde legt die Befürchtung nahe, dass man sich auf viel exotisierende Romantisierung und schlicht falsche Darstellungen von indigenen Volksgruppen gefasst machen muss. Nicht so in diesem Fall: Eine Großmutter erzählt ihrem Enkelkind, dass sie in ihrer Kindheit nicht ihre bunte Kleidung, nicht ihr langes Haar tragen, nicht die Sprache ihres Volkes sprechen, nicht mit ihrer Familie zusammen sein durfte. Dahinter steckt die reale, barbarische und transgenerational traumatische Praxis der Residential Schools. Kinder der First Nations und anderer indigenen Volksgruppen wurden ihren Eltern weggenommen und in Internate geschickt mit dem Ziel ihre kulturelle Identität auszumerzen, und in denen so schlimme Zustände herrschten, dass viele Tausend Kinder starben (auch in den USA und in Australien war dieser Umgang mit den Erstbewohner*innen Usus). Hier wird auf fast poetische Weise gezeigt, wie man so etwas kindgerecht erzählen kann – und es ist auch eine Geschichte über Resilienz, über Widerstand, übers Überleben und über Heilung. Herzensempfehlung!
Verlag sagt: ab 5 Jahren. Ich sage: Ja.
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Raus an die frische Luft! Das Buch für kleine Entdecker
von Catherine Ard & Carla McRae
Du wohnst in der Stadt und bist ein bisschen ideenlos, wie Du Dein Kind mehr für die Natur begeistern könntest? Dann sind die vielen Tipps und Vorschläge aus diesem Buch was vielleicht was für Euch. Super finde ich, dass die Rezepte für heiße Kartoffeln, Stockbrot und Vogel-Futterzapfen vegan oder leicht veganisierbar sind.
Verlag sagt: 5 – 7 Jahren. Ich: Kann man mit vier schon anfangen.
Link zu Buch7 | Link zu Amazon
Vom Usborne-Verlag gibt es auch ein Buch mit dem Titel „Raus in die Natur! Mein Outdoor-Entdeckterbuch“ für Kinder von 9 – 11. Ich hatte noch keine Gelegenheit, reinzugucken, habe mit Büchern vom Usborne-Verlag bisher aber gute Erfahrung gemacht: Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Hier spielt die Musik. Das Orchester und seine Instrumente
von Avalon Nuovo & David Doran
Jede Menge Diversität unter den hier gezeigten Musiker*innen, und auch die vorgestellten Komponist*innen sind nicht nur die üblichen Weißen männlichen Verdächtigen aus der Zeit, in der man weiße, gelockte Perücken trug. Ein Buch für Menschen mit einer Affinität für dieses Thema, weil es schon durchaus in die Tiefe geht.
Verlag sagt: 6 – 8 Jahre. Ich sage: 6 – 10 Jahre.
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Der Bus von Rosa Parks
von Fabrizio Silei & Maurizio Quarello
Die Illustrationen in „Rosa Parks: Little People, Big Dreams“, das ich etwas weiter oben vorgestellt habe, sind eher etwas für jüngere Kinder – für ältere Kinder ist dieses hier eine Option. Das Buch ist nicht perfekt – z.B. wird der Begriff „F*rbige“ verwendet, womit viele Schwarze/Braune Menschen nicht einverstanden sind (mich eingeschlossen), da er eine Fremdbezeichnung darstellt. Trotzdem ist es für Eltern und Lehrer*innen ein wichtiges Buch.
Verlag sagt: ab 8 Jahren. Ich sage: für sensible Achtjährige eher nix, da an einer Stelle ein brutaler Angriff auf einen Schwarzen von einigen Ku-Klux-Klan-Mitgliedern beschrieben wird – inklusive der Illustration der gruseligen weißen KKK-Kapuzen.
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Redaktion Wadenbeißer. Superviele Krimi-Comics
von Ina Rometsch und Bernhard Speh
Cooler Krimi-Rätselspaß zum Kombinieren und Mitermitteln, der auch Kinder zum Lesen animiert, die ihre Näschen nicht sooo gerne in Bücher stecken. Da es ganz schön viele Bände gibt, hat man da eine Weile was von.
Verlag sagt: ab 8 – 10 Jahren. Ich sage: Mein Zehnjähriger macht keine Anstalten, die Bücher in absehbarer Zeit langweilig zu finden. Bis 12 geht locker.
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Hexen hexen: Der Comic
von Roald Dahl & Pénélope Bagieu
Der Kinderbuchklassiker als Comic mit einer Braunen Hauptfigur! Mega cool! Mein Zehnjähriger hat es verschlungen.
Verlag sagt: nix. Ich sage: ab 8 Jahren
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

100 Kinder
von Christoph Drösser & Nora Coenenberg
Wenn die Verhältnisse der Welt auf 100 Kinder verteilt würden, wie viele Kinder würden Deutsch sprechen? Wie viele hätten Zugang zu Internet, zu Bildung? Wie viele würden Micky Maus kennen und wie viele mit Lego spielen? Wie viele wären auf der Flucht und wie viele lebten im Krieg? Das ist so ein tolles Buch, um Kindern verständlich zu vermitteln, wie Ressourcen verteilt sind, wie wenig selbstverständlich unsere Lebensumstände in Deutschland so sind – und im Grunde schlicht: wie wenig wir hier eigentlich der Nabel der Welt sind. Herzensempfehlung!
Verlag sagt: 8 – 10 Jahre. Ich sage: Geht easy für deutlich ältere Kinder.
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Das Wort, das Bauchschmerzen macht
von Nancy J. Della
Die Schwarzen Zwillinge Lukas und Lennard werden beim Vorlesen in der Schule plötzlich mit dem Wort, das Bauchschmerzen macht, konfrontiert. Ich finde, keine politische Argumentation bringt so gut rüber, wie schmerzhaft das N-Wort ist, wie die Beschreibung aus der kindlichen Sicht. Super finde ich auch den Prozess, während dem die Familie gemeinsam nach Lösungen für diesen Konflikt sucht, und natürlich auch letztlich fündig wird. Coolerweise ist die fiktive Grundschule in der Geschichte auch noch nach Emma Goldman benannt – googeln und unseren Töchtern von starken Frauen der Geschichte erzählen! Interessant finde ich auch, wie die Autorin/der Verlag mit Korrekturen umgeht: Weil an einer Textstelle ein Kind „flapsigerweise“ das Verbrennen von Büchern mit schmerzhaften Inhalten vorschlägt, und die Verantwortlichen im Nachhinein fanden, dass man so eine Bemerkung nur dann stehen lassen sollte, wenn sie „adäquat eingeordnet“ wird, liegt dem Buch ein Aufkleber bei, den man über diese Seite kleben kann, und der den etwas unglücklichen Vorschlag zur Bücherverbrennung mit einer Zeichnung verbirgt. Ich denke, wenn mein jüngerer Sohn mal Interesse an Pippi-Langstrumpf-Büchern zeigen sollte, dann werde ich mit den Büchern ähnlich vorgehen.
Verlag sagt: ab 12. Ich sage: ab 10 geht safe
Link zu Buch7Link zu Amazon

Amy und die geheime Bibliothek
von Alan Gratz
Ich schaffe es einfach nicht mehr, alle Bücher vom Großen vorher zu checken/lesen, die werden ja immer dicker, und deshalb habe ich ihm das hier nur auf Empfehlung gekauft. Hier eine Rezension auf buuu.ch.
Verlag sagt: 9 – 11 Jahre
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Wie siehst du denn aus? Warum es normal nicht gibt
von Sonja Eismann
Wichtig finde ich an diesem Buch, dass es nicht isoliert dafür verantwortlich sein soll, unsere normative Bodyimage Kultur in Frage zu stellen. Wenn wir unserem Kind das Buch kaufen und dann aber über unsere eigene Figur ätzen (oder auch jemandem für abgenommene Kilos Komplimente machen) oder auch sonst unserer Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper frönen, jedes Härchen wegrasieren oder über die Monobraue von XY schmunzeln, dann bringt das natürlich nix. Aber wenn wir selbst einen achtsamen, fürsorglichen Umgang mit unserem eigenen Körper im Alltag zumindest üben, dann ist das hier eine tolle Ergänzung. Und es wird deutlich gemacht, dass das binäre Geschlechtermodell nicht die Realität abbildet. Vor diesem Buch kannte ich den Hashtag #sideprofileselfie noch gar nicht – ich muss echt unbedingt mal ein Bild von meiner Charakternase posten! Und dieses Buch leistet außerdem einen wichtigen Beitrag zur korrekten Benennung des weiblichen Geschlechtsorgans (das aber mitunter natürlich nicht nur Frauen haben). Sei ehrlich: Wusstest Du, dass die Vagina nur die Scheide selbst bezeichnet, und Du der Person also quasi zwischen Beine und Schamlippen gucken müsstest, um sie zu Gesicht zu bekommen, und das „Außen“ mit den Schamlippen „Vulva“ heißt? Das kriegt ja z.B. das Buch „Überall Popos“ nicht hin.
Verlag sagt: ab 10. Ich sage: Ab 8 geht es auch als Vorlesebuch, ist relativ viel Text.
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Das Buch vom Anti-Rassismus. 20 Lektionen m Rassismus zu verstehen und zu bekämpfen
von Tiffany Jewell & Aurélia Durand
Ich freue mich schon sehr auf diese neu erscheinende Übersetzung – über die englische Version habe ich schon viel Gutes gehört und die Vorschau sieht einfach SUPER aus! Rassismus aus intersektionaler Perspektive für junge Leute erklärt. Übungen sind auch dabei – ich glaube, als Lehrerin werde ich es auch einsetzen. Es erscheint Ende August 2020.
Verlag sagt: 10 – 17 Jahre. Ich sage: 10 kommt mir ambitioniert vor, unter Vorbehalt da durchaus nicht wenig Text und komplexes Thema, aber 17 stapelt zu tief, geht safe auch für Ältere.
Link zur Verlagsseite (Vorbestellung möglich)

Wie du mich siehst
von Tahereh Mafi
Dieses Buch erzählt die Geschichte von Shirin, einer muslimischen Teenagern, die aufgrund von Vorurteilen gegen ihr Koptuch im Alltag viel mit Rassismus zu kämpfen hat. Die Autorin ist selbst Muslimin, und einiges in diesem Roman hat autobiographische Bezüge. Interessant ist auch, dass die Folgen der Anschläge vom 11. September in diesem Buch eine Rolle spielen – viele Braune Menschen, auch in Deutschland, werden sich gut darin wiederfinden können, dass sich der Anschlag auf das World Trade Center auf ihr Leben ausgewirkt hat (mich eingeschlossen). Ich selbst habe das Buch nicht gelesen – auf buuu.ch, einer Seite für diverse Kinderbücher, findest Du eine Rezension.
Verlag sagt: ab 13 Jahren. Ich sage: nix.
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Serien:

In Zeiten von Streaming-Diensten ist es so einfach geworden, das Medienkonsumverhalten zu individualisieren, und dafür zu sorgen, dass für Dein Kind Vielfalt nur Normalität wird. Hier findest Du eine Liste von Serien/Filmen mit Braunen/Schwarzen Figuren. Bei Büchern ist es leichter, sensible und diverse Exemplare zu finden. Bei Serien muss man etwas suchen, vor allem Braune/Schwarze Hauptfiguren sind leider immer noch eher selten, man muss sich hier oft noch damit begnügen, dass sie immerhin vorkommen und nicht stereotypisiert dargestellt werden oder ihr Hautton exotisierend betont wird. Ich kenne nicht alle Serien/Filme in der folgenden Liste – Feedback, Einwände und Ergänzungen bitte gerne in die Kommentare schreiben!

  • Kiva kann’s!
    Mit viel Phantasie und einigen Bastelmaterialien erschafft Kiva Welten, in denen sie mit ihrem besten Freund und ihrem Hund viele Herausforderungen schafft. Ihre Nanna Praveena steht ihr liebevoll zur Seite.
    FSK: keine Angabe
    Kostenpflichtig und werbefrei bei Sky hier streamen | aktuelle Folge (wenn verfügbar) mit Werbeunterbrechungen bei Nickelodeon hier streamen
  • Nella, die Ritterprinzessin
    Nella ist eine Prinzessin, die sich in eine Ritterin mit Zauberkräften verwandeln kann!
    FSK: 0
    Kostenpflichtig und werbefrei bei Amazon hier streamen | aktuelle Folge (wenn verfügbar) kostenlos mit Werbeunterbrechungen bei Nickelodeon hier streamen
  • Magie in Motown
    „Das kreative Genie Ben erweckt die farbenfrohe Straßenkunst in seiner Stadt mit einem magischen Pinsel – und legendären Motown-Klängen – zum Leben.“
    FSK: 0
    Hier bei Netflix streamen
  • Doc McStuffins Spielzeugärztin
    Doc McStuffins kann ihre Spielzeugfreunde zum Leben erwecken und wenn sie sich verletzen oder etwas an ihnen kaputt geht, nimmt sie sie mit in ihre Praxis. Doc stellt eine Diagnose, dank derer sie ihre Freunde heilen und reparieren kann.
    FSK: 0
    Hier bei DisneyPlus oder hier bei Amazon streamen
  • Rusty Rivets ist ein Erfinder der mit seiner Schwarzen besten Freundin Ruby (links im Bild) und einem Roboterkumpel mit Erfindungen Probleme lösen und Abenteuer bestreiten. Eine befreundete Rangerin ist leider mit dem kolonialistischen Tropenhelm ausgestattet.
    FSK: 0
    Kostenpflichtig und werbefrei bei Amazon hier streamen | aktuelle Folge kostenlos mit Werbeunterbrechungen bei Nickelodeon hier streamen
  • Ben & Hollys kleines Königreich
    Süße Zeichentrickserie mit Feen und Elfen. Leider keine Braunen/Schwarzen Hauptfiguren, aber eine der seltenen Gelegenheiten immerhin im Hintergrund Braune/Schwarze Feen und Elfen überhaupt mal zu Gesicht zu bekommen.
    FSK: 0
    Hier bei YouTube streamen | Hier bei Netflix streamen
  • Odd Squad – Junge Agenten retten die Welt
    „In der Stadt geschehen seltsame Dinge. Die Agenten Olive, Otto und der Rest von Odd Squad setzen ihren Verstand und ihre Mathe-Fähigkeiten zur Lösung des Falls ein.“
    FSK: 0
    Hier bei Netflix streamen
  • Der Prinz der Drachen
    Starke Frauenfiguren, Braune Elfen, magische Abenteuer, Verschwörungen, jede Menge Action – Tipp für die ganze Familie!
    FSK: 6 – ich sage eher ab frühestens 8, eher 10. Komplexe, düstere, spannende Geschichte.
    Hier bei Netflix streamen
  • Carmen Sandiego
    „Carmen Sandiego ist eine Meisterdiebin, die für das Gute kämpft. Mit ihrem Team bereist sie im Kampf gegen die Internationale Liga der Verbrecher die ganze Welt.“ Tipp für die ganze Familie!
    FSK: 6
    Hier bei Netflix streamen
  • Spirit – wild und frei
    „In einer Kleinstadt im Wilden Westen baut das Stadtkind Lucky zu dem Wildpferd Spirit eine enge Bindung auf und erlebt Abenteuer mit ihren Freunden Pru und Abigail.“ Achtung, Speziesismus: Hier wird auf Pferden geritten.
    FSK: 6
    Hier bei Netflix streamen | Hier bei Toggo streamen
  • Jack, der Monsterschreck
    „Als seine Stadt von Zombies und Monstern angegriffen wird, tut sich ein 13-jähriger Waisenjunge im Kampf ums Überleben mit Freunden zusammen.“
    FSK: 6
    Hier bei Netflix streamen
  • Raising Dion
    „Eine verwitwete Mutter will das Rätsel um die wachsenden Superkräfte ihres kleinen Sohnes lösen. Doch sie muss seine einzigartige Gabe unbedingt unter Verschluss halten.“
    FSK: 6 – ist ziemlich gruselig, und eher ab 10 (wobei es noch viel zu gruselig für meinen Zehnjährigen war) oder 12 geeignet
    Hier bei Netflix streamen

Filme:

  • Vaiana
    „Viana, ein abenteuerlustiges Mädchen, bricht auf zu einer mutigen Mission, um ihr Volk zu retten. Unterwegs begegnet sie dem einst mächtigen Halbgott Maui. Gemeinsam überqueren sie das Meer auf einer Reise voller Spaß und Action.“
    FSK: 0 – einige Stellen sind aber schon arg spannend für Kleinkinder.
    Hier bei Disneyplus streamen
  • Küss den Frosch
    Hier bitte sehr: Prinzessinnen können sehr wohl Schwarz sein (und seit Meghan sogar im Real Life!).
    FSK: 0
    Hier bei Disneyplus streamen
  • Black Panther (Marvel Studios)
    „Als ein alter Feind seine Heimat Wakanda und die ganze Welt in Gefahr bringt, muss der junge König T’Challa die volle Kraft des Black Panther entfesseln, um sie zu retten.“
    FSK: 12, aber ab 10 geht eigentlich safe.
    Hier bei Disneyplus streamen

Weitere Ressourcen für Erwachsene und Jugendliche:

Ich sagte es ja schon: Wir können Antirassismus nicht an unsere Kinder weitergeben, wenn wir selbst kein rassismuskritisches Wissen haben. Und an dieser Stelle gäbe es so viele Tipps, auflisten könnte, aber sowas kann ja auch schnell erschlagen. Wenn Du also nur ein einziges Buch über Rassismus lesen möchtest, dann bitte ich Dich darum, zwei zu lesen, und zwar diese beiden:

Exit Racism. rassismuskritisch denken lernen.
von Tupoka Ogette
Die großartige Tupoka hat mit diesem knackigen Handbuch eine hürdenarme Einführung geschaffen – mit nur 130 Seiten ist es wirklich nebenbei lesbar, und was hier drin steht, ist rassismuskritisches Basiswissen. Pflichtlektüre! <3. Gibt’s auch als Hörbuchfassung bei Spotify und Apple Music.
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Wir müssen über Rassismus sprechen. Was es bedeutet, in unserer Gesellschaft Weiß zu sein
von Robin DiAngelo
Bitte alle mal jubilierend durchdrehen: Eines der WICHTIGSTEN Bücher über Rassismus kommt in den nächsten Tagen endlich in deutscher Übersetzung auf den Markt (Originaltitel: White Fragility: Why it’s so hard for white people to talk about racism)! Robin DiAngelos messerscharfe Analyse über die Rolle Weißer Menschen im Kontext von Rassismus und Rassismusdiskussionen nimmt keine Gefangenen. Für Weiße Menschen ist es ein essentieller Weckruf, für mich als Braune Frau war es eine erleichternde Validierung. In Diskussionen über Rassismus denke ich tatsächlich sehr oft an Robin DiAngelo und möchte von ihr in den Arm genommen werden.
Link zu Buch7 | Link zu Amazon

Hörbücher

(Den Audible-Probemonat mit zwei Hörbüchern gibt es übrigens gratis wenn man Amazon-Prime-Mitglied ist – das gilt auch für die einwöchige Probe-Amazon-Prime-Mitgliedschaft. Just saying.
Und all diese Bücher gibt es übrigens natürlich auch alle als analoge Bücher aus Papier.)

Deutschland schafft mich! Als ich erfuhr, dass ich doch kein Deutscher bin
von Michel Abdollahi
Mega wichtiges (Hör)Buch über die Entwicklung von Rassismus und Islamophobie in Deutschland aus migrantischer Sicht – auch aber nicht nur im Kontext der Geflüchtetenbewegungen. Der Autor beschreibt, wie seit Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ 2010 eine Verrohung des Diskurses stattfindet, und die Medien eine tragende und ihrer Verantwortung nicht gerecht werdende Rolle dabei spielen – verknüpft mit Abdollahis Biographie als eingebürgerter, muslimischer Deutscher mit Fluchtgeschichte, und allem, was das so für die „Integration“ (WARUM DAS NOCH KEIN UNWORT DES JAHRES WAR, WILL ICH WISSEN!!) und die verschiedenen „Parallelgesellschaften“, in die man von Klappbrillenträgern und co verortet wird, so mitbringt.
Gibt es bei Spotify/Apple Music

Was Weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten
von Alice Hasters
Der Titel kann irreführend sein, denn hier geht es nicht nur in den Erfahrungsberichten der Autorin, sondern auch sonst im Buch ausschließlich um Anti-Black-Rassismus. Mega wichtige Perspektive, die von der Autorin beeindruckend einfühlsam, geduldig und persönlich beschrieben wird, und auch inklusive der geschichtlichen Zusammenhänge. Zusammen mit Michel Abdollahis „Deutschland schafft mich“ bekommt man einen weiteren Blick, der auch noch mal deutlich macht, wie unterschiedlich Rassismus aussehen kann, denn als Schwarze Deutsche (die Autorin ist Kind einer Weißen deutschen Mutter und eines Schwarzen US-Amerikaners) ist das Set an Rassismuserfahrung noch mal völlig anders als das eines Kindes mit Migrationskontext. Kennt Ihr ähnliche Bücher die andere Rassismusformen beleuchten? Tipps gerne in die Kommentare!
Gibt es bei Spotify/Apple Music

Der lange Weg zur Freiheit
von Nelson Mandela
Unbedingt lohnende Autobiographie-Epos des ersten Schwarzen südafrikanischen Präsidenten. Ich kann mich noch gut an seine Gefängnisentlassung erinnern – was für eine Größe! Das dicke Buch stand sehr, sehr viele Jahre ungelesen in meinem Regal, bis ich die Hörfassung entdeckte, und innerhalb kürzester Zeit durchhörte. Mega spannend, mega interessant – und genau wie mit dem nächsten Hörbuch versteht man das Konzept Rassismus besser. Gehört echt in den allgemeinen Bildungskanon. Herzensempfehlung!
Link zu Audible

Born a crime. Stories from a South African childhood
von Trevor Noah
Comedy und so Late-Night-Kram sind echt nicht so mein Ding, aber bei Trevor Noah werde ich zum Fan-Girl. So witzig, so schlau! Und eben mega rassismuskritisch. In seiner Autobiographie geht es um sein Aufwachsen im von Apartheid geprägten Südafrika, in dem (deshalb der Titel) es Menschen wie ihn von Gesetz wegen eigentlich gar nicht geben durfte: ein Kind von einer Schwarzen Frau und einem Weißen Mann. Ein unglaublich witziger und kritischer und reflektierter und liebevoller Rückblick, gerade auch von Noah selbst gelesen ein Genuss und horizonterweiternd. Nur auf Englisch. Herzensempfehlung!
Link zu Audible

Why Are All The Black Kids Sitting together in the Cafeteria? And other conversations about race
von Beverly Daniel Tatum
Ein bewegendes und viele Aha-Momente verschaffendes Buch über die Psychologie von Rassismus, racial identity und über die mehr oder minder unsichtbaren Hürden zwischen Menschen unterschiedlicher race. Nur auf Englisch.
Link zu Audible

Wenn Du es bis hier hin geschafft hast: Hut ab! Und jetzt lass mal Seehofer ärgern und lauter kleine Antirassist*innen machen!

Alle Links zu Amazon und Buch7 sind Affiliate Links – d.h. wenn Du darüber etwas bestellst, bekomme ich ein kleines Provisiönchen, ohne dass sich für Dich etwas am Preis ändert. Buch7 ist übrigens ein sozialer Buchhandel, der einen gewissen Anteil vom Profit jeder Bestellung an gemeinnützige Zwecke spendet.

15 Kommentare
  1. Hab direkt „Als wir allein waren“ bestellt, das hatte ich überhaupt nicht am Schirm. Danke!

    • Ich bin gespannt wie Du es findest!

  2. Fantastisch beschrieben… Richtig gut… Finde kaum Worte… Buchempfehlungen und die Tipps….
    Alles richtig einfühlsam und auf den Punkt gebracht… Danke für diesen Artikel
    Simin

  3. Ich habe selten so einen guten und vor allem wichtigen Artikel gelesen. Und so hilfreich, dass ich am liebsten dutzende Screenshots machen würde!
    DANKE

  4. DANKE! Ich danke Dir so sehr! Das fasst so vieles nochmal so ausführlich und verständlich zusammen von dem was ich in den letzten Monaten gelesen, gehört und reflektiert habe. Deinen Artikel werde ich gerne teilen.

  5. Finde die Amazon Verlinkung zu den Büchern suboptimal. Da könnte man gleich den nächsten Blogbeitrag schreiben, warum das nicht cool ist.

    • Ich glaube, ich schreibe meinen nächsten Blogbeitrag über Whataboutism. Danke für den Impuls! 🤡

  6. Danke für diesen wichtigen und richtigen Artikel! Bei den Kinderbüchern muss ich definitiv noch nacharbeiten, denn spätestens in der Schule werden wohl auch meine Kinder den „Migrations Hintergrund“ – Stempel aufgedrückt bekommen.

    Eine Anmerkung habe ich : ältere Menschen gleich als Omi (wie hier geschehen) zu bezeichnen, ist etwas, was sich bei meinen Kindern nicht einschleichen soll. Ich habe es auch lange so gemacht (und muss mich fortlaufend dafür sensibilisieren), aber es ist respektlos. Diskriminierung von Älteren ist ja leider auch gang und gäbe und ich finde, das ist auch ein Punkt, an dem man sich hinterfragen sollte. Danke. 🙂

    • Danke für den Hinweis mit der „Omi“, da stimme ich Dir total zu. Ich werde das gleich ändern!

  7. Danke Sohra.
    Ich will soviel für meine Kinder, bemühe mich ständig um Diversity-Spielzeug,
    Diversity- Puppen, Diversity- Bücher, Diversity- Kindergarten. Dein Artikel hat mir gezeigt, dass Rassismus-Achtsamkeit bei mir, ihrer Mutter anfängt, dass ich mich immer wieder aufs Neue sensibilisieren und lernen muss.

Schreibe einen Kommentar