Huch, ein großer Verlag bringt ein Buch mit dem Titel „Tiere haben Rechte. Wir fordern Respekt!“ heraus?! Das muss ich mir doch mal angucken. Und… was soll ich sagen. Es ist kompliziert. Ich fange mal mit etwas Positivem an: Ich bin aufrichtig begeistert von der Gestaltung des Buches! Die Illustrationen von Ola Woldańska-Płocińska (in deren Portfolio irritierenderweise das Kinderbuch neben einem Fleisch-Alphabet-Poster aufgeführt ist) sind mega schön und weite Teile der Texte sind handgelettert. Das ist auch deshalb cool, weil es sich hier um eine Übersetzung handelt – oft ist im Original Handlettering zu finden, aber für die Übersetzung wird ein Font aus der Handschrift erstellt und benutzt. Nicht so hier, das wirkt einfach sorgfältig und liebevoll gemacht.

Was mir auch wirklich gut gefällt, ist die grundsätzliche Auswahl der Themen. Die Beziehung zwischen Mensch und Tier wird quasi im Wandel der Zeit von der Vorzeit an angeguckt, auch Aristoteles und Pythagoras (der ja als Vegetarier überliefert ist) kommen zu Wort; bis hin zu aktuellen Themen die kritisch betrachtet werden wie Massentierhaltung, die Belastung von sogenannten Haustieren durch Feuerwerk, Tierversuche, Tiere als Geschenke, Zirkus, bedrohte Tierarten oder auch die unterschiedliche Betrachtung bestimmter Spezies im kulturellen Kontext am Beispiel von Kühen in Indien. Interessant finde ich z.B. die Kanincheninvasion in Australien. Dort hat ein Engländer Mitte des 19. Jahrhunderts 24 Kaninchen eingeführt und freigelassen, um sie zu jagen, und aufgrund der kanincheneigenen auf Masse setzenden Vermehrungspolitik eine kontinentale Kaninchenplage ausgelöst, die das Ökosystem mächtig ins Wanken gebracht hat. Was mir da natürlich super bitter aufstößt, ist, dass von „geografischen Entdeckungen“ die Rede ist und die armen Kaninchen als Invasoren bezeichnet werden, denn natürlich wurde Australien nicht geografisch entdeckt, sondern das war eine kolonialistische Invasion durch Europäer*innen, die man auch so benennen sollte.

(Der Zaun, von dem auch in dem Buch die Rede ist, und ein Versuch war, die Kaninchenverbreitung einzudämmen, ist übrigens auch der Titel eines anderen Buchs, das schon länger auf meiner Wunschliste ist ich mir gerade endlich bestellt habe: „Follow the rabbit-proof Fence„* von Doris Pilkington, das ein bisschen Einblick gibt in die dramatischen Folgen welche die europäischen Invasion für die australische Erstbewohner*innen hatte.)

An Verharmlosungen gewöhnen wir uns aber besser, denn davon warten hier noch einige auf uns. Zum Beispiel ist an anderer Stelle davon die Rede, wie Hühner zu einer „köstlichen Hühnersuppe“ „verarbeitet“ werden. WTF?! Also, aus tierrechtlicher Sicht werden Hühner für Hühnersuppen missbraucht, nicht dazu „verarbeitet“. Hühner sind kein Rohstoff, der weiterverarbeitet wird. Und ob das Endergebnis dann „köstlich“ ist, ist aus tierrechtlicher Sicht einfach total scheißegal. Und natürlich wird klar: In diesem Buch geht es mitnichten um Tierrechte, sondern um Tierschutz. Der Unterschied ist grob gesagt: Tierrechtler*innen setzen sich z.B. dafür ein, dass Tiere grundsätzlich nicht in Käfige oder auf den Teller gehören. Tierschützer*innen sehen das nicht so, setzen sich aber z.B. für bessere Haltungsbedingungen ein. Tierrechtler*innen geht es dabei mehr um das Prinzip der Gleichwürdigkeit, nicht um Gleichberechtigung (auch das wird in dem Buch an einer Stelle falsch beschrieben) – mit der Presse- oder Wahlfreiheit können Tiere natürlich nichts anfangen, gleichwohl mit dem Recht auf Freiheit, Selbstbestimmung und Unversehrtheit.

Schon echt ein bisschen schlimm ist das Kapitel über Eier… Aber seht selbst:

„Die Hühner werden in engen Käfigen gehalten und mit industriellem Futter gefüttert. Als wüssten wir nicht, dass nur glückliche Hühner leckere Eier legen. Was kann man tun, um die Situation der Legehennen zu verbessern?“

Und Ihr ahnt es vielleicht schon: Die Lösung für die desaströsen Lebensumstände der Hühner, die für die Eierindustrie missbraucht werden, ist leider nicht, keine Eier mehr zu essen, sondern Eier aus der Biohaltung zu kaufen. Ohne Scheiß, da wird mir richtig schwer ums Herz. Wenn ich nämlich zum Beispiel zwischen Tierschutz und Tierrecht unterscheide, geht es mir nicht um Label oder ums Prinzip, es geht mir nicht um theoretische Unterschiede. Hier geht es ja wirklich um die Tiere. Es bricht mir echt das Herz, wenn das Leid der Tiere verharmlost wird, wenn es unsichtbar gemacht wird, wenn bei der Biohaltung steht: „Freiheit!!“ Mit Freiheit hat Biohaltung einfach NiX zu tun! Ja, Massentierhaltung ist grausamstes Elend – und es ist kein Kunststück, dass im Vergleich dazu Biohaltung viel besser aussieht. Aber man muss man sich mal vorstellen: In der Biohaltung werden auf einen Quadratmeter VIER Hühner zusammengepfercht! Was soll denn daran auch nur halbwegs okay sein? Das mag mehr Platz sein als in der Massentierhaltung, aber Massentierhaltung ist ein völlig inakzeptabler Vergleich, weil dort völlig inakzeptable, unzivilisierte, verrohte Zustände herrschen. Die Biohaltung ist einfach eine etwas weniger beschissene Version von krass Beschissen aber eben immer noch krass beschissen. Wie beschissen, kann man sich übrigens zum Beispiel auf www.biowahrheit.de angucken.

Und können wir auch mal darüber reden, dass da steht, dass „nur glückliche Hühner leckere Eier legen“? Das Glück der Hühner wird hier an den menschlichen Nutzen geknüpft! Unglückliche Hühner = unleckere Eier = wollen wir nicht. Glückliche Hühner = leckere Eier = so soll es sein. Das „Glück“ von Mensch und Tier sollte ihr ureigenes Recht sein. Sobald ein Mensch oder ein Tier auf die Welt kommt, sollte es das Recht auf ein würdiges Leben in Selbstbestimmung, Freiheit und Unversehrtheit innerhalb seines natürlichen Lebensraumes innehaben. So, jetzt habe ich mich ganz schön in Rage geschrieben. Ich merke, je länger ich schreibe, desto mehr lehne ich das Buch echt ab. Am Anfang dieses Textes fand ich es „schwierig“. Mittlerweile eher so „ätzend“.

Ich weiß, dass es einige oder vielleicht auch viele Veganer*innen geben wird, die das Buch trotzdem als Fortschritt feiern, und das finde ich durchaus nicht völlig unberechtigt: Ein großer Mainstream-Verlag, der sich diesem Thema annimmt, das war vor fünf oder zehn Jahren nicht denkbar. Und: Das Buch liefert ja auch wirklich jede Menge Gesprächsanlässe mit unseren Kindern – sowohl in negativer Form, indem man kritisch bespricht, was in dem Buch für Quatsch steht, oder in positiver Form, weil es daneben ja durchaus tierrechtlich relevante Informationen enthält. Und außerdem kann man ja an verschiedenen Stellen verändert/abmildernd vorlesen. Zum Beispiel kann man, wenn als Alternative zum Verzehr von Karpfen im Buch „Pilze in Sahnesauce“ vorgeschlagen wird, ja „Pilze in Sojasahnesauce“ vorlesen. Es ist also nicht so, dass sich das Buch als Grundlage, unseren Kindern einen sensiblen, empathischen Blick auf das Mensch-Tier-Verhältnis näher zu bringen, völlig disqualifizieren würde. Aber es braucht eine kritische Begleitung durch speziesismussensible Erwachsene. Wenn es diese kritische Begleitung nicht hat, halte ich es tatsächlich sogar für kontraproduktiv: Es reproduziert das gängige Narrativ (also sozusagen die gängige Erzählweise), dass Tiere durch den Menschen ausgebeutet werden dürfen, wenn man nur den Grausamkeitsregler ein klein bisschen runter dreht (man muss halt nur so tun, als sei es dann gar nicht mehr grausam). Dieses Buch ist ein großer Like-Button für die ganze „Wir essen nur ganz wenig Fleisch, und dann nur Bio“-Fraktion. Wir essen Tiere nämlich nicht, weil das mit unseren Werten vereinbar ist, sondern obwohl es nicht mit unseren Werten vereinbar ist. Und deshalb hat das „Tiere haben Rechte“ auch richtig gute Ansätze: Im Kapitel „Tiere sind keine Dinge“ wird darauf eingegangen, dass Tiere Gefühle haben. Und obwohl es Ausflüge zu Veganismus gibt („Was essen Veganer zum Frühstück?“), nimmt die Autorin dann doch immer wieder eine flüchtende Kurve, sinngemäß nachdem Motto: „Ja, eigentlich sollte man keine Tiere und Tierprodukte essen. Aber… dann müsste man ja vegan leben.“

Unterschiedliche Positionen in Bezug auf Tierrechte: „2 Der Mensch kann die Tiere nutzen (sie melken, ihre Eier einsammeln oder sie vor einen Schlitten spannen), aber er muss dafür sorgen, dass es ihnen gut geht. Die Tiere sollten keinen Schmerzen, keinem Stress oder anderem Leid ausgesetzt werden.“ – Hä?! Wie soll das denn gehen?

Unterm Strich kann man sagen: Das Buch ist eigentlich nicht wirklich ein Fortschritt, es ist tatsächlich einfach eine ziemlich mainstreamige Abbildung der gegenwärtig verbreiteten Haltung, die wir zum Tier haben. Es ist deshalb kein Fortschritt, weil es längst nicht mehr radikal oder auch nur außergewöhnlich ist, übermäßigen Fleischkonsum und Massentierhaltung in Frage zu stellen. Das ist sogar schon in der Industrie angekommen, und so stellen große Tierfabriken jetzt auch vegane und vegetarische Versionen ihrer Wurstprodukte her. Es gibt breite Kampagnen von Supermärkten oder Bioläden für Tierschutzlabel oder gegen Kükenschreddern. Wie wenig radikal, wie wenig fortschrittlich das ist, wird gerade am Kükenschreddern deutlich: Gängigerweise werden ja die männlichen Küken, die bei der Hühnerzucht in der Eierindustrie schlüpfen, direkt getötet, weil sie für die Eierindustrie nutzlos sind und für die Fleischproduktion nicht schnell genug wachsen um profitabel zu sein. Die Tierschutz-Lösung dafür ist, dass die Küken nicht mehr direkt nach dem Schlüpfen getötet werden – sondern erst ein paar Wochen später. Es ist mir unbegreiflich, aber Leute denken wirklich, dass das besser sei. 🤷🏽‍♀️

Also, ich weiß nicht. Kann ich das Buch empfehlen…? Ich weiß nicht. Ich lasse das bisher Geschriebene jetzt einfach mal so stehen.

Ola Woldańska-Płocińska: Tiere haben Rechte. Wir fordern Respekt! 88 Seiten. Ab 8 Jahren. Beltz-Verlag. 16,95 Euro | Link*

* Bei diesen Links handelt es sich um Affiliate-Links die zu Amazon führen. Solltet Du darüber ein Buch bestellen, bleibt der Preis für Dich gleich, aber ich bekomme ein kleines Provisiönchen. 🙂

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